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Kopfschmerzzentrum in Rostock : Schmerz lass nach

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Aus der Onlineredaktion

Seit einem halben Jahr arbeitet in Rostock das einzige Kopfschmerzzentrum im Nordosten – schon nach kurzer Zeit wurde es von Patienten regelrecht überrannt

svz.de von
erstellt am 09.Jan.2017 | 11:45 Uhr

Ihr ganzes Leben dreht sich nur noch um die unerträglichen Schmerzen, die in ihrem Kopf hämmern, pochen oder ziehen. Sie haben deshalb zum Teil ihre Ausbildung unterbrochen, die Arbeitsstelle und/oder den Partner verloren. Ihre Leidensgeschichte ist nicht selten eine jahrelange. Ihre Krankenakte umfasst mehrere Ordner, doch wirklich helfen konnte ihnen keiner der zahlreichen Ärzte, die sie aufgesucht haben.

Im Kopfschmerzzentrum Nord-Ost auf dem Gelände der Rostocker Universitätsmedizin in Gehlsdorf ist das anders. Und deshalb wird die Einrichtung, seit sie im Juni als erste ihrer Art im Nordosten die Arbeit aufgenommen hat, von Patienten geradezu überrannt, wie der Ärztliche Leiter des Zentrums, der Neurologe Dr. Tim Jürgens, erklärt. „Schon nach wenigen Wochen gab es eine Warteliste.“ Dabei sei es gar nicht der Anspruch, jeden Kopfschmerz-Patienten aus Mecklenburg-Vorpommern zu sehen. „Wir verstehen uns vielmehr als überregionales Referenzzentrum für die niedergelassenen Haus- und Fachärzte“, erläutert Jürgens. Denn ihnen fehlten, besonders bei komplexen Fällen, oft die Möglichkeiten, um rasch eine eindeutige Diagnose zu stellen. „Da bieten wir Unterstützung.“

Rund 80 Prozent der Deutschen leiden mindestens einmal im Leben unter Kopfschmerzen. In Mecklenburg-Vorpommern sind es Statistiken zufolge allerdings deutlich weniger Betroffene als im Bundesdurchschnitt, weiß Prof. Dr. Peter Kropp, Psychologischer Leiter des Kopfschmerzzentrums und zugleich Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Unimedizin. Erwiesenermaßen gebe es bei der Kopfschmerzhäufigkeit ein Nord-Süd-Gefälle: Während im Nordosten die wenigsten Beschwerden auftauchen, ist beispielsweise Freiburg Deutschlands Kopfschmerzhauptstadt. Und während bundesweit zehn Prozent der Bevölkerung an Migräne leiden, sind es in Mecklenburg-Vorpommern nur fünf Prozent.

Eine Erklärung dafür hat die Medizin nicht. Prof. Kropp glaubt, dass es mit dem „Morbus Mecklenburg“ zu tun haben könnte, der ganz speziellen, unaufgeregten Art der Menschen hier, bei Problemen erst einmal abzuwarten: „Mecklenburger haben den Ruf, geduldiger als zum Beispiel Großstädter zu sein. Deshalb gehen sie mit einem Ziehen in den Schläfen auch nicht sofort zum Arzt.“ Doch was manche als Tugend ansehen, könne tatsächlich gefährlich werden: „Symptome, die nicht ernst genommen und verschleppt werden, können chronisch werden und sich dramatisch auf die Lebensqualität auswirken“, warnt Kropp. Im Zentrum spiele darum auch die psychosoziale Betreuung eine besonders große Rolle.

Kopfschmerzen zu diagnostizieren, da sind sich die beiden Experten einig, kann eine große Herausforderung sein. Schließlich führt die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) in ihrer Klassifikation mehr als 200 verschiedene Kopfschmerzarten auf. Migräne und Spannungskopfschmerzen sind darunter die häufigsten. Gerade letztgenannte verschwinden bei vielen beinahe ebenso schnell wieder, wie sie sich eingestellt haben – nicht selten sogar ohne dass der Betroffene etwas dazutun muss. Ganz allgemein raten die Rostocker Experten, bei einer Kopfschmerzattacke viel zu trinken, sich viel zu bewegen - und die Seele baumeln zu lassen. „Besonders Menschen mit Migräne können nicht loslassen und verspüren eine ständige innere Unruhe. Maßnahmen zur aktiven Entspannung können bei ihnen Wunder wirken“, weiß Prof. Kropp. „Ein akuter Kopfschmerz lässt sich medizinisch mit normalen Schmerzmitteln ganz gut behandeln. Ein Problem ist aber, dass wir immer mehr Patienten haben, die Akutmedikamente schon zur Prophylaxe einnehmen. Damit öffnen sie die Tür für den Medikamenten-Übergebrauchs-Kopfschmerz, bei dem die körpereigene Schmerzhemmung beeinflusst wird “, erläutert Dr. Jürgens.

Eine andere Patientengruppe leidet am Cluster-Kopfschmerz – das sind stärkste Schmerzattacken, die zwischen einer halben und drei Stunden dauern und die bis zu achtmal am Tag, aber auch nachts auftreten können. „Diese Schmerzen sind so stark, dass es die Patienten nicht an einem Fleck hält und sie nur noch herumlaufen. Früher sagte man Selbstmord-Kopfschmerz dazu. Und auch heute berichtet mehr als ein Viertel der Betroffenen über suizidale Gedanken. 0,3 Prozent der Bevölkerung sind betroffen“, so Neurologe Jürgens. Im Kopfschmerzzentrum sei es möglich, „da den Druck rauszunehmen“ – mit Hilfe von Medikamenten, aber auch durch Verhaltenstherapie.

„Je mehr Beine ein Stuhl hat, umso fester steht er“, verdeutlicht Dr. Tim Jürgens den komplexen Therapieansatz. Doch nicht jeder Schmerz lässt sich eindeutig zuordnen, und nicht jeder spricht auf die gängigen Behandlungsmöglichkeiten an. Das aber bedeutet für den Patienten auch noch eine starke psychische Belastung. Gerade bei sehr seltenen Kopfschmerzformen sei die Diagnose daher schon der erste Schritt zur Genesung, betont Prof. Kropp: „Erst wenn man dem Kind einen Namen gibt, schließt der Patient seinen Frieden damit.“

Bei der Diagnostik kann das Team des Kopfschmerzzentrums auf das gesamte Leistungsspektrum der Universitätsmedizin zurückgreifen, also auf Radiologen und Chirurgen, aber auch auf Kollegen beispielsweise aus der Hals-Nasen-Ohren-, der Augen- oder der Zahnheilkunde. Sie werden oft auch mit herangezogen, wenn Patienten mit Gesichtsschmerz sich im Kopfschmerzzentrum vorstellen. Sie haben oft besonders lange Leidenswege hinter sich, weil ihre Symptome nicht immer eindeutig sind. „Durch die Bündelung von Kompetenzen können wir Schmerzen besser deuten, seltene neurologische Erkrankungen erkennen und schnell die Therapie einleiten“, so Jürgens. Letztere muss übrigens nur in seltenen Fällen in der Klinik erfolgen.


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