Kontroverse Landtagsanhörung zur Großforschungsanlage : "Schlüsselexperiment" oder Spielzeug?

<strong>Monteure arbeiten  im Max-Planck-Institut</strong> für Plasmaphysik in der Hansestadt Greifswald am Forschungsreaktor 'Wendelstein 7-X'. Foto: dpa
Monteure arbeiten im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in der Hansestadt Greifswald am Forschungsreaktor "Wendelstein 7-X". Foto: dpa

Projektleiter Thomas Klinger sieht in der Großforschungsanlage Wendelstein 7-X in Greifswald ein "Schlüsselexperiment" für die Energieversorgung. Energie-Experten betrachten sie als teures Spielzeug für Wissenschaftler.

svz.de von
27. März 2013, 07:36 Uhr

Schwerin | Projektleiter Thomas Klinger sieht in "seiner" Großforschungsanlage Wendelstein 7-X in Greifswald ein "Schlüsselexperiment" für die Zukunft der weltweiten Energieversorgung. Für den Energie-Experten der Umweltschutzorganisation Greenpeace, Heinz Smital, ist das Projekt eher ein teures Spielzeug für Wissenschaftler, das der Sonnen- und Windkraftforschung das Geld streitig machen könnte. Als es gestern bei einer Anhörung des Landtags um Nutzen und Risiken des Forschungsvorhabens ging, blieb Smital mit seiner Ansicht allerdings in der Minderheit.

Mit dem Wendelstein-Projekt des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik soll herausgefunden werden, ob durch die Verschmelzung von Atomkernen dauerhaft bezahlbare Energie gewonnen werden kann. Dazu wollen die Forscher in den nächsten Jahrzehnten heißes Wasserstoff-Plasma mit Magnetspulen bändigen, damit bei der Kernfusion effizient nutzbare Energie entsteht. Seit 1995 haben der Bund, die Europäische Atombehörde und das Land Mecklenburg-Vorpommern 880 Millionen Euro in das Projekt gesteckt. Bis zum Jahr 2019 sollen jährlich rund 60 Millionen Euro hinzukommen, wovon das Land jeweils fünf Millionen Euro übernimmt. Projektleiter Klinger sieht darin gut angelegtes Geld. Greifswald könne mit dem Wendelstein-Projekt an die Weltelite anschließen, internationale Forscher in Scharen nach Vorpommern locken. Anders als die Kernspaltung in herkömmlichen Atomkraftwerken sei die Kernfusion relativ ungefährlich.

Die Sicherheitsauflagen für den Schutz vor radioaktiver Strahlung nehme man in Greifswald sehr ernst. Kritiker hatten im vergangenen Herbst Risse in den bereits bestehenden Betonwänden und weitere Mängel in der Abschirmung ausgemacht - was gestern auch von den sonst atomkritischen Bündnisgrünen im Landtag nicht wieder aufgewärmt wurde. 2015 sollen die ersten Experimente beginnen. Aber vor 2050 rechnet niemand mit einer kommerziellen Anwendung der Kernfusion.

Unterstützt wurde Klinger von seinem Münchener Kollegen Thomas Hamacher, der in Greifswald das zukünftige "Mekka der Fusionsforschung" sieht. Ulrich Samm vom Institut für Energie- und Klimaforschung in Jülich plädierte dafür, dass sich die Energieforschung viele Wege offenhält - also auch den Greifswalder Weg.

Auch Greifswalds Oberbürgermeister Arthur König (CDU) und Michael Herbst von der Universitätsleitung machten sich für das Wendelstein-Projekt stark. Schließlich bringt es Geld, Arbeitsplätze und Studenten in die Stadt. Der Rostocker Elektronik-Wissenschaftler Harald Weber malte unterdessen ein düsteres Bild für die Welt in 40 Jahren, falls sie ohne Fusions-Energie auskommen muss.

Nur Heinz Smital war nicht zu überzeugen. "Man darf nicht glauben, dass die Energiewirtschaft auf die Ergebnisse der Wendelstein-Forschung wartet. Man wird die Kernfusion nicht brauchen", so der Greenpeace-Experte, der früher selbst Fusionsforschung betrieben hat, und deshalb dessen Faszination als "Spielzeug für Wissenschaftler" verstehen kann. Bis 2050 aber würden sich die Öko-Stromquellen enorm weiter entwickeln. Mecklenburg-Vorpommern müsse aufpassen, nicht mit der Fusionsforschung aufs falsche Pferd zu setzen, das irgendwann aus dem Rennen genommen wird, während die zukunftsträchtige Energie-Speicher-Forschung längst in Bayern betrieben wird.

Am Ende der Anhörung bekannten Vertreter von SPD, CDU und Linkspartei, das Wendelstein-Projekt weiter unterstützen zu wollen. Nur die Bündnisgrünen blieben skeptisch.

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