Wirtschaft : Schließt Putin Tür für Unternehmer in MV?

Geht auf Konfrontation zu Europa: Kremlchef Wladimir Putin. Gestern unterzeichnete er den Vertrag zur Aufnahme der Krim.
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Geht auf Konfrontation zu Europa: Kremlchef Wladimir Putin. Gestern unterzeichnete er den Vertrag zur Aufnahme der Krim.

Maschinen, Nahrungsmittel, Kunststoffe: Russland ist für den Nordosten ein wichtiger Handelspartner / Die Krise sorgt für Unruhe in den Exportabteilungen.

svz.de von
18. März 2014, 21:53 Uhr

Die Sorge wächst: Maschinen, Kunststoffe, Eisenwaren, Werkzeuge liefern Firmen aus MV nach Russland – vor allem aber Nahrungsmittel für Putins Riesenreich. „Russland gehört mit zu den wichtigsten Handelspartnern Mecklenburg-Vorpommerns“, meinte Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) gestern in Schwerin. Für 191 Millionen Euro haben die Russen zwischen Januar und September 2013 in MV eingekauft – der zehntgrößte Handelspartner für MV. Das Stahlbauunternehmen Stieblich in Güstrow, die Inros Lackner AG Rostock, die IMG Ingenieurtechnik und Maschinenbau GmbH Rostock – viele stecken im Russlandgeschäft. Glawe: „Uns ist wichtig, dass die wirtschaftlichen Beziehungen der Unternehmen beständig bleiben.“

Das wird sich zeigen: Seit Russlands Präsident Wladimir Putin mit der Einverleibung der Halbinsel Krim in die Konfrontationspolitik alter Tage zurückfällt, kommt in den Exportabteilungen Unruhe auf – Bangen vor Gegenreaktionen auf EU-Sanktionen. Noch sei bei den Unternehmen wenig spürbar, sagt Jens Matschenz, Sprecher der Vereinigung der Unternehmensverbände MV: „Doch die Furcht ist da.“ Mit jeder Eskalationsstufe werde sie größer.

Zum Beispiel in der Holzwirtschaft: In Wismar leben das Großsägewerk Ilim Nordic Timber und der Schichtholzproduzent Hüttemann von Holz aus Russlands Wäldern. Noch gebe es keinen Anlass zur Sorge, sagt Hüttemann-Vertriebschef Harry Anscheit. Der Manager setzt auf Nachbarschaft: Das Timber-Werk in Sichtweite sei in russischer Hand. Hüttemann werde auch von dort mit Rohstoffen versorgt. Russische Betriebe in Deutschland – das könnte von Vorteil sein.

Einschnitte im Russland-Handel – darunter würde der Fährhafen Sassnitz leiden. Jahrelang hatte der größte deutsche Eisenbahnfährhafen um eine Verbindung nach Ust-Luga gebaggert – und sie 2012 eröffnet. Noch wirke sich die Krim-Krise nicht negativ aus, meint Hafenchef Harm Sievers: „Jedoch verzeichnen wir durch die Rubel-Krise der vergangenen Monate Zurückhaltung im Exportgeschäft.“

Auch einen der größten Problemfälle in MV könnte es treffen: Seit Monaten wird für die insolvente Volkswerft ein neuer Investor gesucht. Einer der Interessenten: der russische Eigner der beiden Nordic-Werften in Wismar und Warnemünde, Witali Jussufow. Der Russland-Konflikt – bringt er jetzt auch die Werftengespräche in MV in Gefahr? Volkswerft-Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann will davon nichts wissen. Mit Nordic werde mit einem Unternehmen aus dem Schiffbau in MV über einen Einstieg in Stralsund verhandelt, stellte Brinkmann-Sprecher Cord Schellenberg gestern klar: „Wir sind im Gespräch.“ Das bisherige Angebot sei aber noch nicht annahmefähig. Und doch schwingt in der Branche Unsicherheit mit. Längst ist es ein offenes Geheimnis, dass seinerzeit auch beim Verkauf der insolventen Wadan-Werften in Wismar und Warnemünde an Jussufow in Moskau die Strippen gezogen wurden.

Folgt der politischen Krise eine Energie-Krise durch ausbleibende russische Gas-Lieferungen – MV wäre mittendrin. In Lubmin endet die Gaspipeline, die russisches Erdgas nach Europa bringt. Noch müssen sich die Verbraucher wenig sorgen machen. Der milde Winter hat die Speicher voll gelassen. Nur: Die Versorger hätten in der Vergangenheit Krisen gern als Grund für Preiserhöhungen genutzt, auch wenn es dafür keine Grund gegeben habe, meinte Horst-U. Frank, Energieexperte der Verbraucherzentrale.

Krise auf der Krim, Eiszeit zwischen Russland und Europa: Die Schweriner Landesregierung bleibt von der Entwicklung unbeeindruckt. Die Staatskanzlei hält an ihrem Vorhaben fest, Ende September ein deutsch-russisches Wirtschaftstreffen zu organisieren. Selbstverständlich behalte er die weitere Entwicklung in der Ukraine und Russland im Auge, so Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) gegenüber unserer Redaktion. Aber: „Wirtschaftlicher Austausch kann zur Verständigung beitragen. Miteinander reden ist besser, als Brücken abzubrechen.“ Bei der Veranstaltung sollen Unternehmen aus Russland und Mecklenburg-Vorpommern zusammengebracht werden. Verkehrsminister Christian Pegel (SPD) fängt damit schon kommenden Donnerstag an – beim Logistik-Gipfel in St. Petersburg.


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