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Besuch in Redefin : Schließlich heißt es Landgestüt

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Aus der Onlineredaktion

Redefin steht wie kaum ein anderer Name für die Zucht edler Vierbeiner in Mecklenburg-Vorpommern. Zehntausende besuchen jährlich das traditionsreiche Landgestüt. Dennoch gibt es Kritiker

svz.de von
erstellt am 02.Okt.2017 | 12:00 Uhr

Den entscheidenden Satz sagt Antje Kerber ganz zum Schluss. In der Position einer Reiterin, mit durchgedrücktem Rücken und den Händen auf dem Schoß, sitzt sie auf einem Stuhl inmitten des alten Rossarztstalles. Früher standen dort kranke und gesunde Pferde zusammen, heute hingegen zwei alte Kutschen, die nur noch ausfahren, wenn ein besonderer Tag ist. In absehbarer Zeit, erklärt sie, werde das Gestüt in Redefin alleine, ohne die finanzielle Hilfe des Landes nicht überleben können. Sie nickt kurz, um danach den Satz in abgewandelter Form zu wiederholen: „Dann wären wir zur Schließung gezwungen.“ So deutlich hatte sie, die Geschäftsführerin, es noch nie gesagt.

Es gehörte zur Idee dieses Textes, die seit Jahren nicht abreißende und oft vom Schreibtisch aus formulierte Kritik abzugleichen mit der Wirklichkeit. Was passiert auf dem Gestüt, dem Vorzeigeobjekt des SPD-Landwirtschaftsministers Till Backhaus, das seit 1993 in Besitz des Landes ist und jährlich mit über einer Million Euro bezuschusst wird? Die vielen negativen Schlagzeilen – Verdacht der Veruntreuung, der prüfende Blick des Rechnungshofes, dauerhaft verschenktes Steuergeld – so wirkt es, haben Antje Kerber vorsichtig werden lassen. Dabei hatte sie mit jenem beschriebenen Aufruhr nichts zu tun, wurde sie doch 2009 von Backhaus geholt, um Ruhe nach Redefin zu bringen.

 

Kerber, das braune Haar zum Pferdeschwanz gebunden, die mit dem Pferdekommando „Brrr“ schon mal ein laufendes Gespräch unterbricht, wenn etwas unklar ist oder ihr es zu schnell geht; sie hat für den Besuch alles minutiös geplant: Einblick in die Samenbank, dann in die Reithalle, eine Kutschfahrt, ein Abstecher zu den Proben für die Hengstparade, zum Schluss ein Interview. Den ausgesuchten Protagonisten hatte sie extra angeordnet, für ein einheitliches Bild in Dienstkleidung zu erscheinen, eine grünfarbene Uniform samt Mütze, die bei flüchtigem Hinsehen aussieht wie der abgelegte Aufzug der Polizei. Nicht jeder hat sich im Detail daran gehalten, zwei Kollegen werden deswegen später einen kurzen Disput führen, draußen auf dem von Tribünen gerahmten Paradeplatz, der eine auf seinem Hengst, der andere auf dem Boden als sein Dirigent. Und Kirsten Stelljes, zuständig für Verwaltung und Vertrieb, wird es mit einem Lächeln quittieren und sagen: Wo Menschen und Pferde aufeinandertreffen, „da sind viele Charaktere“ und „jeden Tag andere Gemüter“.

Wer noch nie auf dem Landgestüt in Redefin war, der kann sich schwer daran tun, es zu finden. Zwischen Pritzier und Ludwigslust, an der Bundesstraße Nummer 5, führt eine unscheinbare, von Bäumen gesäumte schmale Straße zu dem klassizistischen Ensemble, entworfen und erbaut im 19. Jahrhundert, in den letzten Jahren aufwendig für 30 Millionen Euro saniert. Tatsächlich wirkt das 30 Hektar große Areal wie aus einer anderen Zeit, die meisten Wege sind für die Gesundheit der Pferde aus Sand und wenn nicht, dann hört man das rhythmische Klacken der Hufeisen auf den Pflastersteinen. An einem Spätsommermorgen in Mecklenburg, das Licht milchig, die mit Tau überzogenen Felder rund um das Gestüt, freilaufende Pferde auf den Koppeln; man könnte sagen, es ist kitschig. Oder aber einfach auch: schön.

Bevor Antje Kerber jeden Tag gegen acht Uhr an ihren Schreibtisch muss, um die viele Verwaltungsarbeit zu erledigen, geht sie über das Gestüt und genießt: Stippvisiten in den Ställen, den Geruch von frischem Heu, Kontakt zu den Kollegen und Pferden. Für sie eine Erinnerung an die eigene Kindheit, der damals entdeckten Liebe zum Tier, weg von der spröden Büroarbeit. Zum 10. Geburtstag schenkten ihr die Eltern ein Pony und ohne es zu ahnen, zeichneten sie ein ganzes Leben vor: Ausbildung zur Pferdewirtin, die sie wegen eines Reitunfalls abbrechen musste, Studium der Agrarökonomie. „Mit dem Pony haben sich meine Eltern sozusagen ins Verderben gestürzt.“ Sie lacht.

Aber Kerber weiß, einen Betrieb zu führen bedeutet nun mal, meist von der Organisation verhaftet zu sein, stets das große Ganze im Blick zu haben. Sie führt 32 Mitarbeiter und elf Auszubildende, in den Ställen stehen rund 150 Pferde, 20 von ihnen gehören privaten Besitzern, die sie hier ausbilden lassen. Ein Drei-Säulen-Modell sei die Arbeit in Redefin, erklärt sie. Da ist die Hengstzucht, vor allem für die Deckung, aber auch den bloßen Verkauf von Sperma. Züchter können es für ihre Zuchtstuten bestellen und nach Hause schicken lassen. Auf dem Gestüt geht’s natürlich auch. Backhaus sagte einmal, in Redefin schlummerte die „Genreserve für das Land Mecklenburg-Vorpommern“. Er meint das bei minus 196 Grad tief gefrorene Pferdesperma der alten Mecklenburger Linien, prächtige Hengste wie Juventus, dessen Heimat nicht mehr der Stall, sondern ein Stickstoffbehälter ist, verstaut in einem karg eingerichteten und klinisch aufgeräumten Labor. Juventus starb vor zwei Jahren, das Gestüt in Redefin führt ihn heute unter der Lebensnummer DE 305053001389 zu einer Decktaxe von 450 Euro.

Standbein Nummer zwei: die Landesreit- und Fahrschule mit ihren 90 Kursen pro Jahr, manchmal dauern sie einen Tag, manchmal auch drei Wochen. Sie heißen „Grundkurs Fahren“, „Dressur Spezial“ oder „Reiten im Damensattel mit eigenem Pferd“.

Bleibt noch die dritte, die nach Kerbers Aussagen wichtigste Säule, die Veranstaltungen. Jedes Jahr, sagt sie, kommen 80 000 Zuschauer auf das Gestüt, 12 000 alleine im September zu den drei Hengstparaden, wenn im eigenen Stadion die Reiter mit ihren Pferden römische Kampfwagen ziehen, über Hindernisse springen, Schaubilder reiten, die Buden Bier aus Lübz und Fleisch aus Teterow verkaufen. Stimmung wie auf einem Volksfest. Dazu Konzerte in den Reithallen für die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, ein Weihnachtsmarkt, Springturniere, eine Messe. Und Kerber will mehr: Warum nicht Lesungen, noch mehr Konzerte, es muss ja nicht immer klassische Musik sein.

Das sei es, worum es für sie in Redefin ginge. Kultur, im weitesten Sinne, die erhalten werden müsse: die 19 denkmalgeschützten Gebäude, die Pferdezucht, die Ausbildung, die Pflege des Heimatgedankens. Das kostet Geld. Und ja, das hat sie nie bestritten, es kommt jährlich ein Zuschuss in Millionen Höhe, zugewiesen von der Landesregierung, angetrieben von Till Backhaus, der für das Gestüt mit einer Verve kämpft, die einen entweder schmunzeln oder aber Respekt abgewinnen lässt. Zur Wahrheit gehört, dass andere kulturelle Einrichtungen ebenfalls Millionen bekommen, beispielsweise auch die landeseigenen Schlösser und Gärten. Offensichtlich ohne viel Bohai. „Es ist mir wichtig, dass die Politik auch langfristig dazu steht und wir nicht nach jeder Legislatur von Neuem anfangen müssen, zu kämpfen und uns zu rechtfertigen“, sagt Kerber. Schließlich heißt es Landgestüt.

 

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