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Krisenstimmung in Wittenburg : Schlecker-Frauen bangen um Existenz

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Ängste um die eigene Existenz kommen auf. Genauso wie Wut auf Anton Schlecker und die Politik, die den "Spielball hin- und herschießt", sagt eine Schlecker-Mitarbeiterin. Sie wünscht sich Unterstützung von der Regierung.

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erstellt am 15.Mär.2012 | 08:01 Uhr

Wittenburg/Ludwigslust | Tränen fließen. Ängste um die eigene Existenz kommen auf. Genauso wie Wut auf Anton Schlecker und die Politik, die den "Spielball hin- und herschießt", sagt Mandy Buseacker. Die Schlecker-Mitarbeiterin ist Mitglied im Betriebsrat für den Bezirk von Ludwigslust, Hagenow, Wittenburg bis hin nach Parchim und Lübz. Sie wünscht sich mehr Unterstützung von der Regierung, die die Verantwortung immer wieder zwischen Landes- und Bundesebene hin- und herschiebe. "Dabei wollen wir doch einfach nur Hilfe, wie sie in Männer dominierten Branchen, zum Beispiel in den Werften, auch gegeben wird", sagt sie, und ist sauer. Immerhin ginge es um jede zweite Mitarbeiterin, die von heut auf morgen auf der Straße sitzen würde, wenn es mit der Tranfergesellschaft nicht klappt. Und dass gerade in dieser Region die Frauen einen großen Teil des Lebensunterhaltes für die Familien mit bestreiten, scheine den Politikern nicht bewusst zu sein. "Es geht um unsere Existenz."

Verkäuferinnen weinen - Kunden auf Schnäppchenjagd

Bei diesen Worten fließen wieder Tränen. Es fällt den vier Mitarbeiterinnen in Wittenburg schwer, die Fassung zu bewahren. Und das bei gerammelt vollem Geschäft. Auf der Jagd nach den Schnäppchen vor der Filialschließung werden einige Kunden sogar dreist: "Was, nur 30 Prozent Rabatt?!", soll es zum Teil geheißen haben. "Vergünstigungen locken die Leute an", sagen die Kunden, ohne ihren Namen nennen zu wollen. So sei das eben. Darunter auch Stammkunden, die die Schließung bedauern und mit den "Schlecker-Frauen" fühlen. Die wiederum wünschten sich, dass die Kunden schon vorher so stark das Geschäft besucht hätten. "Dann wäre es vielleicht nicht so weit gekommen", sagt eine Mitarbeiterin.

Doch egal was kommt, sie bleiben bis zum bitteren Ende. Diese Solidarität zum Unternehmen sei angesichts der Umstände nicht selbstverständlich, sagt Betriebsratsvorsitzende Gisela Mörer, die um die Gemütslage der langjährig Angestellten nur zu gut weiß. "Wir sind betroffen. Und natürlich ist es schwer, unsere Mitarbeiterinnen weiter zu motivieren", beschreibt die Frau, die selbst in der Filiale in Ludwigslust arbeitet. Auch die soll nach dem 24. März dicht machen. Völlig am Ende, säßen sie an den Kassen. "Dass die Verkäuferinnen bis dahin noch jeden Tag zur Arbeit gehen und ihren Job machen, davor habe ich Hochachtung." Nur kurz gönnt sich eine der Wittenburger Mitarbeiterinnen eine Pause im Lagerraum. Im Stehen beißt sie hektisch von der Stulle ab, um schnell wieder bei ihren Kunden zu sein, die sich in der Wittenburger Filiale tummeln. "Das meine ich", sagt Gisela Mörer, die ihrer Kollegin erstmal einen Stuhl holt. "Nimm dir bitte die Zeit", sagt sie zu ihr. So weit gehe die Verbundenheit zum Arbeitgeber, so Gisela Möring. Dabei könnten sie sich auch krankschreiben lassen.

Viele haben schon Springer-Verträge bekommen. Damit helfen sie in Filialen aus, in denen Bedarf ist. Auch Mandy Buseacker. Die Ludwigslusterin hat zuvor in ihrem Heimat-Markt gearbeitet, der bereits dicht ist. Jetzt ist sie mal in Parchim, mal in Wittenburg. Manche müssten sogar bezirksübergreifend aushelfen. Doch sie tun es - um ihren Job zu behalten.

Noch stehe nicht fest, wer von den 50 Mitarbeiterinnen im Betriebsratsbezirk seinen Job behalten wird. Alle setzen jetzt ihre Hoffnung in die geplante Transfergesellschaft. "Der Insolvenzverwalter versucht alles, um das Geld dafür aufzubringen", so Gisela Möring. Denn dann seien sie wenigstens nicht sofort arbeitslos und würden weiter vermittelt. Bei diesen Worten fängt sie wieder an zu weinen. Denn wenn das nicht klappt, rechnen sich die Verkäuferinnen nur schlechte Chancen auf dem hiesigen Arbeitsmarkt aus. "Wir werden im Handel keinen Fuß mehr fassen", schätzt Mandy Buseacker, obwohl sie selbst erst 38 Jahre alt ist. Und viele seien noch älter. Ihre Angst ist nun, dass sie schon bald auf der Straße sitzen und nichts mehr zum Familieneinkommen beisteuern können.


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