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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 10:54 Uhr

Schillernde Kandidatin - öder Parteitag

vom

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erstellt am 05.Mär.2012 | 09:50 Uhr

Güstrow | So mancher Delegierte wird das Bekenntnis der Kandidatin mit Wohlwollen gehört haben. "Die erste Hand wurde uns von der DDR gereicht", sagte Beate Klarsfeld am Sonnabend auf dem Landesparteitag der Linkspartei in Güstrow. Die von den Linken für das Amt der Bundespräsidentin vorgeschlagene Publizistin erinnerte daran, dass das SED-Regime sie und ihren Mann Serge den Beginn ihres Lebens als "Nazi-Jägerin" unterstützte, indem sie die beiden einreisen ließ, um Unterlagen aus Potsdamer Archiven über die NSDAP-Vergangenheit des damaligen Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger (CDU) zu sichten. 1968 ohrfeigte Klarsfeld Kiesinger deswegen öffentlich. Es seien allerdings "NS-Akten" und keineswegs Stasi-Unterlagen gewesen, beteuerte Klarsfeld, die sich in Güstrow zum ersten Mal der Basis der Linkspartei vorstellte.

Der Besuch der Frau, die am 18. März gegen Joachim Gauck antritt, verlieh einem ansonsten unspektakulären Landesparteitag unverhoffte Aufmerksamkeit. Auch ihr Protest in Rostock im Jahr 1992, warb Klarsfeld, verbinde sie mit dem Nordosten. Wenige Wochen nach den Ausschreitungen gegen Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen reiste sie mit einer Gruppe junger französischer Juden und ehemaliger Nazi-Verfolgter an die Ostsee, um eine Gedenktafel für die von den Nazis ermordeten Roma am Rathaus anzubringen. Die Polizei habe die Demonstranten dann "brutalisiert", es folgte eine Nacht in Gewahrsam, erinnerte sich die Kandidatin. Dass damals einige junge Demonstranten einen Passanten angriffen, der ihnen der rechten Szene zugehörig schien, und später mit Reizgas Polizisten besprühten, erwähnte Klarsfeld nicht.

Applaus bekam die Präsidentschaftskandidatin, als sie das Verbot der NPD forderte. Unwidersprochen blieb ihr "persönlicher" Eindruck, dass die deutsche Polizei wenig dagegen habe, NPD-Veranstaltungen vor Demonstranten zu schützen, in solchen Fällen hege die Polizei "im Allgemeinen" mehr Sympathie für die NPD als für deren Kritiker, behauptete Klarsfeld. Zuspruch erhielt ihr Appell, Griechenland dürfe wegen seiner Schuldenkrise von den anderen EU-Mitgliedern nicht gedemütigt werden. Sie werde sich im Falle ihrer Wahl zur Bundespräsidentin "für ein moralisches Europa" einsetzen, versprach Klarsfeld. Als sie erwähnt, dass sie von der israelischen Knesseth zweimal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde, rührte sich allerdings keine Hand zum Applaus.

Trotz mancher kritischer Töne im Vorfeld der Kandidatur hatten die Delegierten der Linkspartei keine einzige Frage an die Kandidatin - weder zu ihrer uneingeschränkten Freundschaft mit Israel, noch zu ihrer Unterstützung für den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, den der Landesparteitag später in einem Antrag zur Europa-Politik als unsozialen und neoliberalen Machtpolitiker geißelte.

Aber da hatte sich Klarsfeld längst wieder auf den Weg nach Berlin gemacht. Dabei hatte doch die Bundesvorsitzenden Gesine Lötzsch die Losung ausgegeben, die Linke könne keinen Kandidaten unterstützen, der nicht für soziale Gerechtigkeit eintrete.

Der Landesvorsitzende Steffen Bockhahn hatte zur Begrüßung des prominenten Gastes eingeräumt, nicht alle Positionen Klarfelds zu teilen. Aber das sei doch "eine Bereicherung und Herausforderung, liebe Genossen". Klarsfeld stehe für einen kompromisslosen Kampf gegen alte und neue Nazis. Joachim Gauck unterstellte Bockhahn unterdessen, die Verbrechen Hitler-Deutschlands zu relativieren. Einen Beleg dafür lieferte er nicht.


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