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Reporterin aus Ostsee gerettet : Schiffbruch mit Stefanie

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Seenotretter aus Sassnitz trainieren vor der Küste Rügens den Ernstfall. Mit dabei: unsere Reporterin Stefanie Milius.

svz.de von
erstellt am 29.Aug.2014 | 12:00 Uhr

Es ist nur ein kleiner Schritt. Und doch klopft mein Herz immer schneller vor Aufregung. Das Boot wiegt hin und her, ich versuche in dem viel zu großen Überlebensanzug nicht den Halt zu verlieren. Dann ist es soweit. Ich kreuze die Arme vor dem Oberkörper, hole noch mal tief Luft und wage den Schritt. Mit den Füßen voran springe ich in die Ostsee – weitab von der Küste Rügens.

Mein Sprung ins kühle Nass ist Teil einer Übung der in Sassnitz stationierten Seenotretter. Sie trainieren die Personenrettung aus dem Wasser – und ich spiele das Opfer. Die elf Mann starke Besatzung des Seenotkreuzers Harro Koebke probt regelmäßig den Ernstfall. „Wir haben eine Liste von Rettungsmitteln, die wir nach und nach abarbeiten“, erzählt Vormann Andreas Schumacher (47). Der gelernte Fischer ist seit 1997 bei der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), wie schon sein Vater vor ihm.

Sein Schiff, die Harro Koebke, ist die modernste Rettungseinheit der DGzRS-Flotte, die größte in der Ostsee und gerade zwei Jahre alt. Kosten: 15 Millionen Euro. Finanziert wurde der Kreuzer, wie die gesamte Arbeit der DGzRS, ausschließlich durch freiwillige Zuwendungen. „Rettungsschiffe werden in Handarbeit gefertigt. Sie sind Einzelbauten“, erklärt Gesellschaftssprecher Christian Stipeldey den hohen Kaufpreis. Ausgestattet ist die Harro Koepke mit Tochterboot, leistungsstarken Feuerlösch- und Fremdlenzanlagen, umfangreichen Schleppmöglichkeiten und der neuesten Navigations- und Kommunikationstechnik. Zudem beherbergt das als Selbstaufrichter konstruierte Schiff über ein Bordhospital, das medizinisch ausgerüstet ist wie ein Rettungswagen.

Hoffentlich muss ich die Krankenstation nicht in Anspruch nehmen, denke ich, während ich auf See dahintreibe. Die im Überlebensanzug eingeschlossene Luft hält mich wie eine Boje an der Wasseroberfläche. Schwimmen? Unmöglich! Ich kann mich kaum bewegen. Die Strömung entfernt mich in einem erschreckend hohen Tempo immer weiter von der Harro Koebke. Ich bin hilflos. Die Stille hier draußen ist erbarmungslos. Zum Glück ist das nur eine Übung. Ich kann mir nicht mal annähernd vorstellen, welche Ängste jemand ausstehen muss, der tatsächlich in Seenot geraten ist.

Zu 40 bis 60 Einsätzen im Jahr werden die Sassnitzer Rettungskräfte gerufen. Dabei sind es nicht immer Schiffbrüchige, denen sie zu Hilfe kommen. „Die Hälfte unserer Einsätze betrifft den Wassersport. Am häufigsten müssen wir wegen technischer Schwierigkeiten wie Motorschäden raus“, sagt Schumacher. Die Mannschaft birgt zudem Verletzte. Auch an Land. Das ist auf Rügen nicht ungewöhnlich. Der Grund: An den Steilküsten der Insel ist eine Bergung von Verwundeten über den Landweg nur schwer möglich. Die Männer der DGzRS helfen in solchen Fällen von der Wasserseite aus.

Auf hoher See sichern die Männer der Harro Koebke ein stark befahrenes Revier. So haben sie neben den Wassersportlern auch mit Fischern und der Großschifffahrt zu tun. Nördlich und östlich der Insel kreuzen sich die Fährlinien zwischen der Lübecker Bucht und dem Baltikum und Skandinavien sowie zwischen Polen und Skandinavien.

Fernab dieses Getümmels treibe ich noch immer in der Ostsee. Doch Rettung naht. Mit drei Seenotrettern an Bord nähert sich das Tochterboot der Harro Koebke, die Notarius, und bringt sich neben mir in Stellung. Das Schiff wirkt riesig, fast bedrohlich. Einer der Männer packt mich an der Schulter und zieht mich längs des Bootes und mit dem Kopf voran in ein netzartiges Gebilde aus Kunststoff. Damit heben mich die Männer aus dem Wasser. Genauer gesagt, drehen sie mich um meine eigene Achse und rollen mich so ins Boot. Ich atme durch und bin glücklich über meine „Rettung“.

Erleichterung sei immer die erste Reaktion der Geretteten, so Schumacher. „Sie sind froh über unsere Hilfe. Einige kommen im Nachhinein zu uns und bedanken sich nochmal“, erzählt er. „Den meisten fällt ein Stein vom Herzen, wenn wir da sind“, fügt Manfred Lucas (59) hinzu. Der erste Maschinist der Harro Koebke leistet seit 1993 den Dienst als Retter unter dem roten Hansa-Kreuz. Zur DGzRS zu gehen, war schon immer sein Traum. „Mein Vater war Hafenkapitän. Als Junge war ich oft auf seinem Schiff. Seenotretter zu werden, war programmiert.“

Lucas gehört zu elf fest angestellten Seenotrettern in Sassnitz im Alter von 40 bis 62 Jahren. Jeweils fünf von ihnen leben und arbeiten rund um die Uhr an Bord. 14 Tage lang. Anschließend haben sie genauso lange frei. Nach einer Woche wechselt ein Teil der Besatzung. „Damit stellen wir sicher, dass es immer jemanden gibt, der über länger zurückliegende Ereignisse Bescheid weiß“, erklärt Lucas.

Das Leben in der Männer-WG auf See ist klar strukturiert. Die meiste Zeit verbringt die Besatzung damit, die technischen Anlagen zu warten. „Der Kreuzer muss ständig in Schuss gehalten werden, damit wir zu jeder Zeit einsatzbereit sind“, so Lucas. Auch das Putzen und Kochen sei planmäßig organisiert.

Bei ihrer Arbeit unterstützt werden die Seenotretter bei Bedarf von freiwilligen Helfern, von denen viele Quereinsteiger aus der Marine oder der Fischerei sind. Dabei seien nautische Erfahrungen für das Engagement als Freiwilliger nicht notwendig, so Schumacher. Interessenten müssten lediglich ihre Seediensttauglichkeit nachweisen, die Ausbildung zum Seenotretter absolvieren und möglichst in der Nähe einer Rettungsstation wohnen. Und sie müssen Teamspieler sein. Denn an Bord muss sich jeder auf den anderen verlassen können.

Auf der Harro Koebke bin ich mittlerweile auch angekommen. Der Überlebensanzug hängt längst im Duschraum unter Deck. Mit einem Handtuch trockne ich mir die Haare, die nach der salzigen Ostsee riechen. Die Besatzung ist zufrieden mit dem Verlauf der Übung und ich bin Stolz, den kleinen Schritt gewagt zu haben.

 

Aus dem Loguch: Hilfe auf hoher See und an Land

14. August 2014: Gegen 1 Uhr etwa 25 Seemeilen  nordöstlich von Sassnitz  ist ein Kutter aufgrund eines Maschinenschadens manövrierunfähig. Die Harro Koebke nimmt das Boot auf den Haken und schleppte es nach Sassnitz.

16. Juli 2014: Die  freiwillige Feuerwehr rettet einen 13-Jährigen aus der Steilwand unterhalb des Königsstuhls auf Rügen, können ihn aber aufgrund der örtlichen Gegebenheiten nicht nach oben über Land abtransportieren. Die Harro Koebke hilft bei der Abbergung  über den Wasserweg.

18. Oktober 2013: Eine britische Segelyacht kollidiert nördlich der Insel Rügen bei Starkwind mit einem russischen Frachtschiff und erleidet dabei  schweren Schaden. Die Harro Koebke kann die manövrierunfähige Yacht sichern und nach Glowe (Rügen) einschleppen.

28. September 2013: Ein Fahrgast eines Fährschiffes auf dem Weg von Travemünde ins lettische Liepaja geht in der Ostsee über Bord. Die Harro Koebke sucht gemeinsam mit Seenotrettern aus Schweden und Dänemark nach dem Schiffbrüchigen. Nach einer Stunde im Wasser kann der 29-jährige Este unterkühlt gerettet werden.

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