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Mecklenburg-Vorpommern

24. August 2017 | 06:38 Uhr

Rothener Hof : Schicksale gestern und heute

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Ausstellung „Flüchtlingsgespräche“ zeigt Parallelen zwischen Geschichten von 1945 und 2015

„Gegessen haben wir, was wir fanden oder erbettelten. Oft haben wir in Strauchbuden, die die Frauen aus Ästen bauten oder in Ruinen geschlafen.“ „Wir waren zu Fuß, in nassen Kleidern, kein Essen, keine Toilette, kein Platz zum Schlafen.“

Zwei Berichte, die sich gleichen. Und doch liegen 70 Jahre dazwischen. Elli Zielke (75) floh 1944 mit Mutter und Tante aus Schlesien, Alaa Faisal Nayef (24) 2015 mit ihrem Bruder aus Damaskus in Syrien. In Mecklenburg haben sich ihre Geschichten gekreuzt – die Dörfer Bolz und Dabel wurden zu Endpunkten langer Wege.

Solveig Witt aus Dabel und Christian Lehsten aus Rothen bei Sternberg haben jetzt Fluchtgeschichten ihrer Nachbarn aufgeschrieben – von damals und von heute. Entstanden ist daraus eine Ausstellung, die am Pfingstwochenende erstmals an den Außenwänden des Rothener Hofs in der Kastanienallee zu sehen ist. „Wir haben die Bilder und Texte bewusst an die Fassade geschraubt. Zu ,Kunst offen‘ sind viele Menschen unterwegs. Und wenn dann Fotos dort hängen von Opa Scholz oder Frau Wagner, die hier fast jeder kennt, kommt keiner daran vorbei“, hofft Christian Lehsten.

Der Fotograf weiß, dass die Geschichten von der Flucht viele Menschen bewegen – auch deshalb, weil sie das Schicksal teilen oder die Eltern und Großeltern auf diese Weise nach Mecklenburg gekommen sind. Aber was ist mit den Geschichten derer, die auch fliehen mussten und die zwar in Deutschland, aber oft noch nicht in der Gemeinschaft angekommen sind? In der Ausstellung kommen acht Protagonisten zu Wort. Sie stammen aus Afghanistan und Pommern, aus Lissau in Ostpreußen und aus Damaskus in Syrien, aus Gnadenfrei und Rosenberg in Schlesien, aus Homs und Aleppo in Syrien.

Wenn auch die Fluchtursachen unterschiedlich sind, so wollen die Ausstellungsmacher doch Parallelen aufgreifen. „So gab es zum Beispiel die Ablehnung der Flüchtlinge schon einmal“, sagt Solveig Witt und Christian Lehsten fügt hinzu: „Diskriminierung und Diffamierung waren in den 40er-Jahren ähnlich wie heute. Die Flüchtlinge galten als ,Zigeuner‘ oder die aus der ,Batschka‘, die angeblich das Messer immer schnell zur Hand hatten.“

Können wir es heute nicht besser machen? Diese Frage ist Solveig Witt eine Herzensangelegenheit. Die Tierärztin, die zurzeit als Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache an der Grundschule Dabel arbeitet, engagiert sich im Dabeler Helferkreis für die Neuankömmlinge. Rund 20 Einwohner haben sich hier zusammengeschlossen, um den Menschen in der Dabeler Flüchtlingsunterkunft bei Alltagssorgen zur Seite zu stehen. Nicht alle finden das gut: Es gibt Nachbarn, die nicht mehr grüßen oder den Kontakt abbrechen. Dass sie angefeindet wird, weil sie anderen hilft, kann Solveig Witt nicht verstehen. „Neulich bin ich mit meinen Schülern durchs Dorf gegangen. Eine Frau kam vorbei und ich habe den Kindern erklärt, dass wir hier freundlich ,Guten Morgen‘ sagen. Die Frau aber hat wortlos die Straßenseite gewechselt.“

Die Dabelerin hat aber auch andere Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel die, dass durch persönliche Kontakte viele Ängste verschwinden – wenn Menschen sich auf die Neuankömmlinge einlassen. „Daher war es uns so wichtig, Geschichten Einzelner zu erzählen“, sagt sie. „Und selbst wenn wir dann nur Einzelne bewegen, ist mit jedem etwas gewonnen.“

Christian Lehsten ist davon überzeugt, dass sich die Gesellschaft verändern wird: „Da helfen keine Zäune.“ Er hat in allen Gesprächen erfahren, dass es für keinen der Menschen leicht war, die Heimat zu verlassen, weder gestern noch heute. Elli Zielke musste erleben, wie ihre kleine Schwester, die unterwegs geboren wurde, verhungerte – sie wurde drei Wochen alt. Und Roghiyeh Azimis Kinder kennen nur ein Leben auf der Flucht. Als die Eltern, die einer schiitischen Minderheit in Afghanistan angehörten, von Gewalt und Todesdrohungen aus der Heimat vertrieben wurden, war ihre älteste Tochter ein Baby. Seit einiger Zeit ist die Familie in Deutschland, das Mädchen ist jetzt acht Jahre alt.

In Rothen ist die Ausstellung am Sonnabend, Sonntag und Montag zu sehen, im Juni dann in der Stadtkirche Sternberg und im Juli in der Pfarrkirche Güstrow. „Und wir leihen sie gern auch weiter aus, sie soll wandern“, wünscht sich Christian Lehsten. Acht Fotos, acht Fluchtgeschichten: Parallel zur Ausstellung gibt es auch eine Broschüre, die das Thema noch weiter tragen soll.

Christian Lehsten stimmt der Gedanke zuversichtlich, dass es schon vor 70 Jahren Menschen gab, die die Neuankömmlinge als Bereicherung sahen – weil sie in Mecklenburg ihr Handwerk ausübten, in der Landwirtschaft anpackten, beim Aufbau halfen. Denn alle hatten nur einen Wunsch: Sie wollten ankommen, sich nach dem Verlust der Heimat wieder ein Leben aufbauen. Auch das ist heute nicht anders. Roghiyeh Azimi sagt: „Ich bin erst 30 Jahre alt, aber ich bin so müde. Ich möchte endlich irgendwo zu Hause sein... ohne Angst.“
 

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erstellt am 14.Mai.2016 | 16:00 Uhr

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