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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 15:02 Uhr

Scheuer Herrscher bis zum Tod

vom

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erstellt am 21.Apr.2013 | 05:59 Uhr

Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen einer Monarchie und einer Republik ist die nie versiegende Pflicht des Fürsten zur Repräsentation. Von der Wiege bis zur Bahre galt es, den Untertanen ein Schauspiel zu bieten, ein Bild von Würde und Glanz zu vermitteln. Viele Herrscher litten unter dieser aufgezwungenen Selbstdarstellung, versuchten verzweifelt, sich zumindest einen Rest von Privatleben zu erhalten. Am ehesten ließ sich dies noch außerhalb der Residenz, auf abgelegenen Jagdschlössern oder im Ausland verwirklichen.

Der kranke Großherzog Friedrich Franz III. lebte so meist in seiner Villa in Cannes an der Riviera und kam nur im Sommer einige Monate nach Mecklenburg, wo er sich dann überwiegend in Gelbensande aufhielt. So öffentlichkeitsscheu wie er lebte, so wollte er auch beerdigt werden. Die fürstliche Grablege in der Heilig-Blut-Kapelle im Schweriner Dom, wo sein Vater und Großvater in prunkvollen Messingsarkophagen ruhten, sagte ihm wenig zu.

1890 schrieb er an Baurat Daniel: "Ich will nicht im Dom zu Schwerin beigesetzt werden, da das offene Dastehen in einer öffentlichen Kirche, das Besehenwerden als Curiosum, das gelegentliche und öftere Beiseitegeschobenwerden bei Bauten und anderen Beisetzungen nicht das ist, was ich mir unter friedlicher, ungestörter Grabesruhe vorstelle". Er entschied sich stattdessen für das Helenen-Mausoleum in Ludwigslust als Ort seiner Beisetzung.

Am 10. April 1897 starb Friedrich Franz III. in Cannes. Da sein Sohn noch minderjährig war, übernahm sein Bruder Herzog Johann Albrecht die Regentschaft. Der Ablauf der Beerdigungen erfolgte nach einem genau festgelegten Zeremoniell, das seit Jahrhunderten kaum verändert worden war. Johann Albrecht war entschlossen, diese Tradition zu wahren. Der Tod eines Fürsten war schließlich keine private Tragödie, sondern ein öffentliches Ereignis. Die repräsentativen Pflichten eines Herrschers waren mit seinem Tod nicht beendet.

Zahlreiche Geistliche erwiesen dem Großherzog letzte Ehre

Der Regent legte großen Wert darauf, dass die Einwohner die Möglichkeit hatten, Abschied von dem verstorbenen Großherzog zu nehmen. Vergeblich trat die Großherzoginwitwe Anastasia für den direkten Transport des Sarges von Cannes nach Ludwigslust ein, "da Friedrich sich oft gegen vieles Umherfahren einer Leiche ausgesprochen" hatte. Dieses Vorgehen hätte die Bewohner der Residenzstadt Schwerin vor den Kopf gestoßen. Johann Albrecht ignorierte daher den Wunsch seines verstorbenen Bruders und ordnete an, den Sarg zunächst nach Schwerin zu bringen und ihn hier in der Schlosskirche öffentlich aufzubahren, "da es für das Gefühl der Bevölkerung besser" wäre. Am folgenden Tag wurde der Tote dann nach Ludwigslust überführt und hier am 21. April 1897 beigesetzt. Nach dem Trauergottesdienst wurde der Sarg dann in feierlicher Prozession von der Ludwigsluster Stadtkirche zu dem im Schlosspark gelegenen Mausoleum gebracht. Der Platz jedes Einzelnen im Trauerzug war vorher vom Hofmarschallamt genau festgelegt und ein gedrucktes Regulativ an alle Teilnehmer verteilt worden.

Das obenstehende Bild aus dem Landeskirchlichen Archiv Schwerin zeigt die mecklenburgischen Geistlichen, die dem Sarg vorangingen. Sie waren in großer Zahl erschienen. Von den insgesamt etwa 350 Pastoren des Landes waren über 100 eigens nach Ludwigslust gereist, um ihrem Großherzog die letzte Ehre zu erweisen. Diese hohe Beteiligung erklärt sich sicherlich auch daraus, dass der Fürst seit Luthers Zeiten in den protestantischen Gebieten auch als geistliches Oberhaupt und Landesbischof fungierte. Gut zu erkennen sind die Pastoren von Wismar und Rostock, die kein Beffchen, sondern die in den Hansestädten übliche Halskrause tragen. Die ebenfalls auf dem Bild zu sehenden, dicht gedrängten Reihen der Zuschauer lassen auf eine rege Beteiligung der Bevölkerung schließen. Die Behauptung der Mecklenburgischen Zeitung, die Menschen seien "von überall her in ungezählten Scharen" gekommen, war sicherlich nicht ganz aus der Luft gegriffen. Verglichen mit der Beerdigung seines sehr populären Vaters 14 Jahre zuvor in Schwerin war der Andrang aber eher bescheiden. Der ständig abwesende Friedrich Franz III. war in Mecklenburg wenig bekannt und wenig beliebt gewesen.

Dass trotzdem mehrere tausend Menschen zur Beerdigung in Ludwigslust waren, hängt sicherlich damit zusammen, dass es sich hier um ein äußerst seltenes "Event" handelte. Nur viermal (1837, 1842, 1883 und 1897) wurde im 19. Jahrhundert in Mecklenburg-Schwerin ein regierender Großherzog beerdigt. Hierbei wurde dem Publikum einiges geboten. Dem Trauerzug voran ritten eine Abteilung Gendarmen, eine Schwadron Dragoner und die großherzoglichen Revierförster. Der Leichenwagen wurde von acht schwarz behangenen Pferden gezogen, jedes zur Sicherheit von einem Stallknecht geführt. Neben dem Sarg gingen die 20 ranghöchsten Adeligen des Landes, die Führer der Ritterschaft. Der Leiche folgten über 50 Großherzöge, Prinzen und Fürsten, angeführt von der deutschen Kaiserin. Hinter diesen gingen die auswärtigen Gesandten und die mecklenburgischen Minister, Offiziere und Beamten je nach ihrem Platz in der Rangordnung. Es sollte das letzte Mal sein, dass ein regierender Großherzog in Mecklenburg-Schwerin mit dem ganzen Zeremoniell seiner weltlichen Macht zu Grabe getragen wurde.

Als der Sohn und Nachfolger des Verstorbenen Friedrich Franz IV. 1945 in Flensburg starb und nach einer sehr schlichten Beerdigung auf dem Friedhof von Glücksburg in Schleswig-Holstein seine letzte Ruhestätte fand, war die Monarchie in Deutschland schon lange Geschichte.

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