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Skandal-Pokalspiel in Rostock : „Schande des Fußballs“

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Aus der Onlineredaktion

Nach dem Skandal-Spiel im Rostocker Ostseestadion: Entrüstung und Schuldzuweisungen

von
erstellt am 15.Aug.2017 | 21:00 Uhr

Fassungslosigkeit und Erklärungsversuche am Tag nach dem Skandal-Fußballspiel zwischen dem FC Hansa Rostock und Hertha BSC. Als „Schande des Fußballs“ bezeichnete gestern Innenminister Lorenz Caffier (CDU) die neuerlichen Ausschreitungen rivalisierender Fangruppen im Ostseestadion. Er verlangte von der Hansa-Führung eine klare Distanzierung des Vereins von den Ultras. Schon seit Jahren fordert der Minister harte Maßnahmen wie das Verbot von Stehplätzen und den Einsatz von Gesichtsscannern.

Bei dem DFB-Pokalspiel am Montagabend, das live in der ARD übertragen wurde, hatten Hertha-Fans zu Beginn der zweiten Halbzeit Pyro-Technik gezündet und Leuchtraketen in den Rostocker Block geschossen. Hansa-Ultras zündeten später ein gestohlenes Hertha-Banner an, die Lage wurde immer bedrohlicher. Das Spiel musste für 18 Minuten unterbrochen werden. Hertha gewann gegen den Drittligisten mit 2:0.

Die Rostocker Polizei erhob gestern schwere Vorwürfe gegen Hansa. Es liege „die Vermutung nahe, dass das Banner über vereinseigene Strukturen und mit Wissen von Offiziellen ins Stadion gelangen konnte“, sagte Polizeichef Michael Ebert. Das Banner habe sich in einem Raum befunden, dessen Schlüssel beim Verein liegt. Die Hansa-Führung wies die Kritik zurück.

Das DFB-Sportgericht hatte Hansa zuvor wegen Ausschreitungen zu zwei Auswärtsspielen ohne Fans verurteilt. Rostocker Ultras teilten mit, sie hätten trotzdem 1000 Karten für das Ostderby gegen Magdeburg am 9. September besorgt.

Kommentar "Selbstgemachte Schande" von Max-Stefan Koslik

Immer sind es die anderen. Die Polizei sagt,  das verbrannte Banner konnte nur über vereinseigene Strukturen und mit Wissen von Vereinsoffiziellen ins Stadion gelangen. Die Vereinsspitze  wehrt sich, das Sicherheitskonzept sei mit der Polizei abgesprochen gewesen. Außerdem  habe Hertha  angefangen. Und überhaupt sei das Ganze ein gesellschaftliches Problem. Geht es noch?

Schon gemerkt? Trotzdem war das Banner da! Trotzdem kamen die Polizisten nicht auf die Tribüne, wo es abgefackelt wurde, weil die Tür von innen verriegelt war.  Trotzdem hatten die Einsatzkräfte  Angst, dass die angereisten Fans mit Nothämmern aus den Zugwaggons(!) das trennende Sicherheitsglas zerschlagen. Und schließlich wurde im Stadion auch keine Pyrotechnik verkauft, trotzdem war sie da.

Also wenn in einem Privathaus, einem Konzertsaal, bei einem der vielen, vielen Sommerfeste derzeit in MV  die  Gäste sich so benehmen würden, wer würde die je wieder reinlassen? Apropos Konzert,  offenbar schaffen es   Sicherheitsdienste jeder kleinen Bühne besser, die Besucher nach Weinfläschchen zu filzen, als die Profis bei Hansa. Und damit sind die Sicherheitsprofis gemeint, nicht die Rostocker Kicker, die zudem nach dem Gewaltexzess ihren Rhythmus völlig verloren hatten.

Ob die Vorstandschefs Bernd Hofmann, Michael Dahlmann oder Robert Marien heißen – Hansa hat seit Jahren ein massives Sicherheitsproblem. Selbst wenn die Fan-Gewalt  gesellschaftliche Ursachen haben sollte,  dann  muss Hansa zunächst selbst beginnen, mit der Gewalt im eigenen Haus fertig zu werden.  Ein Ultra im Aufsichtsrat  scheint jedenfalls nicht zielführend zu sein. Der Schmusekurs der letzten Jahre führte zur Schande von Rostock. Und die Bilder, die vier Millionen TV-Zuschauer sahen, machten  die Arbeit von zehn Jahren Landesmarketing  kaputt – und schließen direkt an Lichtenhagen an.

Mit der Aktion #HansaohneGewalt gibt unsere Zeitung die Möglichkeit, gegen Ausschreitungen im Fußball Gesicht zu zeigen. Wie die Aktion funktioniert?

 

Chronologie

Fan-Verfehlungen  bescherten dem  FC Hansa  am 18. Dezember 2011 ein „Geisterspiel“ gegen Dynamo Dresden . Doch auch danach war nie Ruhe. Eine Auswahl von Gewaltakten:

• 26. 10. 2013: Nach dem Heimspiel gegen Halle kommt es am Rostocker Hauptbahnhof zu Straßenschlachten von Hansa-Chaoten mit der Polizei.

• 26. 4. 2014: Beim Heimspiel gegen RB Leipzig  verlassen  in der  Halbzeitpause zum Teil Vermummte die Südtribüne und randalieren im Stadion.  30 Polizisten werden verletzt.

 • 3. 5. 2014: Rostocker  liefern sich  mit  Hertha-Fans  beim Umsteigen auf dem  Schweriner Hauptbahnhof eine Massenschlägerei. Sieben Polizisten werden angegriffen, 130 Beamte sind  im Einsatz.

• 29. 11. 2014: Hansas Drittliga-Spiel gegen  Dynamo Dresden wird wegen Ausschreitungen unterbrochen. Nach dem Abpfiff werden Mülltonnen angezündet, Beamte mit Böllern beworfen und eine Polizeiwache beschädigt.  Es gibt 30 Strafanzeigen.

• 23. 9. 2015:  Beim Spiel Hansa  gegen 1. FC Magdeburg beschießen sich Fans beider Vereine mit Feuerwerkskörpern. Die Partie wird zweimal für insgesamt 17 Minuten unterbrochen und steht vor dem Abbruch. Nach dem Abpfiff gehen die Randale in Rostocks Innenstadt weiter.

• 14. 11. 2015: Rund 100 Vermummte ziehen randalierend durch Rostocks Innenstadt. Vermutlich sind es Hansa-Fans, die vom Landespokal-Spiel aus Stralsund kamen.

 • 5. 12. 2015: Nach einer Auswärtsniederlage beim Halleschen FC randalieren Hansa-Anhänger in einem Regionalexpress bei Oranienburg.  Insgesamt sind 283 Fans beteiligt.

• 6. 5. 2016: Bei der Rückreise  vom Spiel in Mainz wollen im Hauptbahnhof Hamburg 60  Hansa-Fans in einen Supermarkt eindringen. Als die Bundespolizei mit drei Streifen  einschreitet, werden diese mit Flaschen beworfen.

• 19.  11. 2016: Unterbrechung im Spiel gegen Bremen II, als Glassplitter und eine Schnapsflasche im Bremer Strafraum landen.

• 3. 12. 2016: Nach dem Spiel gegen Holstein Kiel kommt es auf dem Bahnhof Bad Kleinen zur Schlägerei von Fans beider Lager.  

•  11. 2. 2017: Während des Spiels in  Großaspach – gerade einmal 14 Tage nach einem weiteren „Geisterspiel des FCH gegen Regensburg“ –  wird die Herrentoilette im Gästeblock zweimal in Brand gesetzt.

• 20. 3. 2017: In Zwickau sorgt Rostocker Pyrotechnik für eine Spielunterbrechung. Zudem  steigen Hansa-Fans aufs Dach der Versorgungsstelle, plündern  und verwüsten  Verkaufsstände.

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