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Mecklenburg-Vorpommern

18. Oktober 2017 | 17:08 Uhr

Schafe zählen für die EU-Bürokratie

vom

svz.de von
erstellt am 28.Dez.2011 | 08:35 Uhr

Zum ersten Mal seit der Volkszählung von 1987, gegen die es eine breite Protestbewegung gegeben hatte, befragte der Staat in diesem Jahr seine Bürger. Der Zensus 2011 fand parallel in allen EU-Staaten statt. Er ist weit mehr als eine Volkszählung. Die Befragung erfasst u.a. Staatsangehörigkeiten und Migrationshintergrund, Bildungsstand und Wohnverhältnisse sowie Eigentumsverhältnisse.

Jeder zehnte Deutsche ist per Gesetz verpflichtet Auskunft zu geben. Jeder Haus- und Grundstückseigentümer wird erfasst. Alle Bewohner von Alten- und Studentenwohnheimen, von Pflegeheimen, psychiatrischen Anstalten und Gefängnissen werden namentlich festgehalten. Der Staat macht Inventur.

„Nur Schafe lassen sich zählen“, lautete in den 80ern ein Slogan der Boykottierer. Zig Tausende zahlten lieber ein Bußgeld, statt sich befragen zu lassen. Millionen lehnten den Zensus ab. Er wurde ein Debakel. 24 Jahre später hält sich die Zahl der Zensusverweigerer im kleinen Rahmen, wie aktuelle Statistiken beweisen. In Zeiten von Facebook und Co., in denen quasi jeder Schritt und jedes Gefühl nicht nur preisgegeben sondern Tausenden Internet-Nutzern aufgedrängt werden, ist die Angst vor dem Schnüffelstaat praktisch verschwunden.

Selbst im Lager der Datenschützer und Bürgerrechtler gibt es unterschiedliche Einschätzungen darüber, ob der Zensus 2011 verfassungsrechtlich zu kritisieren wäre. Statistiker, Kassenwarte und Soziologen hingegen sind begeistert, endlich wieder amtliche Bevölkerungszahlen und -daten in den Händen zu halten, nach denen z.B. Steuerzuweisungen neu berechnet oder Wahlkreise neu geschnitten werden können. Ein breites Feld für soziologische Forschungen tut sich auf. Ja und? Ist nicht jeder Inhaftierte (hoffentlich) ohnehin namentlich erfasst? Steht nicht jeder Grundstückseigentümer ohnehin schon im Grundbuch? Welcher Wissensgewinn erwächst daraus, dass der Großvater 1959 eingewandert ist?
Es erscheint eher zweifelhaft, dass die aus dem EU-Zensus 2011 gewonnenen Daten für die Bürger zu besseren Planungsverfahren führen werden. Jedoch sind diese Daten zweifelsohne nützlich, um die sich ausbreitende datengestützte Bürokratie zu beschäftigen.

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