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Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 04:58 Uhr

"Schämen, Deutscher zu sein?"

vom

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erstellt am 27.Jan.2011 | 06:20 Uhr

Schwerin | Alexej Heistver überlebte als jüdisches Kind im litauischen Kaunas den Holocaust. Gestern bewegte seine Rede auf der Gedenkveranstaltung des Landtages die Abgeordneten und Gäste. "Ich weiß nicht genau, wann und wie es geschah, dass ich mich mit einer Gruppe anderer Kinder in einem Block im Ghetto Kaunas befunden habe", berichtete der heute 69-Jährige. Hier wurden die Waisen gesammelt, deren Eltern schon ermordet waren. "Wir hatten keine Ahnung, wozu wir da sind und was auf uns wartet."

Die Kinder mussten bestialische medizinische Experimente über sich ergehen lassen. Heistver: "Wen die Ärzte nicht mehr brauchten, den sahen wir kurz nach der letzten Blutabnahme oder nach der Untersuchungsspritze nie wieder."

Heute sammelt er in zwei Projekten Erinnerungen anderer Überlebender, um "zu zeigen, dass die Opfer konkrete Leute waren, mit ihren eigenen Kindern und Eltern". Doch die Zahl derer, die noch berichten können, sinke von Jahr zu Jahr dramatisch.

Mit Blick auf die Verantwortung für die Verbrechen fragte er: "Muss ich mich schämen, Deutscher zu sein?" Mit den beiden Projekten will Heistver auf diese Frage antworten. "Ich und meine Mitbrüder glauben: Nein."

Die Verantwortung aber liege in der Gegenwart. Viele Leute würden von dem Dorf Jamel in der Nähe von Wismar wissen. Dieses Dorf mache seit Jahren durch Neonazis und Negativ-Schlagzeilen auf sich aufmerksam. Alexej Heistver kritisch: "Für den Langmut der deutschen Politik und der Behörden, gegenüber den Neonazis habe ich kein Verständnis."

Zum Abschluss seiner Rede sagte er, es geht nicht darum Vergangenheit zu bewältigen. Das könne man nicht, denn das Vergangene lässt sich nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. "Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren."

Zum Erinnern beitragen wollte gestern auch Bundespräsident Christian Wulff, der an einer Gedenkveranstaltung zur Befreiung des KZ Auschwitz teilnahm. Er bedankte sich bei den Überlebenden und Nachfahren der Opfer für die Bereitschaft zur Versöhnung.

Im Bundestag wurde gestern insbesondere der Verfolgung und Vernichtung der Roma und Sinti durch die Nationalsozialisten gedacht. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) sagte: "Die Opfer verpflichten uns, alle Formen von Diskriminierung und Intoleranz zu ächten."


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