zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

24. August 2017 | 08:56 Uhr

BGH-Urteil : Schadenersatz auch ohne Helm

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Fahrradfahrer müssen nicht „oben mit“ radeln, das ist nun höchstrichterlich festgestellt / Vernünftig ist der Schutz aber trotzdem

Wer ohne Helm Fahrrad fährt und unverschuldet in einen Unfall verwickelt wird, hat auch in Zukunft das Recht auf vollen Schadensersatz. Das Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs sorgte gestern für geteilte Reaktionen: Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und die Große Koalition lehnen eine Helmpflicht weiter ab. Mediziner fordern dagegen klare Vorgaben der Politik. Hintergründe von Rasmus Buchsteiner.


Worüber haben die Richter entschieden?
Es ging um den Fall einer Frau, die 2011 ohne Helm mit dem Fahrrad auf einer innerstädtischen Straße unterwegs gewesen war. Plötzlich öffnet sich die Tür eines parkenden Autos, die Frau kann nicht mehr ausweichen, stürzt und erleidet schwere Schädel-Hirnverletzungen. Ein Oberlandesgericht lastet der Klägerin ein Mitverschulden an, weil sie keinen Helm getragen hatte, und mindert ihre Schadensersatz-Ansprüche damit um 20 Prozent. Dieses Urteil hat der BGH nun wieder aufgehoben.

Wie argumentieren die Bundesrichter?
„Für Radfahrer ist das Tragen eines Schutzhelms nicht vorgeschrieben“, heißt es in der Urteilsbegründung. Haftungsrechtlich könne den Geschädigten zwar ein Mitverschulden angelastet werden, wenn die Sorgfalt außer Acht gelassen werde, „die ein ordentlicher und verständiger Mensch zur Vermeidung eigenen Schadens anzuwenden pflegt“: Etwa, wenn das Tragen eines Helms „nach allgemeinem Verkehrsbewusstsein“ zum eigenen Schutz erforderlich und zumutbar gewesen wäre. Dies treffe im Fall aber nicht zu.

Gilt das Urteil auch für Rennradfahrer?
Nein. Zwar handelt es sich um ein höchstrichterliches Urteil, allerdings mit Einschränkungen. „Inwieweit in Fällen sportlicher Betätigung des Radfahrers das Nichttragen eines Schutzhelms ein Mitverschulden begründen kann, war nicht zu entscheiden“, heißt es in der Begründung.

Plant die Politik jetzt eine Helmpflicht?
Ausdrücklich nein! Für eine Helmpflicht gibt es weder im Bund noch unter den zuständigen Ministern der Länder eine Mehrheit. Die Bundesärztekammer setzt sich allerdings mit Nachdruck für verbindliche Vorgaben ein. „Fahrräder sind schneller geworden, und der Verkehr insgesamt ist schneller geworden“, so Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, gestern im Gespräch mit unserer Redaktion. „Der Gesetzgeber sollte dieses Urteil zum Anlass nehmen, eine Helmpflicht einzuführen.“

Wie verbreitet sind Fahrradhelme?
Der Anteil der Fahrradfahrer mit Helm ist seit 2011 von elf auf 15 Prozent gestiegen. Doch unterscheidet sich die Helm-Quote je nach Alter: Bei Kindern zwischen sechs und zehn Jahren beträgt sie 75 Prozent, bei elf- bis 16-jährigen 28 Prozent. Von den 17- bis 21-jährigen Radfahrern tragen nur sechs Prozent einen Helm, bei den 22- bis 30-jährigen sind es sieben Prozent. Bei den ab 31-jährigen liegt die Helm-Quote im Schnitt zwischen 14 und 16 Prozent.

Welchen Schutz bieten Fahrradhelme?
Darüber streiten die Experten. Nach Angaben aus der Versicherungswirtschaft sind die Kopfverletzungen bei Unfallopfern ohne Helm deutlich häufiger. Die Wahrscheinlichkeit einer Kopfverletzung ohne Helm ist Studien zufolge um den Faktor 1.72 höher als mit. Gehirnverletzungen sind 2.13-mal wahrscheinlicher.
 

Brauchen wir eine Helmpflicht?
Pro & Kontra

Ja von Marie Boywitt  

Sorgloses Radeln für alle
Der Fahrradhelm ist wichtig – er sichert  Fahrradfahrer im Straßenverkehr nicht nur ab,  nachweislich sind Kopfverletzung mit ihm  weniger häufig und schwerwiegend. Laut Professor  Hans Zwipp von der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, verhindert der Helm  bis zu 80 Prozent Schädelbrüche und Gehirnblutungen. Mit Farbe und Form kann er auch für Aufsehen sorgen und Autofahrer erkennen einen Radler auf der Straße eher.
Die Kritiker, welche behaupten, dass dadurch die Lust am Radeln verloren ginge, sollten sich mal ein Beispiel an den Kleinsten unter uns nehmen. Jedes Mal, wenn sie auf den Drahtesel steigen, wird  von den Eltern gefordert, dass ein Helm aufgesetzt wird – und die Lust am Fahrradfahren  nimmt bei ihnen  kein Ende.  Und die Eltern sind viel ruhiger, wenn Kinder mit Helm auf dem Kopf durch radeln.
Somit könnten  alle sehr viel sorgloser durch die Landschaften fahren, wenn jeder den Kopfschutz tragen würde. Und mit einem trendigen  Modell machen wir alle eine gute Figur dabei.

 

Nein von Tara Gottmann 

Helm schützt nicht vor Unfällen
Eine Helmpflicht würde eher dazu führen, dass weniger Menschen mit dem Fahrrad fahren. Das belegen Studien aus den USA und aus Australien, wo die Helmpflicht 1991 eingeführt wurde. So würde vielleicht die Zahl der Unfälle zurückgehen, was jedoch in keiner Relation mehr gesehen werden könnte. Dazu gibt es Belege, dass Autofahrer umso rücksichtsloser fahren, je besser ein Radfahrer geschützt ist. Daher sollte insbesondere an die Rücksicht und Aufmerksamkeit auf die Radfahrer im Straßenverkehr appelliert werden. Noch dazu reicht es nicht aus, sich bloß einen Helm zu kaufen. Dieser muss ganz genau passen und nach wenigen Jahren auch ohne Sturz ausgewechselt werden, weil Helme ein Haltbarkeitsdatum besitzen. Dazu gibt der Helm ein vermeintliches Gefühl der Sicherheit. Doch der restliche Körper ist nicht geschützt und ein Helm verhindert keinen Unfall.
Jeder Radfahrer sollte für sich selbst entscheiden dürfen, ob er einen Helm tragen möchte oder nicht. Das sollte nicht durch eine gesetzliche Regelung vorgeschrieben werden.
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen