Saufen, bis der Arzt kommt?

Koma-Saufen ist bei Jugendlichen längst kein Tabu mehr. Foto: Archiv
Koma-Saufen ist bei Jugendlichen längst kein Tabu mehr. Foto: Archiv

Saufen - Jugendliche in Deutschland tun es immer früher und immer hochprozentiger. Die Zahlen sind alarmierend. Todesfälle treten gar auf, wie jüngst in Görlitz, wo ein 14-Jähriger starb. Immer mehr Jugendliche müssen sich nach Alkoholexzessen medizinisch behandeln lassen. Innerhalb von sechs Jahren stiegen die Fälle bundesweit von 9500 auf über 20 000 an. In Ludwigslust findet morgen im Kreistagssaal dazu eine Fachtagung statt.

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24. November 2008, 08:20 Uhr

Ludwigslust | Weit schlimmer als die Kosten für die Krankenkassen sind aber die Folgen für die Jugendlichen. Anke Hersel, Leiterin der AWO-Suchtberatungsstelle in Hagenow, sieht sie gefährdet: "Das sind Komarausch-Fälle, die nicht mit einem normalen Rausch zu vergleichen sind", sagt sie. "Da gibt es wirklich Schädigungen, die sich im Gehirn ablegen - das kann für die Zukunft von den Jugendlichen durchaus schädlich sein." Von Kräftemessen in der Gruppe, Langerweile und Gruppenzwang spricht die 53-Jährige weiter, die seit 1991 der Anlaufstelle vorsteht.

Vorbildverhalten der Erwachsenen mangelhaft"Sicherlich ist ein Grund dafür aber auch das mangelnde Vorbildverhalten der Erwachsenen im Umgang mit Alkohol", sagt sie. Ein weiterer Grund sei der mangelnde Vollzug des Jugendschutzgesetzes. Es sei einfach zu leicht für Jugendliche, Alkohol zu kaufen." Und ein dritter möglicher Grund", fügt sie hinzu, "ist die sehr starke Alkoholwerbung." Die scheint besonders bei den ganz Jungen zu wirken: Bei den unter 15-Jährigen steigt die Zahl der Krankenhaus-Einlieferungen rasant. In den letzten fünf Jahren war bei stationären Behandlungen von jungen Mädels eine Steigerung immerhin von 44 Prozent, während bei den Jungs eine Steigerung von 38 Prozent zu beobachten war. Bei den 15- bis 20-Jährigen sind dagegen mehr junge Männer betroffen.

Die Dunkelziffer der "Komasäufer" dürfte noch wesentlich höher liegen. Denn längst nicht alle jungen Leute, die sich bis zum Rausch betrinken, werden ins Krankenhaus eingeliefert. Und wer sich im Rausch beispielsweise ein Bein gebrochen hat, der taucht in der Statistik unter Beinbruch auf. Dabei sind zwölf Prozent der Jungen und Mädchen erst zwischen zwölf und 15 Jahre alt.

Auf der morgigen Fachtagung im Kreistagssaal wird unter anderem eine Ärztin von der Suchtambulanz der Helios-Klinik über den Koma-Wahnsinn unter dem Motto: "Hart am Limit" berichten. Martina Lohde, Psychologin der Familienberatungsstelle des Stiftes Bethlehem, beleuchtet die Rolle der Familie. Jana Micera von der Lakost, der Landeskoordinierungsstelle für Suchtvorbeugung in MV, spricht über die Möglichkeiten, Heranwachsende positiv zu beeinflussen, die Finger vom Alkohol zu lassen.

Die Tagung findet auf Einladung des Arbeitskreises Sucht des Landkreises Ludwigslust unter Federführung der Awo-Suchtberatungsstelle Hagenow statt. Viele Zahlen werden morgen vorgestellt. So hat die Techniker Krankenkasse 2007 bundesweit 1822 TK-Versicherte unter 20 Jahren ermittelt, die volltrunken in deutsche Kliniken eingeliefert worden sind. Sie blieben dort im Schnitt 1,2 Tage und verursachten Kosten von jeweils 540 Euro.

Koma-Saufen ist besonders MännersacheInsgesamt summieren sich die akuten Entgiftungsbehandlungen auf mehr als 980 000 Euro. 2003 wurden 962 alkoholisierte Jugendliche klinisch versorgt. Und: Koma-Saufen ist vor allem Männersache: 2007 waren 1134 der eingelieferten jugendlichen TK-Kunden männlich, 688 weiblich. Die Kosten für alle Kassen sind gestiegen, weil sich mehr junge Leute in den Rausch trinken. Während es 2005 noch rund 17 400 Fälle gab, waren es 2007 schon rund 20 400.

"Verständnisvolle" Diskothekenbetreiber machen es für Jugendliche leicht, an Alkohol zu kommen, indem sie Flatrate-Saufen organisieren, wo man die ganze Nacht Alkohol trinken kann. Das einzig blöde am Koma-Saufen sind Windeln, die einem im Krankenhaus angezogen werden, nachdem man bewusstlos eingeliefert wurde.

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