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Nordosten zählt zu Ost-Regionen mit höchsten Medikamenten-Einsatz : Satte Arzneigaben in Ställen in MV

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Chemiecocktail im Futtertrog: Pharmakonzerne und Großhändler haben in Mecklenburg-Vorpommern jeweils bis zu 30 Tonnen Antibiotika an die Veterinäre in den Regionen Schwerin und Neubrandenburg verkauft.

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erstellt am 30.Jul.2013 | 07:42 Uhr

Schwerin | Chemiecocktail im Futtertrog: Pharmakonzerne und Großhändler haben in Mecklenburg-Vorpommern jeweils bis zu 30 Tonnen Antibiotika an die Veterinäre in den Regionen Schwerin und Neubrandenburg verkauft - weit mehr als das Doppelte als u. a. in Rheinland-Pfalz und großen Teile Sachsens, Baden-Württembergs und Hessens. Das geht aus einer Medikamentenliste des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in Braunschweig hervor, die gestern vorgelegt wurde. Darin wird erstmals der Antibiotika-Absatz in Deutschland dokumentiert. Die Tierärzte entlang der Ostseeküste in der Region zwischen Wismar und Rügen kommen mit deutlich weniger Medikamenten im Stall aus. Der BVL-Liste zufolge nahmen sie der Pharmabranche 2011 zwischen fünf und zehn Tonnen ab. Die Auswertung basiert auf Daten aus dem zentral in Köln vom Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information geführten Register. Nach den Antibiotika-Skandal u. a. in Puten- und Hähnchenbetrieben in Deutschland müssen Pharmaunternehmen seit 2011 dokumentieren, welche Antibiotika-Mengen sie an Veterinäre verkaufen. Agrarminister Till Backhaus (SPD) hatte seinerzeit den Tierärzten eine Mitschuld an dem hohen Medikamenteneinsatz gegeben. Tierarznei dürften nicht als Zwangsbehandlung für den gesamten Bestand eingesetzt werden, forderte er damals. "Tierärzte verdienen mit Medikamenten ihr Geld, nicht mit Beratung. Das muss aufhören", hatte Backhaus in einem Gespräch gegenüber unserer Redaktion erklärt. Der Berufsstand fühlte sich zu Unrecht an den Pranger gestellt: Tierärzte seien die "berufenen Beschützer der Tiere", konterte der Präsident der Landestier ärztekammer, Rolf Pietschke.

Bis zu 30 Tonnen Tierarznei in den Regionen Schwerin und Neubrandenburg: Damit gehört MV neben Brandenburg und Sachsen-Anhalt zu den ostdeutschen Regionen mit dem höchsten Antibiotika-einsatz. Im Vergleich zu den anderen Ländern kommt MV dennoch glimpflich davon: In Niedersachsen kennen Tierärzte offenbar keine Grenzen. Der BVL-Studie zufolge haben Pharmahersteller 2011 mehr als die Hälfte aller bundesweit an Veterinäre ausgelieferten Antibiotika an Tierärzte in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen verkauft - von den bundesweit insgesamt 1706 Tonnen gingen allein 700 in die Regionen Diepholz, Osnabrück und Vechta mit der bundesweit größten Dichte an Tierhaltungsbetrieben.

Trotzdem sei MV beim Antibiotikaeinsatz "kein Waisenknabe", kritisierte Corinna Cwielag, Landeschefin des Bundes für Umwelt und Natur (BUND), die Medikamentengaben. Andere Länder zeigten, dass es mit weniger Medikamenten gehe. Der massenhafte Einsatz und die Kurzzeitgaben förderten die Resistenzen. MV müsse die Haltungsbedingungen grundlegend ändern, forderte Cwielag. Die bisherigen Haltungsformen mit vielen Tieren und wenig Raum überforderten die Tiere und könnten ohne Hilfsmittel nicht funktionieren. Ob Ökohöfe oder konventionelle Betriebe - in nahezu allen Putenbeständen in MV werden Antibiotika eingesetzt, teilweise in hohen Dosen, hatte eine Ende 2012 vorgestellte Untersuchung in MV ergeben. Von den untersuchten 34 Betrieben mit mehr als 300 Tieren - 26 konventionelle, acht ökologische - hatte lediglich ein Öko-Betrieb vollkommen auf Antibiotika verzichtet. In den anderen Ställen gab es teilweise Medikamente satt: In einem Fall wurden Tiere bis zu 14-mal in ihrem 21-wöchigen Leben mit Arzneimitteln vollgestopft, im Durchschnitt der untersuchten Betriebe drei bis acht Behandlungen je Durchgang - unter anderem wegen Atemwegserkrankungen. Dabei kommen sowohl in kleinen als auch in großen Betrieben mit bis zu 40 000 Mastplätzen Medikamente zum Einsatz. Zuvor war in einer Studie festgestellt worden, dass die Tiere in nahezu allen Hähnchenbetrieben in MV mit Antibiotika behandelt würden. Inzwischen soll sich der Einsatz verringert haben, erste Durchgänge seien ohne Antibiotika ausgekommen, hieß es Ende 2012. Stichproben hätten ergeben, dass die Zahl der Antibiotika-Behandlungen von durchschnittlich 3,6 im Jahr 2011 auf 2,6 im vergangenen Jahr reduziert worden seien, teilte das Landwirtschaftsministerium gestern mit. Seit 2011 werde ein Monitoring zum Einsatz von Antibiotika in der Geflügelmast durchgeführt. Die nächsten Ergebnisse werden im Herbst erwartet.

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