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Streit eskalierte im Parchimer Umland : Salzsäure über die Mauer gekippt

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Es ging um 30 Zentimeter. Um so viel stand die Umzäunung des einen zu weit auf dem Grundstück des anderen. Über Jahre schaukelte sich der Streit zwischen den beiden Beamten immer weiter hoch. Ein Fall von vielen.

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erstellt am 22.Aug.2013 | 08:12 Uhr

Zölkow/Parchim | Der Streit eskalierte zwischen zwei Nachbarn in einem Dorf im Amt Parchimer Umland. Es ging um 30 Zentimeter. Um so viel stand die Umzäunung des einen zu weit auf dem Grundstück des anderen. Über Jahre schaukelte sich der Streit zwischen den beiden Beamten immer weiter hoch. Er gipfelte darin, dass sich die Streithähne gegenseitig Salzsäure über eine Mauer kippten. Die war mit 1,80 Zentimeter so hoch, dass sie eigentlich gar nicht sehen konnten, ob sich dahinter beispielsweise ein Tier oder gar ein Mensch aufhält. Die Säure sollte die Gewächse des Nachbarn zerstören.

Das ist einer der Fälle, zu denen Klaus Bielke aus Zölkow gerufen wurde. Seit 2005 ist er Schiedsmann im Amt Parchimer Umland. Sein Job sei es, Disharmonien ins Lot zu bringen, erklärt der Zölkower. Er versucht herauszufinden, woher der Hass zwischen Streitenden kommt. Er sucht nach dem gemeinsamen Nenner, auf den sich beide einigen können. Am Ende steht ein Vergleich, den die beiden Parteien unterzeichnen. Darin stehen die Konsequenzen, wenn sich jemand nicht an die Absprachen hält. Beispielsweise, dass dann eine Geldsumme fällig wird, die auch pfändbar ist.

Drei bis zehn Vergleiche vermittelt Klaus Bielke jedes Jahr. Über die Einzelheiten, die einen Hinweis auf Ort und Personen geben könnten, schweigt er. Schiedsverhandlungen sind im Gegensatz zu Gerichtsverhandlungen immer geschlossen, sagt er. Auch das sei zuweilen ein Grund, warum die Streitenden lieber die Schiedsstelle einschalten. Dem Zölkower es ist es nach eigenen Worten bisher in 100 Prozent aller Fälle, die er behandelt hat, gelungen, einen Erfolg zu erzielen. So habe er es sogar schon geschafft, dass einst zerstrittene Nachbarn wieder zusammen gegrillt haben. Am Ende eines Vergleichs stehe jeweils der Wille beider Parteien. So einigt man sich beispielsweise darauf, dass für jeden Fall, wenn jemand den anderen beschimpft, eine gewisse Geldsumme für eine gemeinnützige Einrichtung zu zahlen ist.

Über Familienstreitigkeiten, über Zoff in der Ehe dürfen die Schiedsstellen nicht verhandeln, sagt Bielke. Doch abgesehen davon, hat er es mit einem breiten Spektrum zu tun - von Beschimpfungen bis zu Sexualdelikten. Und selbst mit Wirtschaftsangelegenheiten. Es spiele keine Rolle, ob es sich um einen Streitwert von 140 Euro oder von 140 000 Euro handelt. So vermittelte Bielke beispielsweise zwischen zwei Frauen, die eine GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts) gegründet hatten. Sie waren drauf und dran, sich im Bösen zu trennen. Das war übrigens bei einem Streitwert von ca. 150 000 Euro der teuerste Vergleich, den Bielke geschlossen hat. Gerade einmal 78 Euro mussten die Frauen zahlen.

Ein vor der Schiedsstelle geschlossener Vergleich kostet in der Regel gerade einmal Gebühren zwischen elf und 36 Euro. Davon erhält der Schiedsmann selbst die Hälfte, die andere Hälfte geht in die Kasse des Amtes, das auch das Büro für die Schiedsstelle unterhält. Dazu kommen Schreibauslagen: 50 Cent pro Seite. Die darf Bielke selbst behalten. Reich kann er also nicht mit diesem Ehrenamt werden. "Ich bin mit Leib und Seele Schiedsmann", sagt er. Nach seiner persönlichen Überzeugung seien die Schiedsstellen die einzige Möglichkeit für Bürger, zu ihrem gefühlten Recht zu kommen. "Um uns herum passiert genug Unrecht", meint er, der sich auch beruflich intensiv mit Rechtsfragen befasst: als Mediator, Rechtkonsolent und in einem Wirtschaftskabarett.

Bielke spricht von "Zaunfällen", die das Gros des Ehrenamts ausmachen. Bürger rufen bei ihm an, er fährt möglichst kurzfristig zu ihnen auf das Dorf und versucht schon im Gespräch zwischen den streitenden Parteien zu vermitteln - bei Kaffee und Kuchen. Den bringt er notfalls sogar selbst mit.

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