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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 17:02 Uhr

Safari durch den Online-Dschungel

vom

svz.de von
erstellt am 23.Nov.2011 | 09:38 Uhr

SCHWERIN/München | Freundschaft ist in Zeiten des Internets zu einer komplizierten Angelegenheit geworden. Fast alle 14- bis 29-Jährigen nutzen regelmäßig die sozialen Netzwerke, die Liste ihrer Freunde wächst konstant und damit auch die Anforderung an die Organisation dieser Beziehungen. Postings, Anstupsen, E-Mails, Twitter, SMS, Blogs - die virtuelle Kommunikation der mit dem Internet Aufgewachsenen erscheint vielen Erwachsenen wie eine Wissenschaft für sich.

Was eine digital geprägte Kultur für Freundschaften bedeutet, wie das Informationsdefizit zwischen den Generationen verringert werden kann und welche Gefahren im Netz lauern, darüber hat die Journalistin Elke Reichart ein Buch geschrieben, das gerade erschienen ist. In "gute-Freunde-boese-Freunde - leben im web" schreibt die Autorin über eine Parallelwelt im Netz. In einem Gastbeitrag für unsere Zeitung schreibt Reichart über ihre Reise an einen Nicht-Ort:

Elena ist 23 Jahre alt, Studentin, ein typischer "Digital Native" (also eine, die mit der digitalen Welt aufgewachsen ist) und damit eine perfekte Koautorin für mein Buch. Online, offline - diesen Unterschied gibt es für Elena wie auch für viele ihrer Altersgenossen nicht. Seit Langem schon ist sie aktiv in Facebook und sucht dort nach Mitfahrgelegenheiten, trifft Verabredungen, veröffentlicht Party-Fotos, postet Befindlichkeiten, kommentiert die virtuelle Umwelt.

Umso überraschender ihr Manuskript: ein eindeutiges und emotionales Plädoyer für die Privatsphäre. "Eine Freundin hat auf Facebook erfahren, dass ihr Freund mit ihr Schluss gemacht hat. Er hat einfach seinen Beziehungsstatus geändert und alle gemeinsamen Fotos gelöscht. Und dann Funkstille." Und wenn die anderen Freunde dazu auch noch über den "Gefällt mir"-Button Wertungen und Kommentare abgeben, dann überfällt Elena die Sehnsucht nach einer Zeit, in der die schlimmste Methode des Schlussmachens das Telefon war. "Ich glaube, dass wir uns Hals über Kopf in das neue Land der Sozialen Netzwerke gestürzt haben, für das es noch keinen Reiseführer gibt. Und jetzt stecken wir mittendrin und müssen schnell lernen, was und wie wichtig Privatsphäre ist - und wie wir sie richtig schützen."

Ganz pragmatisch dagegen ist Johannes Boie aus der Online-Redaktion der Süddeutschen Zeitung: Noch nie zuvor sei es so einfach gewesen, Kontakte, die einst flüchtig waren, zu halten. "Urlaubs- und Zufallsbekanntschaften, Freundschaften, die beim Schüleraustausch oder während eines Auslandspraktikums entstehen - durch die freiwillige, aber andauernde Teilnahme am Leben des anderen bleibt man nicht nur ein Teil dessen sozialen Umfelds, sondern auch in seiner virtuellen Umgebung verankert." Einen Austauschfreund aus den USA auch später noch als Facebook-Freund zu haben, bedeute, dass man an der nordamerikanischen Kultur, Sprache, am Leben dort viel mehr Teil habe, als das noch vor wenigen Jahren der Fall gewesen sei. Außerdem seien digital organisierte Freundeskreise erstaunlich effizient, wenn es um Hilfe für Einzelne gehe. Stichwort Arzt-Empfehlungen oder Wohnungssuche. Wohin das alles führt? "Die Verschmelzung von virtueller und realer Welt ist ein Prozess, der niemals abgeschlossen sein wird. Jeder wird seine eigene Antwort auf die Frage finden, wie soziale Netzwerke Freundschaften verändern oder das eigene Leben beeinflussen", sagt Johannes. Er hat diese Frage für sich schon längst beantwortet: "Die neue Welt digitaler Freundschaft ist eine wundervolle Bereicherung."

Zwei junge Facebook-User, zwei unterschiedliche Sichtweisen auf Soziale Netzwerke, und mittendrin die "Digital Immigrants", die Eltern der Jugendlichen. Sie nehmen besorgt die Verhaltensweisen ihrer Kinder zur Kenntnis, die anders denken, anders suchen, sich anders verhalten - das Internet ist ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden. Und wer nicht drin ist, ist out.

In meinem Buch habe ich Geschichten und Informationen für beide Generationen zusammengestellt, für meine Lesungen allerdings habe ich daraus zwei Vorträge gebastelt. Einen für Schüler, die über Facebook & Co. keine weiteren Informationen mehr brauchen. Mit ihnen rede ich über Cybermobbing und Onlinesucht, über Privateinstellungen oder den idealen Medien-Unterricht.

Und einen Vortrag für Erwachsene, die nicht selten mit großem Misstrauen zuhören, sich aber Zugang zu der oft verschlossenen Parallel-Welt ihrer Kinder erhoffen. Die von ihnen am meisten - oft verzweifelt - gestellte Frage: "Warum machen die Kids das eigentlich? Warum stellen sie peinliche Fotos ins Netz, zeigen sich auf Partys, obwohl sie krankgeschrieben sind, fallen auf Fremde herein, die sich unter falschen Profilen einschmeicheln?" Als Antwort das Geleitwort meines Buches, vom bulgarischen Schriftsteller Tzvetan Todorov: "Das Bedürfnis, beachtet zu werden, ist der Wahrheitsgrund aller Bedürfnisse." Plötzlich gibt es also eine Plattform, auf der der User jede Menge Beachtung findet, auf der er sich so präsentieren kann, wie er es sich schon immer gewünscht hat. 1000 Möglichkeiten - wen wundert es da, dass 14-Jährige plötzlich den Überblick verlieren und mitunter katastrophale Fehler machen? Wenn es doch viel Älteren auch nicht anders ergeht.

Die Experten in meinem Buch sind einer Meinung: Man darf die "Digital Natives" nicht allein lassen in ihrer virtuellen Welt, wenn man nicht riskieren will, den Kontakt zu ihnen zu verlieren. Typischer Einwand: "Ja, aber Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich neben meinem Kind sitzen und mit ihm in Facebook surfen darf?" Nein, so naiv bin ich nicht. Ich befürchte, die Eltern müssen die mühsame Arbeit des Sich-Informierens auf sich nehmen, vielleicht sogar selbst in Facebook gehen. Manche Kinder haben nichts dagegen, mit ihrer Mutter oder ihrem Vater "befreundet" zu sein, die meisten schon - wichtiger ist es, Bescheid zu wissen und über Dinge wie Schutzfunktionen und Privatsphäre mitreden zu können.

"Ach nein, das können Sie doch nicht ernsthaft verlangen?" Die Mutter in der ersten Reihe war bei einer Lesung richtig verzweifelt. "Nun bin ich ohnehin schon mehr als beansprucht, ein gutes Verhältnis zu meinen Kindern aufzubauen - nun soll ich mich auch noch mit dieser blöden Technik beschäftigen?" Ich befürchte, ja - es geht immerhin um Erziehung in Zeiten des Internets. Aber auch diese Antwort muss jeder für sich selbst finden. Egal ob online - oder im ganz realen Leben.

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