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Wirtschaftsbeziehungen : Russland-Jahr statt Russland-Tag

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nach Sanktionen, Erosion des Vertrauens, Millionenverlusten: Wirtschaftsgipfel in Rostock drängt auf Partnerschaft

svz.de von
erstellt am 02.Okt.2014 | 07:45 Uhr

Warme Worte der Zusammenarbeit mitten in der neuen Eiszeit zwischen dem Westen und Russland, aber keine Worte über den Bruch des Völkerrechts, Truppeneinmarsch und Annexion im Ukraine-Konflikt: Nüchtern entspannte Stimmung auf dem umstrittenen Russland-Tag gestern in Rostock – nach zahlreichen Trinksprüchen in deutsch-russischen Runden und einer langen Nacht nach dem Eröffnungsempfang im Warnemünder Kurhaus, mit Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der stolz darauf ist, als Russland-Versteher zu gelten und mit der Männer-Freundschaft mit Russlands Präsidenten Putin prahlt.

Für Kritiker auch am Tag des seit Wochen weit über die Landesgrenzen hinaus in der Kritik stehenden Wirtschaftsgipfels ein Unding, für die Befürworter die Chance, die Wogen auf den Märkten zu glätten. In der Wirtschaft steigt die Sorge, zum Spielball politischer Entscheidungen zu werden. „Noch ist die Krise in der Wirtschaft im Land nicht angekommen“, meint Claus Ruhe Madsen, Präsident der Industrie- und Handelskammer Rostock (IHK) – doch Einbußen werden immer wahrscheinlicher. Umso wichtiger sei es, „miteinander im Dialog zu bleiben“, wieder Wärme in die unterkühlten Beziehungen zu bringen, wirbt er für das Treffen.

Deutschlands Wirtschaft sieht ihre Interessen gefährdet: 350 000 Jobs in Deutschland seien vom Russlandgeschäft abhängig, warnte Schröder. Umgekehrt profitiere Deutschland von der Energie- und Rohstoffpartnerschaft mit Russland. Projekte wie die Nordstream-Gaspipeline würden den Deutschen die Sicherheit geben, dass es „im Winter nicht zu kalt wird“. Doch die Sanktionen zeigten Folgen. Russland habe Alternativen zu den Wirtschaftsbeziehungen mit Europa, beobachtete Schröder, der nach seiner Amtszeit als Kanzler auf den Aufsichtsratsposten des russisch-deutsch-niederländisch-französischen Gas-Pipelinebetreibers Nordstream wechselte. Längst sei das Land dabei, Verbindungen mit dem eurasischen Raum zu knüpfen. Die Sanktionen der EU hätten Vertrauen erschüttert, nicht erst seit der Ukraine-Krise, sondern nach einem „längeren Prozess, der schon vor einigen Jahren eingesetzt hat“, so der Alt-Kanzler.

Die Wirtschaft bekommt es zu spüren, Millionengeschäfte wackeln. Durch die „Erosion des Vertrauens“ sei übers Jahr mit einem Einbruch des deutschen Exports nach Russland um bis zu 25 Prozent zu rechnen, warnte Russlands Botschafter, Wladimir Grinin: „Das Vertrauen wieder herzustellen ist schwerer, als die ökonomischen Wunden zu behandeln.“ Schröder warb trotz des Ukraine-Konfliktes für eine Politik der Zusammenarbeit und Vertrauensbildung, um „aus der Spirale der gegenseitigen Vorwürfe, Drohungen und Sanktionen herauszufinden“. Dialog heiße nicht Kritiklosigkeit, meinte er: „Wir sollten uns vielmehr wieder auf die Elemente der alten Entspannungspolitik besinnen.“

Heimspiel für Ministerpräsidenten Erwin Sellering (SPD) auf dem Russland-Tag, der seit Monaten für den seit einem Jahr von seiner Staatskanzlei vorbereiteten Gipfel Kritik einstecken musste, Bestätigung für den Alt-Kanzler, der immer wieder mit seiner Nähe zu seinem Freund Putin aneckt. Schröder sieht denn auch mehr Zustimmung als Ablehnung für einen Dialog „gerade in schwierigen Zeiten“ während des Russland-Tages. „Die Menschen respektieren es, wenn man ein Rückgrat hat, statt nur ein Blatt im Wind publizistischen Mainstreams zu sein“, lobt der Ex-SPD-Chef seinen Parteifreund Sellering dafür, am Russland-Tag auch gegen Kritik festgehalten zu haben – und erntet Beifall unter den deutschen und russischen Managern im Bernsteinsaal des noblen Neptun-Hotels. Knapp 500 Teilnehmer waren gekommen, zumeist Unternehmer, gut 150 auch aus Russland. Dialog heiße nicht Kritiklosigkeit, so Schröder – doch von Kritik keine Spur. Sellering stellte hingegen die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland in den Vordergrund. Die Werften in Wismar, Warnemünde und Stralsund, das Holzzentrum in Wismar, die Gasanlandestation in Lubmin, Exporte der Ernährungswirtschaft: „Russland ist ein wichtiger Partner für Mecklenburg-Vorpommern.“ Deutschland müsse zu einer konstruktiven Partnerschaft zurückfinden – mit guten Gesprächen, neuen Kontakten auf dem Russland-Tag.

Zustimmung in der Wirtschaft: Die nach dem schmerzlichen Einbruch Anfang der 90er-Jahre wieder aufgebauten Millionengeschäfte mit dem Putin-Reich ziehen. Für Kammerpräsident Madsen steht nach der neu erlernten russischen Freundlichkeit am Abendempfang fest: „Dialog ist immer besser“, meinte der Däne. Wenn es auf dem Rostocker Gipfel gelungen sei, wieder aufeinander zuzugehen, dann„hat sich der Tag schon gelohnt“. Madsen: „Ich bin nicht für einen Russland-Tag, sondern für Russland-Jahre.“
 

 

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