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Mecklenburg-Vorpommern

18. Dezember 2017 | 12:08 Uhr

Im Test : Rundum-Grün für Fußgänger

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Im Ausland ist es schon verbreitet, hierzulande jedoch eine Seltenheit: das so genannte Rundum-Grün. Alle Fußgänger haben Grün, während alle Autos warten. Wo wurde getestet und was ist der Haken an der Sache?

svz.de von
erstellt am 03.Jan.2012 | 06:24 Uhr

Es könnte ein autofreier Sonntag sein, dieser Mittwoch in Berlin-Kreuzberg - so zumindest der flüchtige Eindruck. Menschen gehen kreuz und quer über die Kreuzung von Friedrich- und Kochstraße, als gäbe es dort keinen weiteren Verkehr. Und tatsächlich: Für zehn Sekunden haben die Fußgänger rundherum Grün und die Straße für sich. Dann werden die Ampelmännchen wieder rot, und die Autofahrer sind erst einmal dran - für eine gefühlte Ewigkeit.

Ampelanlagen, an denen die Rot- und Grünphasen für Fußgänger und motorisierte Verkehrsteilnehmer getrennt voneinander geschaltet sind, nennen die Fachleute Rundum-Grün. Wenn die Fußgänger auch diagonal queren dürfen, so wie in Kreuzberg, spricht man vom Diagonal-Grün. Im Ausland - in den USA oder Japan - gibt es solche Kreuzungen häufiger. Man verspricht sich davon, typische Gefahren im Keim zu ersticken.

"Eine derartige Fußgängerphase mit Alles-Rot für den Kraftfahrzeugverkehr vermeidet die mögliche Gefährdung der Fußgänger durch abbiegende Fahrzeuge", sagt Richard Schild, Sprecher des Bundesverkehrsministeriums in Berlin. Entsprechend hat eine Untersuchung der Unfallforscher der Versicherer (UDV) ergeben: Abbiegeunfälle zwischen Kraftfahrern und Fußgängern kommen schlicht nicht mehr vor. Analysiert wurden neben Berlin auch Kreuzungen in Köln, Wuppertal und Kaiserslautern, wo das Rundum-Grün vereinzelt umgesetzt wurde.

Doch es gibt einen Zielkonflikt, den UDV-Sprecher Klaus Brandenstein so beschreibt: "Die sicherste Variante ist die zeitaufwendigste." Die UDV-Studie bestätigt das: Autofahrer und Fußgänger leben zwar erst einmal sicherer, müssen aber auch längere Wartezeiten in Kauf nehmen. Deshalb sieht die Richtlinie für Lichtsignalanlagen (Rilsa), auf die sich Ministeriumssprecher Schild bezieht, das Rundum-Grün speziell für Knotenpunkte mit starkem Fußgänger- und vergleichsweise geringem Kraftfahrzeugverkehr vor. Das können zum Beispiel Kreuzungen in der Nähe von Fußgängerzonen oder an touristischen Attraktionen sein. Ansonsten seien "Beeinträchtigungen der Qualität des Verkehrsablaufes zu erwarten". Im Klartext: Staus. Und wenn der Verkehr stockt, kann das wiederum zu nervösem Verkehrsverhalten und Unfällen führen, schätzt UDV-Sprecher Brandenstein.

Eine verstärkte Beeinträchtigung für Autofahrer haben die Berliner Verkehrsstrategen an der belebten Kreuzung Friedrichstraße/Kochstraße zwar nicht beobachtet. Doch reißt den Fußgängern hier wegen längerer, im Fachjargon sogenannter Umlaufzeiten häufiger der Geduldsfaden: Es dauert länger, bis alle einmal dranwaren, weil für Autofahrer und Fußgänger insgesamt drei anstelle von normalerweise zwei Grünphasen geschaltet sind. Zudem sei das Risiko für Fahrradfahrer, von unaufmerksamen Rechtsabbiegern über den Haufen gefahren zu werden, nicht gebannt.

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