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Schicksal : „Rumsitzen kam für uns nie in Frage“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Tatjana Rebrova flüchtete vor elf Jahren aus der Ukraine, heute ist sie Ladenbesitzerin in Schwerin

svz.de von
erstellt am 12.Jan.2015 | 12:00 Uhr

Es hielt sie nur noch wenig: Ein Großteil der Familie war verstorben. Die Folgen der Wirtschaftskrise im Land der Orangenen Revolution für Tatjana Rebrova und ihre Familie nicht mehr zu ertragen. „Wir sahen uns gezwungen zu gehen“, erzählt sie, die einst als Programmiererin arbeitete.

Das Anfang der 90er-Jahre beschlossene Kontingentflüchtlingsgesetz ermöglichte mehr als 220 000 jüdischen Flüchtlingen aus der Sowjetunion den Weg nach Deutschland. Eine von Ihnen war Tatjana Rebrova aus der Ukraine, die im März 2004 zusammen mit ihrem Mann Olleg und Sohn Dimitri in eine neue Zukunft aufbrach – nach Deutschland.

„Im Vorfeld wussten wir nur, dass wir nach Mecklenburg-Vorpommern kommen.“ Der Anfang in Schwerin war schwer: „Alles war neu. Die Menschen waren freundlich, doch trotzdem fühlte man sich fremd“, sagt die Akademikerin. Besser wurde es mit dem Erlernen der Sprache. „Ich bekam die Gelegenheit, zwei Sprachkurse zu besuchen“, berichtet die heute 44-Jährige. Es folgte ein Integrationskurs, der unter anderem geschichtliches und kulturelles Wissen vermittelt. „Binnen neun Monaten lernte ich Deutsch“, sagt Rebrova. Schließlich erhielt die junge Frau eine Festanstellung in einem Reisebüro. „Obwohl mein Diplom in Deutschland sogar anerkannt wurde, wollte ich etwas Neues ausprobieren“, so Rebrova, die die Arbeit mit Menschen schätzt.

Vor sechs Jahren erfüllte sich die Ukrainerin schließlich einen lang gehegten Traum: Sie eröffnete ihren eigenen Laden. Das „Berjoska“(zu deutsch: Birklein) im Schweriner Wohngebiet Großer Dreesch ist heute beliebter Treffpunkt für russischstämmige Nachbarn. Das „Berjoska“ wirkt wie ein Mosaik aus vergangenen Tagen. Russische Spezialitäten füllen die Regale. Kaviar, Tee, Gemüsekonserven, Pelmeni-Teigtaschen – Erinnerungen an die Heimat. „Unsere Kunden können sich bei uns wie zuhause fühlen“, so Olleg Rebrov. Rebrovas Mann übernimmt die Logistik, organisiert Waren und hält Kontakt zu Partnern. „Gemüse und Fleisch beziehen wir von polnischen Händlern“, erklärt er.

Wer das „Berjoska“ betritt und die Familie kennenlernt, erlebt eine herzliche und familiäre Atmosphäre. Kunden unterhalten sich, trinken Kaffee oder Tee mit Zitrone. Häufig kommt Rebrovs Sohn Dimitri im Laden vorbei. Mittlerweile ist er 23 und studiert ebenfalls Informatik. Wenn Tatjana über ihn spricht, strahlen ihre Augen: „Ich bin sehr stolz auf meinen Sohn. Mir gelang es, ihn umfassend auf das Leben in einem neuen Land vorzubereiten“, sagt sie.

Dimitri sei der Zugang zur deutschen Sprache durch den Tanzsport leicht gefallen. „Im Schweriner Tanzmilieu fühlte er sich wohl und war sehr erfolgreich“, berichtet Rebrova und betont, dass ihre Familie und sie stets neue Herausforderungen gesucht hätten. „Rumsitzen kam für uns nie in Frage.“ Heute hat Tatjana Rebrova ihr eigenes Reisebüro im „Berjoska“. „Die Nachfrage war da“, sagt sie und vermittelt Reisen nach New York oder Moskau. Manchmal fahre sie auch zu Besuch in die Ukraine. Beim Gedanken an ihre alte Heimat wirkt die junge Frau zum ersten Mal besorgt.

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