Vogelgrippe : Ruhe im Gänsestall

Geflügelbauer Holger Kliewe zieht eine durchwachsende Bilanz für das Jahr: Die Tiere verloren durch die Stallpflicht an Gewicht
Geflügelbauer Holger Kliewe zieht eine durchwachsende Bilanz für das Jahr: Die Tiere verloren durch die Stallpflicht an Gewicht

Der Vogelgrippe-Erreger H5N8 schleicht sich still in die Bestände / Geflügelhalter sind verunsichert / Bilanz fällt durchwachsen aus

svz.de von
22. Dezember 2014, 21:15 Uhr

Nur noch wenige Gänse schnattern im Stall von Holger Kliewe auf der Insel Rügen. Fast alle 4000 Weihnachtsgänse und Enten, die der Landwirt seit November wegen der Vogelgrippe im Stall großziehen musste, sind geschlachtet und verkauft.

Die Bilanz fällt trotz der guten Verkaufszahlen durchwachsen aus. „Die Gänse haben im Stall durchschnittlich 500 Gramm verloren, die Enten 200 bis 300 Gramm“, so Kliewe. Der fehlende Auslauf habe den Tieren zugesetzt. Da er sein Geflügel nach Gewicht verkaufe, hätten am Ende 12  000 bis 15  000 Euro an Einnahmen gefehlt. Schuld ist das Virus H5N8. Nicht weit von Kliewes Hof entfernt war am 17. November eine Krickente erlegt worden, bei der die gefährliche Vogelgrippe nachgewiesen wurde. Die Ente blieb bislang der einzige Wildvogel in Deutschland mit einem solchen Testergebnis – obwohl von den Landesämtern zahlreiche Proben untersucht wurden. Inzwischen wurde das Virus auch bei einer tot an der Elbe gefundenen Stockente nachgewiesen.

In Deutschland war neben einem Bestand mit 30  000 Puten im vorpommerschen Heinrichswalde auch ein Betrieb im Landkreis Cloppenburg mit 20  000 Tieren sowie ein Entenmastbetrieb im Emsland betroffen. Auch in Großbritannien und den Niederlanden wurde das Virus bereits nachgewiesen.

Unter den Geflügelhaltern herrscht Verunsicherung, auch weil die Situation anders ist als 2006 mit dem Virus H5N1. Damals wurden an den Küsten und in den Rastgebieten tausende tote Wildvögel gefunden. Der Erreger war präsent und galt für den Menschen als gefährlich. Mehr als 600 Menschen weltweit steckten sich seit 2003 an, viele starben.

„H5N8 ist ein anderes Virus mit anderen Gen-Segmenten und anderen biologischen Eigenschaften. Nicht alle Tiere sterben notwendigerweise daran“, sagt der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts, Thomas Mettenleiter. Für Hühnervögel und Puten gelte H5N8 als hochgefährlich. In Heinrichswalde seien in wenigen Tagen 90 Prozent des befallenen Putenbestandes gestorben. Bei Wassergeflügel wie Enten und Gänsen scheine es hingegen weniger pathogen zu sein, wie Untersuchungen aus Südkorea und eigene Studien zeigten, sagt der Virologe. „Offensichtlich überstehen Enten und Gänse eine Infektion ohne größere klinische Symptome. Aber sie scheiden in großen Mengen den Erreger aus.“ Im Ursprungsgebiet hätten sich Hunde mit dem Erreger infiziert, teilte die Gesellschaft für Virologie mit. Die Tiere hätten offenbar keine Krankheitssymptome gezeigt. Dass die H5N8-Viren Menschen infizieren, sei derzeit nicht anzunehmen, aber auch nicht auszuschließen. Das Friedrich-Loeffler-Institut auf der Ostseeinsel Riems hat das Risiko für Auftreten und Einschleppung der Vogelgrippe vom Subtyp H5N8 in bestimmten Gebieten Deutschlands als hoch eingestuft und für diese eine Stallpflicht empfohlen.

Angesichts des Falls in Niedersachsen dürfte eine von Bauer Kliewe und vielen Freilandhaltern ersehnte Korrektur dieser Einschätzung nicht kommen. „An unserer Risikobewertung wird sich erst etwas ändern, wenn sich die epidemiologische Situation geändert hat“, so Mettenleiter. Stutzig macht, dass bei allen bisherigen Nachweisen in Europa Stallhaltungen und nicht Freilandbestände betroffen waren – die in der Regel viel eher Kontakt mit Wildvögeln haben. „Das ist etwas, was wir untersuchen müssen“, sagt Mettenleiter. Ein kausaler Zusammenhang von Massentierhaltung und dem Ausbruch der Vogelgrippe sei nicht belegt. „Wenn der Erreger in einen Bestand mit vielen Tieren eindringt, sind allerdings zwangsläufig die Konsequenzen größer“, so Mettenleiter.

Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft hatte die in einzelnen Bundesländern ausgesprochene Stallpflicht begrüßt. Bislang sei nicht erkennbar, dass der Geflügelabsatz rückläufig sei, sagte Verbandssprecher Florian Anthes. „Weihnachten ist Geflügelzeit.“ Die Nachfrage nach Geflügelfleisch nimmt seit Jahren zu. 2013 betrug der Pro-Kopf-Verbrauch von Geflügelfleisch in Deutschland 19,4 Kilogramm. Bauer Kliewe ist überzeugt, dass Tiere in Freilandhaltung resistenter gegen die Vogelgrippe-Erreger sind als Stalltiere. Er wünscht sich nichts sehnlicher als ein Ende der Stallpflicht.

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