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Hoffnungen nicht erfüllt : Ruhe auf dem Rollfeld

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Aus der Onlineredaktion

Keine Passagiere, keine Fracht, keine neuen Jobs: Vor 10 Jahren übernahm der Chinese Pang den Flughafen Parchim – die Hoffnungen erfüllten sich bislang nicht

svz.de von
erstellt am 17.Aug.2017 | 12:00 Uhr

Langsam ist er mit seiner Geduld am Ende. Eine Ankündigung nach der anderen: ein internationales Frachtdrehkreuz am Flughafen Parchim, Zwischenstopp für zehntausende chinesische Touristen, eine Luxusshopping-Mall, Hotels – „das ging Schlag auf Schlag“, erinnert sich Wolfgang Waldmüller. Nur: Zehn Jahre nach dem Einstieg des chinesischen Investors Jonathan Pang und des Logistikunternehmens Link Global in den Provinzflughafen „ist unterm Strich von den Investitionen nicht viel umgesetzt“, ärgert sich der Regionalchef des Unternehmerverbandes Schwerin: Die von Pang geschürten Erwartungen „haben sich nicht erfüllt“.

Startverschiebung auf dem Flughafen: Erst sollten „nach realistischen Plänen“ binnen „fünf Jahren 5000 neue Arbeitsplätze“ entstehen, kündigte Pang seinerzeit an. Später stellte der Investor aus dem Reich der Mitte sogar 10 000 Jobs in Aussicht. Hunderte Flieger sollten zum Landeanflug vor dem ehemaligen Militärflughafen ansetzen, um ihre Fracht in einem Luftdrehkreuz mit „erstklassiger und bedarfsgerechter Logistikfläche“ zu entladen – hoffnungsvolle Zeiten für Parchim, die Region und darüber hinaus. Investitionen von mehreren hundert Millionen Euro, nur zwei Jahre nach der Übernahme Fabrikgebäude für Unternehmen der Hightech-, Elektronik- und Bekleidungsbranche: Ein Luftfracht-Drehkreuz zwischen Asien und Europa, ein Jahrhundertprojekt, bei dem es keine Verlierer geben werde, schwärmte Pang – Provinz trifft auf die Welt.

Inzwischen werden die Zweifel größer: „Die Skepsis wächst“, meint Waldmüller. Nach den Erfahrungen mit Pang komme keine Euphorie mehr auf: „Diese Ankündigungspolitik des Unternehmens schafft kein Vertrauen.“ Nach dem ausbleibenden Frachtgeschäft hatte Link Global den Einstieg in Passagiergeschäft mit zehntausenden Chinesen avisiert. Shopping-Tour im Luxus Outlet Center am Parchimer Flughafen mit Hotels, Museumsangebot, Wellnesstempel: Die Planung steht, heißt es im beauftragten Architekturbüro Ingwersen/Rapp in Hamburg. Allerdings sei das Projekt etwas ins Stocken geraten. Und dennoch sei das Architekturbüro „guten Mutes“, dass der Plan verwirklicht werde. Nur: Die Flieger aus der Volksrepublik waren schon für 2015 angekündigt, um im ausgebauten Terminal abgefertigt zu werden. Passagiere sollten in Mecklenburg ihre Deutschland- und Europatour beginnen können. Drei bis fünf Charterflüge pro Woche sollten in Parchim landen. Daraus wurde bislang nichts. Das letzte Mal sind in Parchim vor mehr als einem Jahrzehnt Passagierflieger gelandet – Ferienflieger aus Bulgarien und Mallorca. Neue sind nicht in Sicht. Auch 2016 blieben die Passagierflieger aus – und wohl auch in diesem Jahr. In den nächsten Monaten sei nichts geplant, erklärte Flughafen-Betriebsleiter Jens Lindemann jetzt. Entscheidungen des Investors stünden aus. Der glaubt offenbar noch fest daran: Parchim Airport in Mecklenburg-Vorpommern soll der Ort werden, wo China auf Europa trifft, meinte Pang, für den Parchim zur Lebensaufgabe geworden ist: „Das Projekt kann zehn Jahre dauern, 100 Jahre oder bis in alle Ewigkeit“, versuchte Pang in dem im vergangenen Jahr gezeigten Dokumentarfilm „Parchim international“ Zweifel zu zerstreuen.

Die Ratlosigkeit bleibt aber: Auf dem Rollfeld sorgt zwar immer wieder Turbinenlärm für Flughafenatmosphäre. In Parchim haben die ersten sechs Großraumflieger ihre Warteposition bezogen – allerdings nur ausgemusterte Maschinen, die von Lufthansa-Technikern gewartet werden, die dafür regelmäßig die Maschinen anwerfen. Ansonsten weiß offenbar keiner mehr so genau, wie es weitergehen soll. 25 Beschäftigte halten den Flughafenbetrieb derzeit aufrecht. Zum Jahreswechsel musste der Airport noch die Betriebszeiten auf sechs Stunden reduzieren und Kurzarbeit für die Belegschaft anmelden. Die Einschränkungen sind inzwischen beendet worden. Betriebskosten, Löhne: Seinen finanziellen Verpflichtungen kommt der Investor nach, berichtet Flughafenchef Lindemann. Pang, der sich gern als Mann der Millionen und Milliarden gibt und Kritik an seinen unverwirklichten Plänen als Voreingenommenheit abtut, scheint aber abgetaucht. Im Flughafen wird er nur noch selten gesehen. Im Parchimer Citybüro lässt Link Global-Statthalter Jiasong Zheng alle Fragen zur Zukunft des Flughafens unbeantwortet. Zwischenzeitlich soll Pang sogar von der Spitze des Logistikers Link Global abgezogen und die Geschäfte seiner Frau übergeben worden sein.

Die Unsicherheit wächst: Landrat Rolf Christiansen (SPD) hatte noch im vergangenen Jahr mit einem regen Flugbetrieb und damit mit mehr Arbeitsplätzen für die Region gerechnet. Eineinhalb Jahre später scheint die Kreisspitze nicht mehr sicher zu sein und gibt sich bei neuen Prognosen verschlossen. Offenbar hat selbst der Landkreis den Kontakt zum Investor verloren. Kein Kommentar, lässt Landratsvize Wolfgang Schmülling mitteilen. Nur soviel: „Der Betreiber komme seinen „Verpflichtungen nach“, heißt es lapidar.

Dabei waren die Hoffnungen in der Region groß: Der Flughafen Parchim war nach zwei vergeblichen Versuchen 2007 für 30 Millionen Euro an die chinesische LinkGlobal-Gruppe privatisiert worden. Nachdem Pang allerdings mehrmals die Zahlungsfristen für den Kaufpreis verstreichen ließ, erließ der Landkreis Pang vom Kaufpreis zwölf Millionen Euro – im Gegenzug verpflichtete der sich, die monatlichen Betriebskosten von etwa 200 000 Euro zu tragen und Millionen in den Ausbau des Flughafens zu investieren. Ein umstrittenes Geschäft: Denn Pang, der damals als erster Chinese in Europa einen Flughafen übernahm, hatte es geschafft, sich zunächst ohne eigenes Geld Gewerbeflächen von 850 Hektar anzueignen. Um die erste Kaufrate aufbringen zu können, verkaufte er seinerzeit dem australischen Industrieimmobilienentwickler Goodman eine Teilfläche von 53 Hektar weiter und bezahlte mit dem Erlös von 13 Millionen Euro die Kaufrate.

Fehlende Investitionen, nicht eingelöste Versprechen, ausbleibender Flugbetrieb: Trotzdem sei die Privatisierung seinerzeit alternativlos gewesen, meint Verbandschef Waldmüller. Mit dem Einstieg von Link Global habe der Landkreis von jährlichen Kosten in Höhe von 2,3 Millionen Euro entlastet und vom defizitären Flughafengeschäft befreit werden können. Für die Steuerzahler war das Flughafenengagement bis 2007 schon teuer genug: Rund 30 Millionen Euro hatte die öffentliche Hand in den Airport investiert. In den vergangenen zehn Jahren sei es den Investoren zumindest gelungen, bei geringer Ertragslage den Flughafenbetrieb aufrechtzuerhalten, erklärte Verkehrsminister Christian Pegel (SPD). Seit der Privatisierung steht Link Global für die monatlichen Betriebskosten von rund 200 000 Euro gerade. Auch seien Investitionen beispielsweise in einen neuen Tower erfolgt, warb Pegel für Geduld: „Wenn es gelingt, chinesische Gäste nach Mecklenburg-Vorpommern zu holen, haben wir sehr viel gewonnen.“

Unternehmerverbands-Chef Waldmüller gibt nicht auf: Eine 24-Stunden-Betriebserlaubnis, eine lange Start- und Landebahn, „der Flughafen hat Potenzial. Das ist uneingeschränkt positiv – mit oder ohne Pang.“ Nur: Aus der Verantwortung ist Pang nicht. Waldmüller: „Er muss investieren, dazu hat er sich verpflichtet.“

Vom militärischen zum zivilen Airport

Der Parchimer Flugplatz existiert seit 1934. Später wird der Flughafen Luftwaffenstützpunkt der Wehrmacht, mehrere Bombenangriffe der US-Luftwaffe zerstören im April 1945 den Flughafen fast vollständig. Vier Jahre später wird auf dem Flughafen ein sowjetisches Jagdbomberregiment stationiert.

Seit der Wiedervereinigung laufen Bemühungen um eine rentable zivile Nutzung. 1994 wird das Land Mecklenburg-Vorpommern mit einem Anteil von 80 Prozent zum Hauptgesellschafter der Flughafen-

Parchim-Mecklenburg GmbH. Der hochsubventionierte Airport soll mehrmals privatisiert werden: In den 90er-Jahren wollten Investoren Parchim als Global-Trans-Park zum Europa-Stützpunkt eines weltumspannenden Netzes von Frachtflughäfen ausbauen. Daraus wurde nie etwas. 2001 verkaufte das Land den Airport an die Wiggings-Group. Die Briten wollten Parchim in ein Netz von 20 Flughäfen einbinden und hatten Investitionen von 60 Millionen Euro versprochen. Stattdessen konnten sie nicht einmal den Kaufpreis überweisen. So wurde im März 2005 der Kreis Parchim neuer alter Betreiber des Flughafens.

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