Rückwärts aus dem Bus

Rückwärts ist  es sicherer:  Käte Seehase  übt das Aussteigen aus dem Bus.   Fotos: Karin Koslik
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Rückwärts ist es sicherer: Käte Seehase übt das Aussteigen aus dem Bus. Fotos: Karin Koslik

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15. Mai 2012, 09:04 Uhr

Schwerin | "Ich habe wirklich schon viel ausprobiert, aber rückwärts aus dem Bus? Ich glaube nicht, dass das gut geht." Käte Seehase versucht trotzdem, was Wolfgang Block vom Nahverkehr Schwerin (NVS) ihr gerade vorgeschlagen hat. Schließlich hat die 84-Jährige sich ja bewusst zum Rollator-Training angemeldet. Denn so viel Halt ihr das vierrädrige Gefährt im Alltag auch gibt, so schwierig ist es doch zu handhaben, wenn sie damit Bus fahren will.

"Viele unserer älteren Fahrgäste benutzen mittlerweile Rollatoren", hat NVS-Geschäftsführer Norbert Klatt beobachtet. "Und viele von ihnen haben Probleme, vor allem beim Ein- und Aussteigen aus Bussen, aber auch während der Fahrt, wenn sie beispielsweise nicht sicher sitzen oder sich ihr Gefährt bei einer Gefahrenbremsung selbstständig macht." Aus Angst würde mancher deshalb ganz auf die Fahrt mit Bus oder Bahn verzichten - doch wolle man diese Fahrgäste nicht aufgeben, so Klatt. Senioren seien schließlich besonders treue Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs. "Und wir dürfen natürlich die Augen nicht vor dem demografischen Wandel verschließen, der Anteil älterer Fahrgäste wird noch weiter zunehmen", weiß Klatt.

Mit seiner Idee zu einem Training für Senioren mit Rollatoren lief er bei der Landesverkehrswacht Mecklenburg-Vorpommern offene Türen ein. "Wer im Alter mobil ist, kann ohne größere Einschränkungen am öffentlichen Leben teilnehmen. Und wer am Leben teilnimmt, hält sich länger fit. Wir wollen daher die Motivation der Senioren stärken, mit Bus und Bahn sicher mobil zu bleiben", erklärt Geschäftsführerin Andrea Leirich, warum die Landesverkehrswacht neben Kindern nun auch Senioren schult.

Neben dem Nahverkehr, der die Fahrzeuge stellt und der die Senioren sogar aus ihrem Wohngebiet zum Trainings parcours auf dem Schweriner Berta-Klingberg-Platz bringt, sind zu den einzelnen Terminen auch ein Sanitätshaus, das die Sicherheit der Gehwagen kontrolliert, und die Präventionsberaterin der örtlichen Polizeiinspektion mit vor Ort. Polizeihauptkommissarin Anke Wedlich hat an diesem Vormittag eine kleine Übungsstrecke für die Senioren vorbereitet. "Wir simulieren das Gehen auf einer schrägen Ebene, fahren Slalom und üben, wie man sich befreit, wenn man mit dem Rol lator in Straßenbahngleisen oder anderen Vertiefungen hängen bleibt." Außerdem hat sie auf dem Asphalt mit gelber Folie einen "toten Winkel" abgeklebt, um ihre "Schüler" dafür zu sensibilisieren, wie schwierig es für Bus-, aber beispielsweise auch Lkw-Fahrer ist, auf jemanden zu reagieren, der sich in diesem schwer einsehbaren Bereich neben dem Fahrzeug befindet.

Mit Älteren zu arbeiten, sei schon eine besondere Herausforderung, meint Anke Wedlich. Denn natürlich hätten sie ihre Lebenserfahrung, aber sie müssten auch anerkennen, dass sie einfach nicht mehr so leistungsfähig und reaktionsschnell sind wie in jungen Jahren - und das fiele manchem schwer. "Aber ich habe meine Maxime, die ich vorher erkläre und über die ich auch nicht diskutiere: ,Es gibt unmögliche Jugendliche. Es gibt unmögliche Polizisten. Und es gibt unbelehrbare Senioren."

An diesem Vormittag sind die Unbelehrbaren zu Hause geblieben. Eifrig nutzen die zwölf älteren Damen die Gelegenheit, unter Anleitung immer wieder in den Gelenkbus ein- und wieder auszusteigen. Als einziger Mann hat sich an diesem Tag Christian Roloff zum Rollator-Trainig angemeldet. Seit gut einem Jahr ist der Gehwagen sein treuer Begleiter. "Ich musste ihn haben, weil ich nach einer Lungen-OP sonst gar nicht mehr gehen konnte", erzählt der 79-Jährige. Auch heute noch kommt er bei längeren Strecken aus der Puste, dann funktioniert er das Gefährt zur Sitzgelegenheit um. Eine Frau aus der Nachbarschaft habe ihm erzählt, dass sie auch einen Rollator habe, sich aber schämen würde, damit gesehen zu werden, erzählt er, während er sich vom anstrengenden Ein- und Aussteigen erholt. Er habe darauf geantwortet, dass sie dann auch noch keinen Rollator brauchen würde, meint Christian Roloff und lacht.

Tatsächlich brauchen immer mehr Menschen die Unterstützung beim Gehen - nicht nur Senioren. Erfunden hat den Rollator die Schwedin Aina Walfalk, die aufgrund einer Kinderlähmung gehbehindert war. Das war 1979. Seit Anfang der 90er-Jahre sind die praktischen Gefährte auch in Deutschland erhältlich. Mittlerweile gibt es hierzulande mehr als zwei Millionen Rollatoren, jährlich kommen 500 000 neu dazu.

Neben Schwerin haben deshalb auch schon andere Städte wie Rostock Interesse am Rollator-Training bekundet. Die Neubrandenburger Verkehrsbetriebe haben sogar eine Abordnung in die Landeshauptstadt entsandt. "Die Idee zu solchen Schulungen gibt es nämlich auch bei uns schon lange ", erzählt Gerold Tietz aus der Unternehmensplanung des Verkehrsbetriebes. Zusammen mit dem Seniorenbeirat der Viertorestadt und der Verkehrswacht soll es nun Ende Juni losgehen. "Wir werden dann unsere neuen Busse vorstellen, die noch besser auf Mobilitätseingeschränkte zugeschnitten sind. Und bei dieser Gelegenheit wollen wir auch gleich das erste Rollator-Training anbieten."

Der Schweriner Nahverkehr bietet in diesem Jahr insgesamt sechs Schulungen an, je nach Teilnehmerwunsch in Bussen oder Straßenbahnen. "Der nächste Termin im Juni ist bereits ausgebucht", freut sich NVS-Geschäftsführer Norbert Klatt. Ilse Gehrich kann die Schulungen nur empfehlen. "Ich fühle mich jetzt wirklich sicherer", sagt die 78-Jährige und steigt ein letztes Mal mit ihrem Rollator aus dem Bus - rückwärts.

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