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Hirschzucht in Mamerow : Rotwild als Nische für Bio-Landwirt

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Ein riesiger Birnenbaum mit unzähligen Früchten, Sitzplätze hier und dort, ein Gemüsegarten von Blumen umringt, über denen die Schmetterlinge tanzen, ein Teich mit Teichrosen und einer Enten-Insel.

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erstellt am 07.Aug.2012 | 10:49 Uhr

Mamerow | Ein riesiger Birnenbaum mit unzähligen Früchten, Sitzplätze hier und dort, ein Gemüsegarten von Blumen umringt, über denen die Schmetterlinge tanzen, ein Teich mit Teichrosen und einer Enten-Insel, auf der auch Kaninchen hoppeln - idyllischer geht es kaum. Sanft streicht dazu der Wind über den Hof. Barfuß läuft Eike Zacharias (60) übers Gras. Er ist studierter Maschinenbauer, war bei der LPG Lalendorf in den letzten Jahren vor der Wende Produktionsleiter und fand die konventionelle Landwirtschaft völlig in Ordnung. Nach und nach habe sich diese Einstellung gewandelt. Heute ist er Biobauer im Nebenerwerb und hält in Mamerow Rotwild und Mufflons sowie ein paar Gotlandschafe.

Gegen den Strom - Entscheidung für Rotwild

"Ich wollte Tiere auf der Fläche haben, die nett aussehen", sagt Eike Zacharias. Alle hätten damals Damwild gehabt, also habe er sich für Rotwild entschieden. "Beim Damwild geht es ums Fleisch, beim Rotwild ist die Zucht interessanter", erklärt er den Unterschied. Mehr als die Hälfte der Tiere, die er jährlich vermarkte, verkauft er lebend. Es sind kapitale Hirsche, die anderswo die Zucht aufbessern sollen. Er verkauft in Deutschland, aber auch nach Spanien und Ungarn. Interessenten gab es auch schon in Litauen. Sein Zuchtziel sieht er erreicht, wenn die Tiere mit sechs, sieben Jahren Abwurfstangen mit einem Gewicht von zehn bis 13 Kilogramm tragen. 20 Hektar in unmittelbarer Nähe des Einzelgehöftes bei Mamerow sind eingezäunt - Platz für einen Grundbestand von 120 Tieren. Bei einem jährlichen Nachwuchs von etwa 45 Tieren ergibt sich eine Vermarktung in eben dieser Größenordnung.

Im ersten Jahr werde selektiert. Tiere, die dem Zuchtziel nicht entsprechen, liefert der Nebenerwerbslandwirt zerlegt u.a. an Bio-Hotels (z.B. Gremmelin) und lässt sie in einem zertifizierten Schlachthof in Stralsund zu Wurst und Schinken verarbeiten und vertreibt die Produkte über Bio-Läden und über einen Erdbeerhof in Rövershagen. Mit Fleisch aber könne man nicht wirklich Geld verdienen, betont Eike Zacharias. Auch einen Hofladen gibt es. Der aber ist mehr etwas für Kenner, eine treue Kundschaft, die ohne Hinweisschild an der Straße kommt.

Rotwildzucht kommt ohne Kraftfutter aus

Die Tiere leben von dem, was der Betrieb mit 96 Hektar Wiesen, die extensiv bewirtschaftet werden, hergibt. "Kein Kraftfutter", betont Eike Zacharias. Im Winter gebe es zusätzlich Reste aus der Apfelsaftproduktion (selbstverständlich bio). Ein Mineralstoff-Gemisch, bio -zertifiziert, bräuchten die Hirsche, um ein so prachtvolle Geweih ausbilden zu können, fügt er hinzu.

Viel Arbeit hat Eike Zacharias, der sein Brot in erster Linie als Makler landwirtschaftlicher Objekte verdient, in den Hof gesteckt. Er hat Gräben aufgebuddelt, Teiche angelegt, Bäume gepflanzt und auch ein Stück Wald aufgeforstet, auch Zäune gezogen. So finden Rotwild, Mufflons (auf 20 Tiere reduziert, weil mit Zuchterfolg unzufrieden, Gedanke an Neuanfang) und Gotlandschafe natürliche Bedingungen vor, bei heißer Sommersonne z.B. kühlen Schatten unter Bäumen. Der 60-Jährige weist auf einen Bachlauf. Dort halten sich die Tiere am liebsten auf. Erst zum Abend würden sie wieder aus der Deckung kommen.

Die Landschaft sei wunderbar für das geeignet, was Eike Zacharias praktiziert. Er nennt es Lebensqualität und ist zufrieden. Natürliches Wasser ist auf den Flächen vorhanden, eine Quelle, die auch im Winter in der Regel nicht zufriert. So müssen keine Tränken aufgestellt werden.

Selbstversorger träumt von der Autarkie

Perfekt wäre es, wenn die Familie autark auf dem Hof leben könnte. Das gelinge nur zum Teil. Man komme als Selbstversorger übers Jahr: Enten und Kaninchen, die ein sehr freies Leben auf den Hof haben. Die üblichen Kaninchenställe gibt es hier nicht. Ein großer Obstgarten und zahllose Beerensträucher liefern reichlich Obst, das zum Teil konserviert wird. Ein Brunnen ist ebenso vorhanden wie eine Kläranlage. Aber auf Strom sei man angewiesen. Über Alternativen denkt Eike Zacharias schon seit geraumer Zeit nach. "Windrad geht nicht, weil wir hier im Landschaftsschutzgebiet sind, und Fotovoltaikanlagen sind kein schöner Anblick", macht er sein Problem deutlich.

Massentierhaltung schmälert Lebensqualität

Und dann gibt es auch den Gedanken wegzugehen. Die industrielle Tierhaltung in Bergfeld nennt der 60-Jährige als Grund dafür. In der Bürgerinitiative "Hähnchenmastanlage Bergfeld - nein danke!" habe er sich engagiert: "Wir haben auch viel Geld ausgegeben - und hinterher festgestellt, dass wir keine Chance hatten." Die Auswirkungen des ersten Stalles auf die Umgebung sei noch eben zu ertragen. Aber inzwischen wird erweitert. Danach wird das nicht mehr so sein, denkt Eike Zacharias. "Wir hatten uns hier eigentlich sicher gefühlt, in einem Landschaftsschutzgebiet", sagt er. Dass für eine riesige Mastanlage einfach Flächen aus einem Landschaftsschutzgebiet herausgelöst werden können, hatte er für undenkbar gehalten. "Lebensqualität geht so verloren", sagt Eike Zacharias und schaut von der Besucherkanzel ins Gatter und darüber hinaus in die Landschaft.

Rotwild-Beobachtung im September und Oktober

Die Kanzel am Rande des Wildgeheges ließ der Naturpark Mecklenburgisches Schweiz und Kummerower See im vergangenen Jahr errichten, um die Rotwild-Beobachtung auch bei Regen zu einem unvergesslichen Erlebnis werden zu lassen. "König der Wälder" ist die Veranstaltung am 28. September, 17 bis 20 Uhr, überschrieben, zu der der Naturpark nach Mamerow einlädt. Anmeldungen sind bis 27. September unter Telefon 0173/600 28 61 möglich. Etwa 100 Leute kämen jährlich zur Hirschbrunft ans Wildgehege, berichtet Dietmar Schriever. Eine Veranstaltung (etwa 20 Personen) reiche dafür nicht aus, deshalb vergibt er bei Anmeldung weitere Termine. "80 Prozent der Besucher sind Wiederholungstäter", sagt der Naturpark-Ranger und sieht es als Beweis für die Qualität der Veranstaltung.

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