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Klinikclowns trainieren in Raben-Steinfeld : Rote Nasen auf der Schulbank

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Drei Tage wurde unter Anleitung eines holländischen Künstlers geübt: Heilsamer Humor will gelernt sein

svz.de von
erstellt am 29.Mai.2016 | 21:00 Uhr

Wenn Clowns die Schulbank drücken, sieht das spaßig und schweißtreibend aus. Mit roten Nasen mühen sie sich, eine Umarmung im Zeitlupentempo mit Verrenkungen zu vollführen. Dann überraschen sie ihr Gegenüber mit Fingertricks oder einem minutenlangen Handkuss. Sie tanzen, singen, schlüpfen in andere Rollen. Bis Sonntag trainierten elf professionelle Klinikclowns aus Deutschland drei Tage lang in Raben Steinfeld.

Den Workshop leitete der Holländer Ton Kurstjens. Der 57-jährige Komiker gibt seit fast 30 Jahren Kurse in ganz Europa. Mit den deutschen Clowns trainierte er „Entschleunigung“ und „Kontaktknüpfen“ – beides sei wichtig für die Arbeit im Krankenhaus, sagt er.

Langsamkeit in der Bewegung nennt Kurstjens „Salamisieren“ und meint damit, vorsichtig in Zeitlupe zu spielen – um maximale Spannung und Aufmerksamkeit zu erlangen und das Publikum nicht zu überfordern.

Kontakte zu Patienten ließen sich besser herstellen, wenn diese Zeit hätten, ihre Gefühle auszudrücken, Ängste und Sorgen loszuwerden oder entspannt zu lachen. „Du musst die Atmosphäre beim Patienten spüren, sensibel wahrnehmen, was das Kind oder die alte Frau gerade fühlt und braucht“, meint Gertrud Timpen-Thurner alias „Gertrüüüd“ aus Lübeck. Angela Rechlin, die sich Gesundheits-Clown „Jacky Paff“ nennt, findet gefühlvolles Agieren wichtig. „Dazu gehört auch, dass man weinen darf.“ Traurigkeit sei ein Teil vom Annehmen des Schicksals. Dabei sei Humor in Zeitlupe authentisch und wirkungsvoll. Langsamkeit lasse dem Patienten die Chance, sich selbst mit einzubringen.

Die Klinikclown-Szene in der Bundesrepublik ist nach Angaben der Stiftung „Humor hilft heilen“ mit rund 60 Vereinen stark im Kommen. Schätzungsweise 500 Künstler arbeiten in Krankenhäusern, Reha-Einrichtungen, Altenheimen und Hospizen. Die meisten von ihnen sind professionell tätig, nur wenige ehrenamtlich.

Während der Einsatz von Klinikclowns in den Niederlanden und der Schweiz flächendeckend realisiert ist, hinken andere europäische Länder hinterher. In Deutschland werden Clowns-Visiten fast nur über Spenden finanziert. Voriges Jahr reichte der Dachverband beim Bundestag eine Petition mit mehr als 800 Unterschriften für eine Initiative zu Gesetzesänderungen ein. Kranken- und Pflegekassen sowie Sozialversicherungsträgern soll es ermöglicht werden, den Einsatz von Clowns im Gesundheitswesen zu vergüten. Eine Pilotstudie von Greifswalder und Berliner Wissenschaftlern ergab Anfang dieses Jahres, dass Clowns-Besuche bei kranken Kindern das als „Kuschel- oder Glückshormon“ bekannte Oxytocin signifikant ansteigen lassen. Der neuronale Botenstoff bewirkt Studien zufolge die Reduktion von Stress, es dämpft Aggressivität, fördert Empathie und Vertrauensseligkeit.

Kursleiter Kurstjens weiß um die positive Wirkung von heiterer Zuwendung und Spaß am Krankenbett: „Clowns verleihen Kindern Kraft.“

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