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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 11:28 Uhr

Rostock im Ausnahmezustand

vom

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erstellt am 25.Nov.2011 | 09:23 Uhr

Rostock | "Union, Union, Eisern Union." Sprechchöre hallen gestern durch die Rostocker S-Bahn-Station Parkstraße und finden ihren Weg über die grün und blau gekleideten Polizisten hinweg. Hansa spielt gegen Berlin - Ostknaller. Rund 1100 Hauptstadt-Fans sind mit einem Sonderzug angereist und verwandeln die Haltestelle in ein rot-weißes Meer. Verstärkt werden sie von 400 Fans, die mit Privatwagen oder Bussen gekommen sind. Für sie wurden am Hauptbahnhof extra Parkplätze gesperrt, bevor auch sie in die Bahn umsteigen. Immer in Begleitung eines massiven Polizeiaufgebots.

2000 Beamte sind aufmarschiert. Sie wollen nach den Ausschreitungen am vergangenen Spieltag rund um die Partie zwischen Hansa und St. Pauli kein Risiko eingehen. "Wir setzen auf strikte Fantrennung", sagt Polizeisprecherin Dörte Lembke. Außerdem sind in den Zügen Glasflaschen verboten - sie flogen in der Vergangenheit zu häufig in Richtung der Beamten.

Eskorte zum Stadion

Vor dem Spiel noch zum Weihnachtsmarkt in die Innenstadt - das ist für die Union-Anhänger nicht drin. Stattdessen werden sie rund anderthalb Stunden vor Anpfiff vom Bahnhof Parkstraße zu Fuß zum Stadion eskortiert. Viele Straßen rings um die Arena sind schon seit Mittag abgesperrt. Autos kommen weder raus noch rein, dürfen vielerorts auch gar nicht mehr parken. Kurz vor dem Marsch der Union-Anhänger zur Arena geht dann gar nichts mehr. Ausnahmezustand.

Dieses Mal ist die Polizei-Strategie weitgehend erfolgreich, vor dem Spiel bleibt alles ruhig. Keine Krawalle, keine Schlägereien, Jagdszenen oder zerbrochene Scheiben von Shuttlebussen. Auf dem Rasen kämpfen die Spieler vor 16 000 Zuschauern aufopferungsvoll um jeden Ball, wegen verschärfter Einlasskontrollen allerdings erst mit 15 Minuten Verspätung. Doch trotz der Durchsuchungen können die Gästefans Bengalos und Böller in ihren Block schmuggeln, die sie kurz vor der zweiten Halbzeit zünden. Das Stadion ist minutenlang in dichten Rauch gehüllt. Die Hansa-Fans lassen sich davon nicht provozieren, bleiben ruhig - anders als in der Partie gegen St. Pauli.

Raketenbeschuss erschüttert die Nation

Da hatte die Polizei noch acht Verletzte zu beklagen. Gegen 33 Randalierer wurden anschließend Verfahren wegen Körperverletzung, Beleidigung und Sachbeschädigung eingeleitet. Die Bilder von Raketen, die Hansa-Anhänger unter dem Applaus der anderen Zuschauer in den St.-Pauli-Block schossen, schockierten ganz Deutschland. "Menschen mit Feuerwerkskörpern zu beschießen, ist menschenverachtend und abstoßend", zeigte sich Hansa-Chef Bernd Hofmann bestürzt und fügte an: "Die Reaktion aus dem Affekt, vor allem der Zuschauer abseits des Geschehens, hat uns dabei allerdings schlicht sprachlos und traurig gemacht."

Die Ruhe gestern ist denn wohl auch ein Ergebnis der brisanten Lage, in der sich Hansa Rostock seit dem Spiel gegen Pauli befindet. Fan-Beauftragter Joachim "Schuppe" Fischer appellierte im Vorfeld der Partie an die eigenen Anhänger: "Unser Verein steht am Scheidepunkt und das sollte jedem bewusst sein." Jetzt gehe es um nichts anderes als um die Existenz des Clubs - Hauptsponsor Veolia hatte wegen der erneuten Negativschlagzeilen angekündigt, zum Ende der Saison auszusteigen.

Bei neuen Krawallen in der laufenden Spielzeit droht das Unternehmen mit Einschnitten beim Sponsoring. Sein Engagement soll rund 700 000 Euro pro Jahr in die klamme Hansa-Kasse spülen. Geld, das der Verein eigentlich zur Winterpause in einen neuen Stürmer investieren wollte. Der Club bangt nun um sein Bestehen. "Die Situation ist ernst", sagt Hofmann. Er ruft die Sponsoren dazu auf, sich nicht zurückzuziehen, sondern dem Verein beizustehen. "Hansa und Rostock sind weit besser als das Bild, welches wir in der Vergangenheit abgegeben haben", so Hofmann.

Wirtschaftsstandort nimmt Schaden

Doch selbst die lokale Wirtschaft zeigt sich mittlerweile vom Geschehen rund um den Fußballplatz alarmiert. "Ultras und Hooligans zerstören nicht nur den FC Hansa Rostock - sie gefährden auch die Entwicklung der Hansestadt", warnt Frank Haacker, Präsident des Unternehmerverbandes Rostock. Das Image des gesamten Standorts leide mit dem seines Aushängeschildes.

Angesichts der erneuten Pauli-Ausschreitungen zeigt sich die Clubführung allerdings ratlos. Das gesellschaftliche Problem des Sitten- und Werteverfalls könne Hansa nicht allein lösen. "Leider ist diese Tendenz deutschlandweit zu erkennen", sagt Hofmann. Er setzt deswegen große Hoffnungen in eine Taskforce aus Vertretern von Innenministerium, Staatsanwaltschaft, Polizei und Club. Schon kurz nach dem Krawall-Gipfel zwischen Hansa und Pauli hatte Innenminister Lorenz Caffier (CDU) erste Veränderungen ins Spiel gebracht: personalisierte Eintrittskarten und Schnellgerichte für überführte Randalierer. Der Innenausschuss des Landtags befasst sich am 1. Dezember mit dem Thema.

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