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Barrierefrei durch MV? : Rollstuhlfahrer ausgebremst

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Fehlende Wohnungen, unebene Straßen, verweigerte Mitnahme im Bus: In puncto Barrierefreiheit ist in MV noch viel zu tun

svz.de von
erstellt am 11.Feb.2016 | 08:00 Uhr

Auf die Lesart kommt es an: Mit 49,5 Prozent rollstuhlgerechter Arztpraxen liegt Mecklenburg-Vorpommern bundesweit an der Spitze, hatte der Verband der Ersatzkassen Ende Januar ermittelt. Im Umkehrschluss heißt dies allerdings: Nicht einmal jede zweite Praxis ist ohne weiteres für Rollstuhlfahrer und andere Gehbehinderte erreichbar. Auch bei behindertengerechten Parkplätzen oder Orientierungshilfen für Sehbehinderte gibt es im Land Nachholbedarf, so der Verband.

Und nicht nur dort: Von 1619 Problemen, die im vergangenen Jahr an den Bürgerbeauftragten des Landes, Matthias Crone, herangetragen wurden, bezogen sich 148 auf die Belange Behinderter. „Gerade im Baubereich gibt es viele Defizite“, so Crone. Als Beispiel nannte er die Innenstadt von Woldegk, in der die Straßen mit grobem Kopfsteinpflaster belegt sind. Rollstuhlfahrer und Nutzer von Rollatoren hätten auf diesem Straßenbelag große Probleme, hatte eine Bürgerin kritisiert. Senioreneinrichtungen seien für sie nur unter größten Anstrengungen erreichbar. Nach einem Ortstermin seiner Behörde hätte die Stadtverwaltung das Anliegen aufgegriffen und dafür gesorgt, dass binnen weniger Monate insgesamt zwölf barrierefreie Übergänge errichtet wurden, so der Bürgerbeauftragte. Er wünschte sich nicht nur öfter so schnelles Einlenken der Verantwortlichen vor Ort, sondern fordert generell: „Am Bau muss Barrierefreiheit wichtiger werden. Das fängt schon bei der Planung an. Wer gut plant, kann mit wenig Aufwand nachhaltige Lösungen schaffen. Davon profitieren später viele.“

Problematisch sei, dass barrierefreies Bauen und Planen bislang bei der Ausbildung von Architekten und Ingenieuren im Land kein Pflichtfach ist, so Crone. Lediglich als Wahlfach an der Hochschule Wismar könne derartiges Wissen erworben werden. Dabei wäre die Einrichtung eines entsprechenden Lehrstuhls neben dem Nutzen für die Allgemeinheit auch ein Beitrag zur Profilbildung der Hochschule, meint der Bürgerbeauftragte.

Auch mit dem Bau barrierefreier Wohnung ginge es im Land nicht im gleichen Maße voran, wie der Bedarf wächst, kritisierte Matthias Crone. Immerhin sei im September die Landesbauordnung novelliert worden, die jetzt unter anderem vorschreibt, dass in Häusern mit mehr als zwei Wohnungen eine Etage barrierefrei erreichbar sein muss.

Während allerdings bei Neubauten – sowohl im Wohnungs- als auch im Straßenbaubereich – Barrierefreiheit mittlerweile hohe Priorität habe und auch in Richtlinien festgeschrieben sei, gebe es bei der Sanierung noch Nachholbedarf, merkte der Bürgerbeauftragte an. So würden viele Kommunen angesichts klammer Kassen bei Arbeiten an Bestandsstraßen häufig auf die Schaffung von behindertenfreundlichen Übergängen oder die Absenkung von Bordsteinen verzichten, weil das Geld dafür fehlt. Sein Vorschlag an den Wirtschaftsminister, auch dafür ein Förderprogramm aufzulegen, wurde allerdings abschlägig beschieden, bedauert Crone.

Ein weiterer Kritikpunkt vieler Menschen mit Handicap ist der schlechte oder ihnen sogar völlig verwehrte Zugang zum öffentlichen Personennahverkehr. Noch immer sind Bahnsteige vielerorts für Gehbehinderte, Rollstuhlfahrer, aber auch Eltern mit Kinderwagen nicht ohne weiteres erreichbar. Im Landkreis Vorpommern-Rügen wird Nutzern von Elektrorollstühlen und E-Scootern die Beförderung in öffentlichen Bussen sogar ganz verweigert – aus Haftungsgründen. „Das muss geändert werden“, fordert Crone, denn das Recht auf Mobilität und Teilhabe habe jedermann.

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