Risiko: Von Windrädern umzingelt

<strong>Diese eingerahmte Fläche westlich</strong> der Bahn zwischen Nebelin und Karstädt könnte ein neuer Windpark werden. Konfliktpotenzial birgt der nördliche Zipfel: Hier potenzieren sich mit Windrichtung West die Lärmquellen Bahn, Ortsumgehung, A 14 und 200 Meter hohe Windkraftanlagen in Richtung Wohnbebauung Karstädt. Repro: Manfred Drössler
Diese eingerahmte Fläche westlich der Bahn zwischen Nebelin und Karstädt könnte ein neuer Windpark werden. Konfliktpotenzial birgt der nördliche Zipfel: Hier potenzieren sich mit Windrichtung West die Lärmquellen Bahn, Ortsumgehung, A 14 und 200 Meter hohe Windkraftanlagen in Richtung Wohnbebauung Karstädt. Repro: Manfred Drössler

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08. Juni 2012, 09:36 Uhr

Karstädt/Nebelin | Die Gemeinde Karstädt ist bereits jetzt Spitzenreiter im Land, was die Zahl der Windräder betrifft. In vier Windparks mit ca. 2000 Hektar - das sind 20 Prozent aller derzeitigen Windeignungsflächen der Regionalen Planungsgemeinschaft Prignitz-Oberhavel - stehen bereits ca. 100 Stück. Weitere sind in Planung bzw. werden in absehbarer Zeit gebaut. Mit einem neuen Teilplan Windenergienutzung, für den die Planungsgemeinschaft am 16. April 2012 einen Aufstellungsbeschluss fasste, könnten im Gemeindegebiet nochmals drei Gebiete mit 500 bis 600 Hektar für weitere Anlagen hinzu kommen. Die Gemeindevertretung kann dafür am 14. Juni die Weichen stellen, wenn sie der Planungsgemeinschaft diese zusätzliche Potenzialflächen vorschlägt. "Wir leiten nur das weiter, was die Ortsbeiräte wollen und die Gemeindevertretung beschließt", bekräftigt Bürgermeister Udo Staeck.

Größte Fläche wären ca. 500 Hektar westlich der Bahn zwischen Nebelin und Karstädt/Höhe Klärwerk (siehe Karte). Die Ortsbeiräte von Premslin, Nebelin und Karstädt befürworteten einstimmig bzw. mehrheitlich die von Gebietsentwicklern für Windenergie erarbeiteten Vorlagen. "Habt Ihr vor, ganz Karstädt mit Windrädern zu zu bauen?" Diese Kritik trugen Bürger an Jürgen Ditten, Gemeindevertreter und Ortsbeiratsmitglied, mehrmals heran. In der Ortsbeiratssitzung wurden insbesondere zum "Flaschenhals" Bedenken laut, in dem sich das vorgeschlagene Windeignungsgebiet nach Norden hin verjüngt. Hier ist die Ortslage Karstädt/Semlin bereits durch die Bahntrasse und die Umgehungsstraße B 5 gebeutelt. Hinzu kommt demnächst die A 14, für die im Bereich Karstädt keinerlei Lärmschutz, auch kein "Flüsterbeton", vorgesehen ist. Und dann noch zusätzlich Windräder?

Alle Lärmquellen befinden sich westlich des Ortes, werden also von der Hauptwindrichtung West verstärkt. Auch wenn der Abstand zur Wohnbebauung mindestens 1000 Metern betragen soll - die neuen Windräder haben eine Gesamthöhe bis zu 200 Metern, Geräusche werden weit getragen, dazu kommt der optische Effekt der Einengung. Ein Bürgervorschlag, den "Flaschenhals" zu streichen, fand bei den Ortsbeiratsmitgliedern jedoch keine Mehrheit. "Dominante Lärmquelle wird die A 14 sein", versuchte Peter Vogel, Beiratsmitglied der regionalen Planungsgemeinschaft, der an der Sitzung teilnahm, zu relativieren, dass die Windräder dahinter nicht zu hören seien. Berechnet sei für die Autobahn ein Dezibel-Nachtwert von 49 dB, für die Windräder "nur" 45 dB.

Als weitere Windeignungsfläche wird ein 32 Hektar großes Waldgebiet zwischen Premslin und der Straße Schönfeld-Blüthen vorgeschlagen, denn nach neuester Richtlinie können auch Wälder mit geringem Schutzstatus mit Windrädern belegt werden. Eine dritte neue Fläche (15 Hektar) favorisiert der Ortsbeirat Reckenzin an der Tarnitz unweit der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern.

Ob alle drei Flächen Eingang in den neuen Regionalplan finden, darüber befindet die Planungsgemeinschaft. Genehmigungsbehörde ist letztlich das zuständige Fachministerium in Potsdam. Peter Vogel nennt für das gesamte Prozedere ein Zeitfenster von zwei bis drei Jahren. Die Neufassung des Teilplans Windenergie passe in die Energiestrategie Brandenburgs. So sollen erneuerbare Energien bis 2030 einen Anteil von 32 Prozent am Primärenergieverbrauch haben. "Für die Gewinnung von Windenergie sind zwei Prozent der Landesfläche zu nutzen, bis jetzt wurden 1,2 Prozent in bestätigten Flächen realisiert. Für die restlichen 0,8 Prozent sind vom Naturschutz wenig betroffene Flächen zu verwenden", so Peter Vogel.

Die Gemeinde will sich ihr Mitspracherecht bei den neuen Windparks mit einem Bebauungsplan sichern. Seine Zustimmung verknüpfte der Ortsbeirat Karstädt auf Vorschlag von Britta Avantario mit einigen Forderungen: Gewerbesitz des Windparks sollte in Karstädt sein; fällt kein Gewinn an, erhält die Kommune eine Ausgleichszahlung; Prüfung eines Gesellschaftervertrags unter Einbeziehung starker regionaler Partner; ein Teil der Wertschöpfung hat in der Gemeinde zu verbleiben, auch ist die Errichtung eines Bürgerwindrads anzustreben.

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