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Mecklenburg-Vorpommern

23. September 2017 | 00:38 Uhr

Ausstellung in Greifswald : Ringen um Worte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Quälende Schreibkrisen überschatten das Schaffen des Literaten Wolfgang Koeppen

svz.de von
erstellt am 13.Feb.2017 | 12:00 Uhr

Wolfgang Koeppen ringt mit den Worten, er quält sich: „Meine Mutter fürchtete die Schlangen. Ich finde nicht weiter. Dass nichts entsteht. Immer fällt mir dieser Satz ein. Ich scheitere an ihm. Ich schreibe an ihm. Die Seiten häufen sich. Meine Mutter fürchtete die Schlangen.“

Diese Sätze aus einem undatierten Typoskript Koeppens (1906-1996), der zu den bedeutendsten Autoren Nachkriegsdeutschlands gehört, stammen vermutlich aus den 1960er-Jahren. Mehrere Typoskripte – vom Autor selbst maschinell verfasste Texte – im Koeppen-Archiv in Greifswald beginnen mit diesem Satz. In einem Notizbuch Koeppens steht er auf der ersten Seite: „Meine Mutter fürchtete die Schlangen.“ Erst in Koeppens Band „Jugend“, den er 1976 nach 15-jährigem literarischem Schweigen herausbringt, findet der Satz in seiner endgültigen Form in die Öffentlichkeit. Er eröffnet das autobiografische Prosawerk, in dem Koeppen hochverdichtet, mit vielen Assoziationen angereichert, in 53 montageartigen Sequenzen exemplarisch eine Jugend in seiner Geburtsstadt Greifswald zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschreibt.

Nun sind vier Typoskripte und das Notizbuch aus dem Koeppen-Archiv an der Universität Greifswald in die Schweiz zu einer Ausstellung des Züricher Literaturmuseums „Strauhof“ gegangen. Die Ausstellung trägt den Titel „Schreibrausch. Faszination Inspiration“ und wurde am 10. Februar eröffnet.

„Das mag auf den ersten Blick verwunderlich sein, dass gerade Koeppen, mit dem das Phänomen der Schreibblockade, der Schreibkrise assoziiert wird, die Ausstellung eröffnet“, sagt der Greifswalder Professor für Neuere deutsche Literatur und Koeppen-Forscher Eckhard Schumacher. „Jugend“ war Koeppens erstes literarisches Werk nach der Veröffentlichung seiner bahnbrechenden Nachkriegsromane „Tauben im Gras“ (1951), „Das Treibhaus“ (1953), „Der Tod in Rom“ (1954).

Doch so abwegig sei die Entscheidung nicht, Koeppen an den Beginn der Ausstellung zu stellen, sagt Schumacher. Die Schreibkrise sei ein Gegenpol zum Schreibrausch, beide – Rausch und Krise – seien Teile des literarischen Entstehungsprozesses. Außerdem, so Schumacher weiter, ist aus der Sicht des Nachlasses das literarische Verstummen Koeppens nicht zu belegen. „Es ist ein Schreiben, das immer wieder neu ansetzt, Koeppen beginnt neue Projekte, die er allesamt aber nicht über eine Konzeptionsphase hinausbringt.“ Schumacher vermutet als Grund für die vielen in den Anfängen stecken gebliebenen Versuche: Koeppen scheiterte auch an seinen eigenen hohen Ansprüchen.

Im Greifswalder Koeppen-Archiv, das den Gesamtnachlass des Schriftstellers beherbergt, lagern neben Briefen, Manuskripten und seiner Privatbibliothek all diese Versuche – allein 1500 Typoskriptseiten mit Notizen, Fragmenten und abweichenden Entwürfen, die „Jugend“ zuzuordnen sind.

Allein für den ersten Satz von „Jugend“ finden sich laut Schumacher 30 bis 40 Ansätze, für die Eingangssequenz gar etwa 100 Versuche. „Da wechselt die grammatikalische Struktur, da wechselt die Perspektive, da werden Sätze ausgetauscht, da wird verdichtet“, sagt der Wissenschaftler. Es sei ein Ringen und ständiges Arbeiten an einem für Koeppen gültigen Werk. „Dieses Ringen, das sich nach außen als Krise darstellt, kann auch etwas Rauschhaftes haben.“

Im vergangenen Jahr haben Schumacher, Katharina Krüger und Elisabetta Mengaldo eine textgenetische Edition von „Jugend“ herausgebracht. Die Online-Publikation im Suhrkamp-Verlag (www.koeppen-jugend.de) eröffnet dem Nutzer einen Blick auf den Endtext und die Entstehungsstufen der 53 Sequenzen von „Jugend“ und stellt die Typoskripte – sofern möglich – in zeitliche Zusammenhänge. Für viele Passagen lasse sich der Entstehungsprozess nachvollziehen, sagt Schumacher. „Es ist eine komplizierte Entstehungsgeschichte.“

Widerlegen konnten die Forscher nach eigenen Angaben damit ein Gerücht: Demzufolge habe Koeppen „Jugend“ nicht allein geschrieben, sondern der Suhrkamp Verlag, der verzweifelt auf eine Neuveröffentlichung von Koeppen wartete, habe das Werk zusammengestellt. Ausgangspunkt für die Fama: Die Satzvorlage für den Verlag besteht aus datierten und undatierten Typoskripten, aus Ausschnitten von Kurztexten, die Koeppen 1968, 1969 und 1972 in der literarischen Zeitschrift „Merkur“ veröffentlicht hatte und aus handschriftlichen Aufzeichnungen – alles montageartig von Koeppen selbst zusammengeklebt. „Das Gerücht können wir mit unserer Edition wiederlegen. Koeppen hat die letzte Fassung des Buches selbst zusammengestellt. Das Werk ist ihm nicht aus der Hand genommen worden.“

Koeppen steht mit seinem Ringen um die gültigen Sätze nicht allein da. Auch Autoren von Weltrang wie Franz Kafka, Ernest Hemingway oder Fjodor Dostojewski litten an Schreibblockaden. In der Züricher Ausstellung widmen sich die Ausstellungsmacher den diversen Schreibprozessen und -praktiken. Wie gelangen Schriftsteller in Schreibfluss, gar in einen Schreibrausch? Und welche Stimulanzien und Techniken helfen dabei, den schon in der Antike beschriebenen rauschhaften Zustand des inspirierten Dichters, des „furor poeticus“, zu erreichen? Koeppen-Forscher Schumacher ist überzeugt: Das Schreiben ist seltener Rausch, seltener Euphorie der fließenden Gedanken, denn Krise und zähes Ringen um den passenden Satz.

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