Erfindungen aus MV : Rezept gegen schleichenden Rost

Prof. Kersten Latz (li.) und Prof. Jens Hölterhoff haben eine Methode für die Sanierung der Brücken entwickelt. Dörte Rahming
Prof. Kersten Latz (li.) und Prof. Jens Hölterhoff haben eine Methode für die Sanierung der Brücken entwickelt. Dörte Rahming

In Deutschland gibt es etwa 3000 Brücken, die aufgrund ihrer Konstruktion von innen langsam rosten. Ingenieure der Hochschule Wismar haben eine spezielle Sanierungsmethode für die Brücken entwickelt.

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10. Mai 2013, 08:23 Uhr

Eine Autobahnbrücke in Norddeutschland, überquert von 45 000 Fahrzeugen pro Tag - und darunter der Rost. Die trapezförmigen Stahlprofile, die die Konstruktion knapp 50 Meter über dem Nord-Ostsee-Kanal stabilisieren, korrodieren von innen.

Vor Jahren stießen Ingenieure bei Bauarbeiten zufällig auf das Problem. Vorher war man davon ausgegangen, dass die Profilträger hermetisch abgeschlossen seien. Doch es stellte sich heraus, dass durch die Schwingungen des Verkehrs in den Schweißnähten Risse entstehen - dort kann Wasser eindringen. Der hohe Anteil an Streusalz aus dem Winter lässt es besonders aggressiv auf den Stahl wirken. So bleiben von den sechs Millimetern Materialstärke schnell nur noch vier übrig - eine Bedrohung für die Verkehrssicherheit. Allein in Deutschland gibt es rund 3000 Brücken dieser Bauart. "Die Brücken stehen an strategisch bedeutenden Punkten", sagt Prof. Jens Hölterhoff, Bauverfahrenstechniker von der Hochschule Wismar. "Es wäre verkehrstechnisch eine Katastrophe, wenn ein Teil davon wegfiele."

Hölterhoff und sein Kollege, der Brückenspezialist Prof. Kersten Latz, sahen zwei Problemfelder: Einerseits müssen die Roststellen entdeckt und beseitigt, weitere Korrosion verhindert werden. Andererseits ist es notwendig, die Tragfähigkeit der Brücken zu erhöhen, denn viele sind gar nicht für den immer weiter zunehmenden Verkehr konstruiert.

Die neue Methode aus Wismar: Das Stahlprofil wird mit einem speziellen Gewebe aus textilen Kunstfasern ausgekleidet, eine Schicht aus Epoxidharz verbindet es mit dem Stahl. Hölterhoff und Latz haben dafür das so genannte Inversionsverfahren entwickelt.

"Dabei wird der textile Schlauch umgestülpt wie eine Socke", erklärt Hölterhoff. "Mit starkem Druck krempelt man das Gewebe dann direkt in die Hohlstelle hinein."

Mit dieser Methode können Brückenlängen bis zu 1000 Meter ausgekleidet werden. Und sie kostet nur etwa 20 Prozent so viel wie ein Neubau.

Um gleichzeitig die Tragfähigkeit zu erhöhen, haben die Wismarer Experten, das Fraunhofer-Institut Rostock und ein norddeutsches Industrietextil-Unternehmen in einem Forschungsprojekt einen speziellen Nadelfilz-Schlauch entwickelt, der mit Kohlefasern verstärkt ist. Dieses Material ist sehr leicht, erreicht aber eine dreimal so hohe Steifigkeit wie eine Stahlfaser gleichen Querschnitts. Zieht man so einen Schlauch in das Hohlprofil ein, wird es vor erneuter Korrosion geschützt und gleichzeitig seine Tragkraft insgesamt erhöht.

"Wir suchen jetzt Kooperationspartner, um diese Neuerung in der Praxis anwenden zu können", so Hölterhoff. "Ein erstes Projekt läuft eventuell in Schleswig-Holstein an."

In Mecklenburg-Vorpommern ist der Sanierungsbedarf der Brücken nicht so hoch. "Viele sind in den letzten 20 Jahren neu gebaut oder saniert worden", erklärt Latz. "Außerdem sind sie nicht so stark beansprucht wie beispielsweise die im Ruhrgebiet."

Weltweit aber stehen zahlreiche weitere Stahlbrücken, vor allem in Ländern wie den USA, Japan und Großbritannien.

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