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Traditionelle Küstenfischerei : Rettung vor dem Untergang

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Experten schlagen Alarm: Mit dem Rückgang der Küstenfischerei und der Umstellung auf Kunststofffahrzeuge drohen Traditionsboote zu verschwinden. Sie prägten über Jahrhunderte das Bild an der Ostseeküste.

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erstellt am 26.Dez.2012 | 08:19 Uhr

Stralsund | Blockkahn, Rostocker Kahn, Zeesboot oder auch das schwedische Fischerboot - die traditionellen Holzboote prägten über Jahrhunderte das Bild in den kleineren Häfen an der Ostseeküste. Weil Kunststoffboote zunehmend die traditionelle Küstenfischerei mit Holzbooten verdrängen, machen sich Schiffbau- und Fischereihistoriker mittlerweile große Sorgen. "Die Boote verschwinden von der Bildfläche", sagte Götz-Bodo Reinicke vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht alle Boote verlieren." Hinzu komme, dass die Küstenfischerei wegen der Fangmengenbeschränkungen seit Jahren in der Krise stecke. In diesem Jahr zählte der Landesverband der Kutter- und Küstenfischer weniger als 290 hauptberufliche Fischer.

Das Deutsche Meeresmuseum hat nun ein Projekt zum Erhalt und zur Dokumentation der alten Traditionsboote gestartet, um das jahrhundertealte Wissen um den Holzbootbau für nachfolgende Generationen zu erhalten. "Es ist ganz akut", sagte Michael Mäuslein, Kurator der Sammlungen zur Fischerei. Von den derzeit noch rund 2000 erhaltenen traditionellen Arbeits- und Fischerbooten in Mecklenburg-Vorpommern würden nur noch wenige in der Fischerei eingesetzt.

Wegen des hohen Wartungsaufwandes und der enormen Kosten werde in absehbarer Zeit keines der noch erhaltenen Transport- und Fischereiboote in seinem bestimmungsmäßigen Gebrauch sein, prognostizierte Mäuslein. Viele der noch erhaltenen Küstenboote würden zweckentfremdet genutzt - beispielsweise von Freizeitskippern. Ein Großteil stehe bereits als Dekorationsobjekt in Gärten, andere verrotteten in Schilfgürteln.

Nicht nur den Fachleuten aus Mecklenburg-Vorpommern geht es um den Erhalt eines einst landschaftsprägenden Kulturgutes. Auch in anderen Ostseeanrainern ist man inzwischen sensibilisiert: Museen in Litauen, Polen, Schweden und das Schifffahrtsmuseum in Rostock haben zwischen 2008 und 2011 mit EU-Mitteln gemeinsam eine erste Datenbank aufgebaut, in der traditionelle Bootsbautechniken und Bootsbaustandorte dokumentiert sind. Die Fachleute des Meeresmuseums haben nun damit begonnen, die Boote der eigenen Sammlung zu vermessen, zu beschreiben und fotografisch zu dokumentieren. Mit rund 50 Originalen hat das Museum eigenen Angaben zufolge eine der größten Sammlungen von hölzernen Arbeitsbooten im Ostseeraum und die größte in Deutschland. Das Meeresmuseum will aber vorrangig alle noch existierenden Holzboote in Mecklenburg-Vorpommern dokumentieren. Seltene Exemplare sollen sogar vor der Entsorgung bewahrt und in die Sammlung integriert werden. Bei der Recherche nach den alten Heuern, Strand-, Bodenschalen oder Bodenplankenbooten setzen die Museumsleute auf die Hilfe von alten Fischern, Bootsbauern oder auch Bootsliebhabern. Ziel sei es, einen repräsentativen Überblick über die Bootsbautypen im südlichen Ostseeraum zu erhalten, sagte Mäuslein. In einem Buch, das vor wenigen Tagen unter dem Titel "Alles Handarbeit - kleine Fischereifahrzeuge an der Ostseeküste" erschienen ist, haben das Meeresmuseum und das Schifffahrtsmuseum alle verfügbaren Informationen zusammengeführt. Allein auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommern wurden rund 60 verschiedene Typen an hölzernen Arbeitsbooten gebaut und genutzt. Im Nautineum, der Außenstelle des Deutschen Meeresmuseums, werden bislang Boote von zehn verschiedenen Typen gezeigt. Das älteste Ausstellungsstück ist ein so genannter Rostocker Kahn aus der Zeit um 1890. Das Boot hatte Mäuslein per Zufall im Jahr 2001 auf einem Industriegelände in der Rostocker Südstadt entdeckt - unter einem Kieshaufen und mit Brennnesseln überwuchert.

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