Geschäfte in MV : Rettet den Dorfladen

Geschäftsfrau Cornelia Modsching betreibt in Altenpleen den Dorfkonsum.
Geschäftsfrau Cornelia Modsching betreibt in Altenpleen den Dorfkonsum.

Die Hälfte der kleinen Geschäfte in MV ist bereits verschwunden. Aber mit Modellprojekten wird gegengesteuert

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08. Januar 2018, 05:00 Uhr

Punkt zwölf – und es wird voll im Dorfkonsum in Altenpleen. Handwerker ordern an einer kleinen Theke ihr Schnitzel, Schulkinder decken sich mit Schokoriegeln ein, am Postschalter werden Briefe gewogen. Cornelia Modsching und Karola Callies schlüpfen immer wieder in andere Rollen, um den Ansturm zu bewältigen: Sie sind Köchin, Verkäuferin und Kellnerin zugleich. Täglich kommen mehr als 200 Kunden in den Laden an der Hauptstraße, der vor knapp vier Jahren komplett saniert und mit einem Frisör sowie einem Café ergänzt wurde. In Altenpleen, einem verschlafenen Ort auf dem Weg von Stralsund zum Darß, gibt es sonst nicht viel Sehenswertes. „An diesem Laden hängen die meisten Kindheitserinnerungen“, sagt Modsching.

Im Jahr 2010 hat die gelernte Fleischerin das frühere Landwarenhaus übernommen, welches damals seinem Ende entgegendämmerte. Die 42-Jährige hatte zuvor in Bayern gelebt und nach ihrer Rückkehr in die vorpommersche Heimat einen Discounter geleitet. Dann war der Konsum ausgeschrieben. „Es war ein großes Wagnis“, erinnert sich die Geschäftsfrau. Die Renovierung des Ladens stemmte Modsching allein, einige Jahre später übernahm das Land rund 100 000 Euro für die Erweiterung des Baus. Die Nahversorgung in Altenpleen wurde zum Modellprojekt. Doch selbst die Suche nach einem Lieferanten geriet zur Odyssee. Viele Großhändler winkten ab – zu wenig Absatz.

„Man braucht ein solides Grundsortiment, um die Leute von den Discountern wieder wegzulocken“, berichtet Modsching. Die Billiganbieter dringen immer mehr auf das flache Land. Modsching setzt nicht auf knapp kalkulierte Preise, sondern auf Herzlichkeit. „Unsere Kunden erwarten, dass wir ein offenes Ohr haben“, sagt sie. „Es ist wie früher: Gerüchte kommen hier zuerst an.“

Aber nicht jeder im Ort kauft hier Milch, Butter oder Kartoffeln ein. „Wer auf dem Arbeitsweg den Supermarkt ansteuert, fährt weiter dorthin“, lautete eine Erfahrung der Betreiberin. Rückschläge gibt es immer wieder. „Als in Martensdorf ein ,Netto’ öffnete, habe ich das gespürt“, sagt sie. Auch die Straßensanierung vor der Tür war ein Desaster – da die Parkplätze wegfielen.

Dieses Engagement ist selten geworden. Die Versorgung in entlegenen Landstrichen hat sich dramatisch verschlechtert. Nach einer Studie des Bundesbauministeriums ist bereits in jeder zweiten Gemeinde mit weniger als 700 Einwohnern das letzte Geschäft verschwunden. Seit 2007, so eine Erhebung im Auftrag der Immobiliengesellschaft TLG, ist die Zahl der „Tante-Emma-Läden“ (kleine Lebensmittelgeschäfte) um bundesweit rund 41 Prozent geschrumpft.

Einzige Alternative ist der Online-Handel: Dieser verzeichnet laut Marktstudien außerhalb der Städte die größten Zuwachsraten, nicht jedoch in der Lebensmittelbranche.

Die Schweriner Landesregierung versucht zumindest, mit EU-Geldern die Dorfläden zu retten. Zunächst wurden vier Pilotprojekte, darunter der Konsum in Altenpleen, mit hohem Aufwand geschaffen. Mittlerweile existieren 20 geförderte Geschäfte, die zumeist mehrere Dienstleistungen unter einem Dach vereinen und mitunter von Genossenschaften organisiert werden.

„Wenn Dorfläden als soziale Begegnungsstätte funktionieren, dann haben sie gute Zukunftschancen“, sagt Kay-Uwe Teetz, Leiter der Rostocker Geschäftsstelle im Handelsverband Nord. Zwar habe es einen harten Verdrängungskampf gegeben, allerdings sei der „große Run“ der Discounter vorbei. „Ein Konsum ist kaum zu ersetzen.“

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