Unfallhilfe in MV : Retter halten Frist in keinem Kreis ein

Nach spätestens zehn Minuten sollten Rettungskräfte beim Patienten sein.
Nach spätestens zehn Minuten sollten Rettungskräfte beim Patienten sein.

Zehn Minuten liegen nur in Schwerin und Rostock zwischen Alarmierung und Eintreffen

Karin.jpg von
06. Februar 2018, 05:00 Uhr

Alarmierende Zahlen: In keinem Landkreis in Mecklenburg-Vorpommern wurde im Jahresdurchschnitt 2016 die in einem medizinischen Notfall gesetzlich vorgeschriebene zehnminütige Hilfsfrist eingehalten. Das geht aus der Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion „Bürger für Mecklenburg-Vorpommern“ (BMV) hervor. Nur in den beiden kreisfreien Städten lag demnach die durchschnittliche Hilfsfrist deutlich unterhalb der vorgeschriebenen Zeitgrenze: In der Landeshauptstadt brauchten die Rettungskräfte von ihrer Alarmierung durch die Leitstelle bis zum Eintreffen am Einsatzort durchschnittlich 9,1 Minuten, in Rostock sogar nur 7,2 Minuten. In den Landkreisen dagegen reichen die Fristen von 10,3 Minuten in Vorpommern-Greifswald über 11,4 Minuten in Nordwestmecklenburg, 11,5 Minuten im Landkreis Rostock und 12,3 Minuten in Vorpommern-Rügen bis zu 13,2 Minuten im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Aus der Mecklenburgischen Seenplatte lagen keine Daten vor. Landesweit wurde bei 60 000 von rund 160 000 Einsätzen im Jahr 2016 die Zehn-Minuten-Frist nicht eingehalten.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen relevanten Inhalt einer externen Plattform, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich einfach mit einem Klick anzeigen lassen und auch wieder ausblenden.

 Externen Inhalt laden

Mit Aktivierung der Checkbox erklären Sie sich damit einverstanden, dass Inhalte eines externen Anbieters geladen werden. Dabei können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen

 

„Der Notfallrettungsdienst ist damit nicht bedarfsgerecht. Er kann nicht als funktionsfähig gelten“, kritisiert der Parlamentarische Geschäftsführer der BMV-Fraktion, Matthias Manthei. „Einmal mehr sind die ländlich geprägten Regionen des Landes besonders benachteiligt.“

Das Gesundheitsministerium sieht die Landkreise als Träger des Rettungsdienstes in der Verantwortung. Sie müssten „Strukturen und Vorhaltung“ prüfen, um die Vorgaben des Rettungsdienstgesetzes und der Rettungsdienstplanverordnung einzuhalten. Das wird in den Landkreisen grundsätzlich ebenso gesehen. Derzeit werde die einheitliche Überplanung aller Rettungsdienstbereiche im Land vorbereitet, so die Sprecherin des Nordwest-Kreises, Petra Rappen.

„Eine Situation, in der Verletzte oder Erkrankte durch zu spätes Eintreffen der Rettungskräfte zu Schaden gekommen sind, ist in den zurückliegenden Jahren im Landkreis Ludwigslust-Parchim nicht eingetreten“, so Kreissprecher Andreas Bonin. Auch dort bedürfen die bestehenden Rettungsdienst-Strukturen aber der Überprüfung. Im zweitgrößten Flächenkreis der Bundesrepublik gibt es heute acht Notarztstandorte und 18 Rettungswachen, die der ständigen Qualitätskontrolle durch den Landkreis unterliegen.

Kommentar "Überambitioniert?" von Karin Koslik

Im lebensbedrohlichen Notfall zählt jede Sekunde. Deshalb ist es auch enorm  wichtig, dass Rettungskräfte nach  ihrer   Alarmierung möglichst schnell am Einsatzort ankommen.  Aber  ist  dafür  ein Durchschnittswert  von  zehn  Minuten in einem  Flächenland  wie  Mecklenburg-Vorpommern eine realistische  Größe?

Die Vorgabe  sei  ambitioniert, „die ambitionierteste in der ganzen Bundesrepublik“, hatte die  seinerzeit zuständige Ministerin Birgit Hesse (SPD)   2015 bei  der  Novellierung  des Rettungsdienstgesetzes erklärt. Tatsächlich hat  jedes  Bundesland  eigene Fristen,  die längsten gelten in  ländlichen Regionen Thüringens mit 17 Minuten. Auch in vergleichbaren Nachbar-Bundesländern  bleibt  den Rettern mehr Zeit: In Schleswig-Holstein sind es zwölf  Minuten,  in Niedersachsen  sogar 15 – dort beginnt  zudem die  Frist erst mit der  Einsatzentscheidung  und nicht, wie  in den meisten Ländern, bereits wenn der Anruf in der Leitstelle  angenommen wird.

Auch in MV hat man Zeit gewonnen, indem als Beginn für die Hilfsfrist erst die Alarmierung des Rettungsmittels festgelegt wurde. Experten zufolge gewinnt man derart bis zu 90 Sekunden.

Dennoch brauchten  die Rettungsdienste 2016  im landesweiten Durchschnitt  in 37,5 Prozent  der Fälle länger als die  vorgegebene  Frist , um am Einsatzort einzutreffen. Am prekärsten war die Situation im Landkreis Ludwigslust-Parchim,  wo in 63,8 Prozent der Fälle bis  zum Eintreffen  der Retter mehr Zeit  verging, als vorgeschrieben.  

Eine  Gesetzesänderung ist dennoch kein Ausweg.  Die Erfolgschancen für eine Reanimation liegen nach drei Minuten bei 75 Prozent, nach zehn  Minuten nur noch bei  fünf Prozent. Noch mehr  Rettungswachen und noch mehr Notärzte sind nötig – weil  im Notfall  jede Sekunde zählt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen