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"Respekt vor dem Tod und dem Menschenleben behalten"

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erstellt am 14.Jun.2013 | 08:22 Uhr

Wissenschaftlich wertvoll oder ethisch zweifelhaft? Seit der ersten "Körperwelten"-Schau ist das Konzept umstritten. Über den Nutzen einer Ausstellung mit plastinierten Leichen und seine Bedenken daran sprach der Rostocker Herzchirurg Prof. Gustav Steinhoff im Interview mit Redakteurin Christine Weber.

Die "Körperwelten"-Ausstellung widmet sich schwerpunktmäßig dem menschlichen Herzen, den Gefäßen und möglichen Erkrankungen. Ist das Thema so wichtig, dass eine Ausstellung darüber eine ganze Messehalle füllen sollte?

Prof. Steinhoff: Es ist enorm wichtig, die Bevölkerung so gut und umfassend wie möglich über das Herz-Kreislauf-System und damit zusammenhängende Erkrankungen aufzuklären. Jeder Einzelne sollte wissen, welche Lebensweisen welche Risiken mit sich bringen und wie man Krankheiten vorbeugen kann. Schließlich sind Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems die Haupttodesursache in Deutschland und für fast jeden zweiten Todesfall verantwortlich.

Die Macher der Ausstellung setzen auf einen Lerneffekt. Sie wollen die Besucher zum Nachdenken und einer Änderung ihres Verhaltens anregen. Ist eine solche Ausstellung dafür die geeignete Form?

Ich habe die Ausstellung selbst noch nicht gesehen. Grundsätzlich ist ein Lerneffekt sicher gegeben, wenn es sich um eine neutrale Darstellung von Leichenpräparationen handelt, die von guten Erklärungen begleitet wird. Sobald eine Ausstellung aber die Leichen unter dem Deckmantel der Kunst exhibitionistisch verwertet, wird es fragwürdig. Der Missbrauch von Leichen für andere Zwecke als zur Wissensvermittlung ist ethisch nicht in Ordnung.

Bei "Körperwelten" werden nur Menschen gezeigt, die ihren Körper als Spende zur Verfügung gestellt haben.

Ich kann auch durchaus positive Aspekte erkennen. So kann eine ästhetische Aufbereitung mit guten Erklärungen auch helfen, Ängste abzubauen. Trotzdem muss sich der Betrachter immer darüber im Klaren sein, dass es sich um echte Körper handelt. Er muss so den Respekt vor dem Tod und dem Menschenleben, das ihm vorausgegangen ist, behalten. Wenn Sensationslust und exhibitionistische Elemente beim Ausstellungskonzept überwiegen, ist es abzulehnen.

Manche Kritiker stören sich daran, dass die Wanderausstellung von einem kommerziellen Betreiber veranstaltet wird.

Sicher, es ist ein kommerzielles Unternehmen. Seinen Ansatz lehne ich aber nicht ab, er ist begrüßenswert. Die Umsetzung bewegt sich allerdings im Grenzbereich der ethischen Vertretbarkeit. Und der Effekt, bei den Besuchern ein medizinisch bewussteres Verhalten zu erzeugen, ist nicht gut validiert.

Besteht dennoch der Bedarf, Menschen über die Funktionsweisen des Herz-Kreislauf-Systems und Gesundheitsrisiken ausführlicher zu informieren?

Der Bedarf ist enorm - nicht nur für Patienten, auch für Gesunde. Jeder muss sich die Frage stellen und beantworten können: Was kann ich selbst tun, um Krankheiten zu vermeiden? Und rechtzeitig zum Arzt gehen. Das betrifft nicht nur den Bereich der Herz-Kreislauf-Erkrankungen, auch Brust- und Darmkrebs zum Beispiel. Eine frühe Diagnose verbessert die Überlebenschancen und die Lebensqualität. Ernährung, Bewegung und medizinische Diagnostik spielen die größte Rolle bei der Vermeidung von Erkrankungen.

Welche Formen halten Sie für geeignet, um dieses Wissen zu vermitteln?

Es ist gut, früh anzusetzen, zum Beispiel mit Gesundheitsunterricht an Schulen oder Projekten wie dem Teddy-Krankenhaus, das wir an der Rostocker Uniklinik haben. Darüber hinaus gibt es gute Ratgeber-Bücher und Informationen im Internet. Ähnlich einem Navigationssystem, dass Menschen dabei hilft, jede Straße zu finden, brauchen wir ein medizinisches Navigationssystem, dass uns hilft, angeborene und erworbene Krankheiten zu verstehen. Dabei ist auch die Medizin gefragt: Ärzte müssen gut erklären und so dafür sorgen, dass Patienten ein Verständnis für Erkrankungen und Risikofaktoren entwickeln.

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