Prozess um Kaffeefahrt : Rentner hinterlistig geprellt

Betrugsprozess in Schwerin / Angeklagter gesteht

svz.de von
01. Juli 2014, 07:38 Uhr

Sie sind als „Kaffeefahrten“ bekannt. Und berüchtigt. Das Internet ist voll von Warnungen vor dubiosen Werbeverkaufsveranstaltungen, bei denen meist ältere Leute über den Tisch gezogen werden.

Einen besonders dreisten Fall von gewerbsmäßigem Betrug verhandelt jetzt das Schweriner Landgericht. Reisen an Mosel und Rhein? Mit dem Bus bequem ins sonnige Italien? Österreich, Kroatien - und das zum Schnäppchenpreis von 49 Euro? Christian Weymann (Name geändert), hat all das deutschlandweit auf Verkaufsveranstaltungen versprochen. Und mit einem Kompagnon die Gebühr gleich an Ort und Stelle kassiert.

Die Reisen gab es tatsächlich. Nur dass die Gauner die Beträge manipulierten, die sie ins mobile EC-Karten-Gerät eingaben, an die 49 noch eine Null hängten, beispielsweise. Oder statt der einen Reise zehn verkauften.

Die meisten Geprellten seien schon recht betagt gewesen, sagt Staatsanwalt Frank Hoffmann. Und aufgeregt, so dass sie den Schmu oft erst bemerkten, wenn sie Wochen später auf den Kontoauszug schauten. Zahlungsbelege oder gar Quittungen erhielten sie nicht. Den gewieften Verkäufern waren sie nicht gewachsen. Die arbeiteten laut Staatsanwaltschaft mit allen Tricks, wählten ihre Opfer sorgfältig aus, lenkten sie im Gespräch ab oder luchsten ihnen die PIN für die EC-Karte ab, um nachträglich noch Geld abzubuchen. Doch als sich dann doch deutschlandweit die Strafanzeigen mehrten, flog die Sache auf.

Nach jahrelangen Ermittlungen verweist der Staatsanwalt auf mehr als 50 Aktenordner, die Sonderverfahren nicht mitgerechnet. Die meisten Fälle trugen sich zwischen 2008 und 2009 zu, laut Anklage auf Veranstaltungen in Deutschland – in Brandenburg und Sachsen, aber auch in Tschechien. In Mecklenburg-Vorpommern ist den Ermittlern kein Fall bekannt geworden. Weil Weymann in Schwerin lebt, kam der Fall hier vor Gericht.

Das Verfahren gegen einen Mitangeklagten stellte das Gericht gestern ein. Weymann, der 46-jährige Hauptangeklagte, hat gestern ein Geständnis abgelegt. Er räumte 21 der 40 Taten aus der Anklage ein. Fast 10 000 Euro beträgt der Schaden für die Rentner, rechnet der Staatsanwalt aus. Etwa die Hälfte, so der Angeklagte, sei in seine Tasche geflossen. Der Rest sei an zwei Kollegen gegangen, deren Namen Weymann aus Angst vor Rache nicht nennen will. „Tut mir schon teilweise leid“, sagt der gelernte Koch, als das Gericht ihn auf die geprellten Senioren anspricht.

Ihr Geld werden sie wohl nicht wiedersehen, aber immerhin erspart Weymann ihnen mit dem Geständnis eine lange Anreise zum Prozess. Das Gericht will nun lediglich die Anzeigen verlesen, die sie bei der Polizei aufgaben. Einige Opfer aus dem Ermittlungsverfahren sind krank oder inzwischen sogar gestorben. Am kommenden Montag wird vielleicht schon das Urteil gesprochen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen