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Leben im Alter : Rente mit 63, 65, 70? Leser sauer!

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Empörung über Schäubles Vorschlag zum Renteneintritt. Was Sie wissen müssen:

von
erstellt am 21.Apr.2016 | 21:00 Uhr

63, 65, 69 oder 70 - wann soll die Rente beginnen? Das laute Nachdenken von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) darüber, die Lebensarbeitszeit an die steigende Lebenserwartung zu koppeln, hat gestern bei unseren Lesern für Empörung gesorgt. Noch konkreter wird die Junge Union: Ab 2030 sollte das Rentenalter schrittweise von 67 auf 70 Jahre steigen.

„Wie lange denn noch? Im Osten sollte die Politik erst einmal dafür sorgen, dass alle bis 60 Arbeit haben“, schimpfte Leser Peter Bertram am Telefon. Im Landtag herrschte eine ungewöhnliche Einmütigkeit zwischen Koalitions- und Oppositionsparteien. „Herr Schäuble sollte in Rente gehen, seine Ideen werden immer abstruser“, so Karen Stramm aus der Linksfraktion. „Eine Bindung des Renteneintritts an die Lebenserwartung bestraft vor allem schwer arbeitende Menschen und verschlechtert die Lage Einkommensschwacher weiter.“

Schäubles Parteifreund und CDU-Abgeordneter aus Güstrow, Torsten Renz: „Eine Rente mit 70 lehne ich ab, gerade für körperlich schwer arbeitende Menschen ist eine Anhebung des Renteneintrittsalters völlig unrealistisch.“ Ähnlich Jörg Heydorn (SPD) aus Schwerin: „Statt sich auf eine Rente ab 70 zu konzentrieren, sollte über die Flexibilisierung des Renteneintritts gesprochen werden.“ Und Jürgen Suhr (Grüne) springt unserem Leser bei: „Das Renteneintrittsalter ist in Ostdeutschland deutlich niedriger als in Westdeutschland. In einigen Regionen liegt es bei unter 60 Jahren. Es müssen zunächst die Weichen dahingehend gestellt werden, dass Menschen überhaupt bis zum Erreichen des gesetzlichen Rentenalters arbeiten können.“

Auch in der Großen Koalition in Berlin traf Schäubles Vorstoß gestern auf heftigen Widerstand. SPD-Chef Sigmar Gabriel nannte die Forderung zynisch. Sie zeige, „was droht, wenn die SPD nicht in der Regierung ist“. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) lehnt einen späteren Rentenbeginn ab. „Das ist kein abgestimmter Vorschlag der Bundesregierung“, sagte eine Sprecherin.

 

Längeres Leben, länger arbeiten?

Gerade erst hat das Bundeskabinett die größte Rentenerhöhung der letzten 23 Jahre beschlossen, da prescht Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) vor und fordert, über die Rente mit 67 hinauszugehen. Er glaube, es mache relativ viel Sinn, die Lebensarbeitszeit und die Lebenserwartung in einen fast automatischen Zusammenhang auch in der Rentenformel zu bringen, sagte Schäuble. Von der SPD kam sofort Widerspruch. Hintergründe zur Debatte:

Ist die Rente mit 67 bereits umgesetzt?

Noch nicht vollständig. Die Altersgrenze für die abschlagfreie Rente steigt seit 2012 schrittweise an – jedes Jahr um einen Monat. Wer 1951 geboren ist, kann nach 65 Jahren und fünf Monaten ohne Abschläge in Rente gehen. Ab 2022 erhöht sich die Altersgrenze für die Rente ohne Einbußen jedes Jahr um zwei Monate. Ab dem Jahrgang 1964 gilt das neue Renteneintrittsalter von 67 Jahren. Mit 45 Beitragsjahren ist weiterhin eine frühere abschlagfreie Rente möglich. Für alle, die 1964 und später geboren sind, ab 65 Jahren, für Ältere bereits früher.

Wie lange arbeiten die Deutschen, wann gehen Sie in Rente?

Das durchschnittliche Renteneintrittsalter der Deutschen ist in den letzten 20 Jahren leicht gestiegen. Bei Männer lag es 2014 bei 64,0 Jahren, bei Frauen waren es 64,3 Jahre. Zum Vergleich: 1995 gingen Männer im Schnitt mit 63,3 Jahren in den Ruhestand, die Frauen mit 63,0 Jahren. Immer mehr Menschen sind länger berufstätig. 53 Prozent der 60- bis 65-Jährigen arbeiten noch. Zehn Jahre zuvor waren es nur 25 Prozent.

Was schlägt Schäuble konkret vor?

Er will, dass die gestiegene Lebenserwartung bei der Rente berücksichtigt wird. Dafür gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Etwa in der Formel, nach der sich die Höhe der jährliche Rentenanpassung richtet. Einen solchen Plan hatte 1997 der damalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) vorgelegt. Das Gesetz scheiterte aber. Eine andere Möglichkeit wäre ein Automatismus: Steigt die Lebenserwartung, würde auch die Altersgrenze für die abschlagsfreie Rente angehoben. Um das Rentenniveau zu stabilisieren, müsste die Lebensarbeitszeit nur moderat erhöht werden, argumentiert etwa Paul Ziemiak, Chef der Jungen Union.

Wie haben sich Lebenserwartung und Rentenbezugsdauer zuletzt entwickelt?

Die Deutschen beziehen inzwischen deutlich länger Rente als noch vor 20 Jahren. 1995 waren es im Schnitt 15,8 Jahre, 2014 bereits 19,3 Jahre bei allen Rentenbeziehern, bei Frauen sogar 21,4 Jahre. Hintergrund der Entwicklung ist die steigende Lebenserwartung: Heute 65-jährige Männer werden nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes im Durchschnitt 82,5 Jahre alt, Frauen fast 86 Jahre.

Rechnet es sich, über die Altersgrenze hinaus zu arbeiten?

Das kommt darauf an, heißt es von der Deutschen Rentenversicherung. Jedes weitere Arbeitsjahr ohne gleichzeitigen Rentenbezug bringt einem Durchschnittsverdiener mit 45 Beitragsjahren im Westen ein monatliches Rentenplus von 108 Euro und 99 Euro im Osten. Wer das Rentenalter erreicht hat und trotzdem weiter arbeitet, erhält einen Rentenzuschlag von 0,5 Prozent je Monat.

Autor: Rasmus Buchsteiner

Kommentar von Rasmus Buchsteiner: Schnapsidee
Rente mit 67, 68 oder gar 70 Jahren – wer bietet mehr? Kaum ein Tag vergeht ohne Vorschläge zur Zukunft der Alterssicherung. Bundesfinanzminister Schäuble provoziert nun mit seiner Idee, die Rente an die Lebenserwartung zu koppeln, die nächste Debatte. Immer mehr dringt die Erkenntnis durch, dass die Entscheidungen  für eine schrittweise Absenkung des Rentenniveaus und eine staatlich geförderte Zusatzvorsorge nicht den gewünschten Effekt für alle gebracht haben. Länger arbeiten, um so das Rentenniveau zu stabilisieren, ist eine Schnapsidee. Die Koalition muss sich ein Gesamtsicherungsniveau zum Ziel setzen: Dies zu erreichen, setzt eine Reform der Förderung für die Privat-Vorsorge voraus. Auch über neue Anlagenformen wie einen staatlichen Fonds und einen höheren Steuerzuschuss für die Rente muss  nachgedacht werden.
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