Die Linke : Reiben an der Doppelspitze

Wenke Brüdgam und Torsten Koplin nach ihrer Wahl auf dem Parteitag im November in Neubrandenburg.

Wenke Brüdgam und Torsten Koplin nach ihrer Wahl auf dem Parteitag im November in Neubrandenburg.

Linken-Landesvorsitzende Wenke Brüdgam und Torsten Koplin zu innerparteilichen Querelen und strategischen Zielen für die nächsten Jahre

von
01. Februar 2018, 05:00 Uhr

Seit Mitte November wird die Linke in Mecklenburg-Vorpommern von einer Doppelspitze geführt. Wenke Brüdgam und Torsten Koplin werden seither allerdings weniger mit Inhalten als mit Personalquerelen in Zusammenhang gebracht. Karin Koslik sprach mit ihnen.

Wie konnte es passieren, dass die Linke in Mecklenburg-Vorpommern in den letzten Monaten kaum mit Inhalten Schlagzeilen gemacht hat?Torsten Koplin: Es bedrückt uns sehr, wenn wir momentan in erster Linie als untereinander zerstritten wahrgenommen werden, weil wir natürlich deutliche inhaltliche Ansprüche haben und sehr angestrengt arbeiten. Wir haben beispielsweise eine Strategie vorbereitet, die sich auf einen Zeitraum von sieben bis acht Jahren erstreckt. Darin geht es um vier inhaltlich-strategische Linien, die das Profil der Partei schärfen sollen: Friedenspolitik, soziale Gerechtigkeit, Demokratisierung und ein Konzept für den sozial-ökologischen Umbau des Landes. Außerdem ist unser Anliegen, dass wir uns personell besser aufstellen. Auf einer Klausurberatung Ende Februar werden wir all das besprechen.

Wenke Brüdgam: Gerade beschäftigen wir uns inhaltlich ganz stark mit den anstehenden Kommunalwahlen. Wir werden dafür neue Mitstreiterinnen und Mitstreiter gewinnen müssen, die für uns kandidieren wollen, die Lust haben, linke Kommunalpolitik zu machen.

Torsten Koplin: Wir können für unsere Landrätin in Vorpommern-Greifswald nicht nachbesetzen oder für den stellvertretenden Landrat in der Mecklenburgischen Seenplatte. Wir konnten nicht einmal jemanden mit den entsprechenden fachlichen Referenzen anbieten für die Wahl. Das ist ein Unding. Um diesen unhaltbaren Zustand zu drehen, brauchen wir junge Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die die entsprechenden Referenzen und Kompetenzen erwerben. Wir werden also, und deshalb ist unsere Strategie auch so lange angelegt, fünf bis sieben Jahre brauchen, bis wir wieder Tritt gefasst haben.

Personal ist auch der Landesgeschäftsführer. Dass Sie sich von Kevin Kulke trennen, ist innerhalb Ihrer Partei auf viel Kritik gestoßen. Womit begründen Sie diese Entscheidung?
Wenke Brüdgam: Ich war ja schon im Landesvorstand und kenne die Arbeit von Herrn Kulke aus dem Zusammenarbeiten. Ich glaube, dass ich ihn aus dieser Zeit sehr gut einschätzen kann. Über die genauen Gründe haben wir sehr, sehr intensiv im Landesvorstand in einer geschlossenen Sitzung beraten, um persönliche Informationen, die geeignet wären, einen Menschen zu beschädigen, gar nicht nach außen zu lassen.

Torsten Koplin: Wir haben, was alle anderen vor uns als Landesvorsitzende auch gemacht haben, einen Vorschlag unterbreitet und gesagt, mit Sandro Smolka möchten wir gerne zusammenarbeiten. Alles andere war dann eine Mehrheitsentscheidung in Gremien. Dass diejenigen, die das anders sehen, darüber erbost sind, das kann ich nachvollziehen. Aber wir sind als Landesvorsitzende gewählt worden und stehen für den politischen Erfolg gerade. Dafür muss die Arbeit dann auch funktionieren.

Was befähigt denn Sandro Smolka für die Aufgabe des Landesgeschäftsführers?
Torsten Koplin: Er hat kommunalpolitische Erfahrung, er hat in Rostock in der Bürgerschaft gearbeitet. Er ist mehrere Jahre Landesvorstandsmitglied gewesen. Im Wahlkampf 2016/2017, auch im Bundestagswahlkampf, hat er mit sehr originellen Ideen den Wahlkampf bereichert. Also, wir sind schon überzeugt von ihm.

Wenke Brüdgam: Er hat auch den Internetwahlkampf der Linken gestaltet, für den wir sehr gelobt worden sind. Soetwas brauchen, um unser Erscheinungsbild nach außen zu verbessern, um mehr nach außen wirken zu können. Dazu kommt, dass Sandro unheimlich stark konzeptionell arbeiten kann. Eigene Ideen zu entwickeln, ist seine Stärke, und da geht er auch mal neue Wege.

Aber er ist Rostocker - und das gefällt manchem in der Linken gar nicht…
Torsten Koplin: Ja, es gibt Befindlichkeiten. Da ist so ein Unbehagen, dass der Rostocker Kreisverband so viel Ausstrahlung, so viel Macht haben könnte, dass er die ganze Partei lenkt. Gleichwohl wird in Rostock eine gute Arbeit geleistet, sie haben dort einen Großteil unserer Neueintritte und machen eine gute Kommunalarbeit. Da ist es doch angezeigt zu sagen: Was können wir von Rostock abkupfern? Oder von anderen erfolgreiche n Kreisverbänden, also auch von Ludwigslust-Parchim.

Wenke Brüdgam: Und wenn Sie sich die Zusammensetzung des Landesvorstandes angucken, dann werden Sie sehen, dass die vermeintliche Rostocker Übermacht überhaupt nicht gegeben ist. Nur zwei von 18 Landesvorstandsmitgliedern haben ihren Wohnsitz in Rostock. Aus Ludwigslust-Parchim kommen drei Mitglieder.

Kommen wir zu einem anderen Streitpunkt. Frau Brüdgam, warum haben Sie nicht gleich, als Sie sich zur Wahl gestellt haben, gesagt, wir bewerben uns nicht nur erstmals als eine Doppelspitze, sondern ich bewerbe mich erstmals auch als jemand, die nicht durch ein Mandat abgesichert ist und die deshalb die finanzielle Unterstützung der Partei braucht?
Wenke Brüdgam: Ich hab’s gesagt, nicht auf dem Landesparteitag, sondern in vielen kleinen Runden im Vorfeld, die wir gehabt haben. Es gab für mich überhaupt keinen Grund, über dieses Thema nicht zu reden. Und mir ist auch viel Verständnis begegnet in diesen Gesprächen, viele haben gesagt, na klar, wie soll das sonst gehen. Deshalb war es für mich zu selbstverständlich, und das war mein Fehler, zu denken, dass wir den Landesparteitag nur nutzen wollen, um uns inhaltlich zu positionieren. Heute sage ich, hätte ich es dort einmal mehr gesagt, wäre vermutlich alles einfacher gewesen. Ich bin aber auch gerne bereit, jetzt im Nachgang diese Gespräche zu führen.

Im Übrigen bin ich nicht die erste, die diese in der Satzung vorgesehene Möglichkeit nutzt. Als unser erster Landesvorsitzender wurde auch Helmut Holter bezahlt. Und es hat auch andere Anläufe gegeben.

Aber haben Sie als Landesvorsitzende wirklich so viel zu tun, dass das nicht neben Ihrer Arbeit beim Landesferauenrat gegangen wäre?
Wenke Brüdgam: Wer tatsächlich glaubt, man könnte ein volles Arbeitsverhältnis fortführen und „nebenbei“ Landesvorsitzende einer Volkspartei zu sein – und das sind wir in MV –, der unterschätzt entweder die Aufgaben des Landesvorstandes, oder er würde von jedem Arbeitgeber schlichtweg zu viel Verständnis erwarten.

Torsten Koplin: Mir wäre es ganz lieb, wenn wir indiesem Zusammenhang auch noch einmal über die Summe sprechen könnten. Es wabern ja 2900 Euro durch die Medien, das sei unverschämt für so ein paar Stunden. Aber wir reden über 1131 Euro.

Ist dieses Thema denn jetzt innerhalb der Partei ausdiskutiert? Es heißt, dass aufgrund der Querelen um ihre Vergütung der Haushalt der Landesgeschäftsstelle nicht bewilligt worden ist…
Wenke Brüdgam: Ja, dieser Haushalt musste noch mal nachberaten werden. Er geht nach dem Landesvorstandsbeschluss in den Landesausschuss, und der hatte dann noch mal Nachsteuerungsbedarf in Bezug auf Arbeitszeit und Vergütung und eine mögliche Probezeit.

Torsten Koplin: Wir haben diese Zeit genutzt, und alle Verträge vom Arbeitsrechtler prüfen zu lassen, um sie auch wirklich wasserdicht zu haben.

Wie weit geht es bei den Debatten über all das um die Partei und wie weit um Ihre Personen?
 Torsten Koplin: Tatsächlich ist es ein Reiben an uns als Doppelspitze. Es gibt einige, die das nicht wollen, das kann ich auch nachvollziehen. Schwierig ist es nur, wenn das dann nicht offen kommuniziert wird. Ob man sagt, uns gefällt eure politische Orientierung nicht, oder ihr gefallt uns als Menschen nicht - das ist alles nachvollziehbar. Es gibt Sympathien und Antipathien, andere politische Akzentsetzungen. Aber es ist bedauerlich, wenn das nur unterschwellig geäußert wird.

Was machen Sie jetzt, Frau Brüdgam, führen Sie Stundenzettel, um ihren Kritikern nachweisen zu können, wie viel Sie für Ihre Partei arbeiten?Wenke Brüdgam: Ich glaube nicht, dass es Sinn machen würde, einen Arbeitszettel zu führen, wer wirklich ehrlich ist, weiß, dass diese Aufgaben nichts mit den wirklich Stunden - bei der Linken sind eine halbe Stelle 19 Stunden - zu tun hat. Die Aufgaben, die vor uns liegen, sind so groß, dass man das in Stunden sowieso nicht bemessen kann. Und es gibt natürlich auch keine Fünf-Tage-Woche als Landesvorsitzende.

Mancher glaubt ja, bei einer Doppelspitze haben beide nur die Hälfte zu tun. Aber das ist überhaupt nicht unser Anspruch gewesen. Wir sehen den Vorteil einer Doppelspitze darin dass wir mit vier Augen auf alle Probleme schauen und dass wir die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen können. Das ist so ein kleiner vordemokratischer Prozess, den wir beide immer miteinander ausmachen. Und ich glaube, dass wir schon unheimlich viel inhaltlich geliefert haben. Wir bemühen uns zum Beispiel intensiv, täglich oder zumindest an jedem zweiten tag mit einer Mitteilung an die Öffentlichkeit zu gehen zu Themen, von denen wir glauben, dass sie für die Linke in MV relevant sind.

Torsten Koplin: Als wir uns zur Wahl gestellt haben, haben wir auch darüber gesprochen, dass wir Langfristprojekte angehen wollen, zum Beispiel den Aufbau eines linken Internetradios. Das nimmt jetzt langsam Gestalt an, am 1. Februar trifft sich eine Gruppe von Macherinnen und Machern, und dann werden wir schauen, welche technischen, personellen und rechtliche Voraussetzungen es noch braucht.

Wenke Brüdgam: Wir haben auch die Kinderarmutskampagne für uns noch mal ganz neu nach vorn geholt. Wir wollen unbedingt weiter intensiv Unterschriften sammeln, die Kampagne zusammen mit unseren Kreisverbänden noch mal mit Leben erfüllen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen