Ungleiches Deutschland : Regionen im Teufelskreis

Kita-Quote: Die Unterschiede zwischen Ost und West in der Kinderbetreuung sind weiterhin gravierend, wobei der Osten eine Vorbildfunktion einnimmt. Betreuungsquoten von 50,3 Prozent im Jahr 2013 im Gegensatz zu 24,5 Prozent in Westdeutschland basieren auf der hervorragenden Ausstattung mit Kitas, der flächendeckenden Tagesbetreuung ab dem zweiten  Lebensjahr, heißt es in der Studie. (Anteil der Kinder unter 3 Jahren in Kindertagesein-richtungen in %)
1 von 7
Kita-Quote: Die Unterschiede zwischen Ost und West in der Kinderbetreuung sind weiterhin gravierend, wobei der Osten eine Vorbildfunktion einnimmt. Betreuungsquoten von 50,3 Prozent im Jahr 2013 im Gegensatz zu 24,5 Prozent in Westdeutschland basieren auf der hervorragenden Ausstattung mit Kitas, der flächendeckenden Tagesbetreuung ab dem zweiten Lebensjahr, heißt es in der Studie. (Anteil der Kinder unter 3 Jahren in Kindertageseinrichtungen in %)

Laut Grundgesetz sollen die Lebensverhältnisse in ganz Deutschland gleichwertig sein. Doch die Realität sieht anders aus.

von
22. März 2016, 06:30 Uhr

Eine neue Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, wie ungleich Einkommen, Bildung und Infrastruktur in Deutschland verteilt sind. Die Forscher haben 20 verschiedene Kennzahlen für Bereiche wie Einkommen, Bildung, Abwanderung, Kinderarmut, kommunale Schulden, Bruttoinlandsprodukt oder Altersstruktur zusammengestellt – für mehr als 400 Landkreise und kreisfreie Städte. Das Ergebnis sind 20 Deutschlandkarten, die die Ungleichheit in der Bundesrepublik illustrieren. Diese Studie geht zudem der Frage nach, ob die Unterschiede gewachsen und durch den demografischen Wandel und  Bevölkerungswanderungen verstärkt wurden oder ob sie zurückgegangen sind. Das Fazit: Sie wachsen.

***

Deutschland driftet auseinander. Trotz guter Konjunktur der vergangenen Jahre profitieren längst nicht alle Regionen vom Wachstum. Das jüngste – von Politik und Wirtschaft gefeierte – Wachstum von 1,7 Prozent in Jahr 2015 kommt in vielen Gegenden Deutschlands nicht einmal mehr an. Das ist das Fazit der Studie „Ungleiches Deutschland“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, die die soziale und ökonomische Lage der Bundesrepublik darstellt.

Die beiden Haupterkenntnisse: Hatte die Ungleichheit in Deutschland bislang in der Regel wirtschaftliche und soziale Ursachen – nach dem Motto, wo Industrie ist, wird gut verdient –, so kommt jetzt auch eine räumliche Dimension hinzu. Die regionale Ungleichheit verfestigt sich oder nimmt sogar noch zu. Einzelne Regionen befinden sich in einem Teufelskreis aus Verschuldung, Arbeitslosigkeit und Abwanderung – und kommen da offenbar nicht mehr heraus.

Unterschiede zwischen Ost und West verfestigen sich

Die zweite Erkenntnis: Trotz Milliarden-Investitionen in den Osten scheinen sich die Unterscheide zwischen Ost und West in den vergangenen 25 Jahren eher verfestigt zu haben, als dass es eine deutliche Angleichung gegeben hätte. Und das bei Gesamtkosten der deutschen Einheit einschließlich der Sozialtransfers zwischen 1,3 und 2 Billionen Euro. Die reinen Aufbauhilfen zur Verbesserung der Infrastruktur und zur Förderung von Unternehmen im Bereich der neuen Länder, der Aufbau Ost, summieren sich auf etwa 300 Milliarden Euro. Aber es gibt auch die Kehrseite: Sieht man z.B. die Kinderbetreuung in Kindergärten und Krippen, dann zeigt die Bertelsmann-Studie quasi eine DDR-Karte, auf deren Territorium sich die Betreuungsquoten von denen in der alten Bundesrepublik deutlich positiv abheben.

Aber auch in den alten Bundesländern gibt es wachsende Unterschiede. Im Ruhrgebiet rund um Essen sind die Hartz IV- und Arbeitslosenquoten inzwischen ähnlich hoch wie an der polnischen Grenze in Vorpommern und Brandenburg, wo es an Industrie deutlich mangelt. Die Folge: „Die von der wirtschaftlichen Entwicklung abgehängten Regionen haben immer mehr Schwierigkeiten bei der Bereitstellung der öffentlichen Daseinsvorsorge. Dort sind Kommunen zunehmend in Verschuldung, Wachstumsschwäche, Arbeitslosigkeit und Abwanderung gefangen, die Einwohner dort müssen mit einer schlechteren Ausstattung bei der öffentlichen Infrastruktur auskommen. Somit besitzen sie geringere Chancen zur erfolgreichen Teilnahme am Arbeitsleben, in den sozialen und kulturellen Alltagsbeziehungen“, heißt es im Vorwort zur Studie vom Bundesfinanzminister a. D. Hans Eichel.

Neben West-Ost-Gefälle auch Süd-Nord-Gefälle

Das Resultat dieser negativen Entwicklung hat der Osten in den letzten 25 Jahren erlebt: Die Menschen wandern ab. Die Ungleichgewichte in der wirtschaftlichen Entwicklung sind Anlass für arbeitsmarktbedingte Wanderungen. Gerade besser ausgebildete, jüngere Menschen wandern in wirtschaftlich prosperierende Regionen, um dort ein höheres Einkommen zu erzielen. Zudem finden sie dort oftmals auch attraktive Infrastrukturen in den Kommunen vor. In Mecklenburg-Vorpommern sank die Bevölkerung um nahezu ein Fünftel von 1,95 Millionen Einwohnern auf 1,6 Millionen.

Da auch Kreise in West- und Norddeutschland mit einer hohen Arbeitslosenzahl und Kinderarmut sowie mit steigenden kommunalen Schulden zu kämpfen haben, ist neben dem West-Ost-Gefälle auch das Süd-Nord-Gefälle in Deutschland deutlich nachweisbar, wenn auch nicht so stark wie die Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. Bereits im Jahr 2012 beschäftigte sich die Friedrich-Ebert-Stiftung mit der räumlichen Verteilung von Wirtschaftskraft, Beschäftigung und Einkommen in Deutschland. Auch die damals vorgestellten Ergebnisse des Raumordnungsberichts 2011 zeigten deutliche regionale Unterschiede. Damals lautete das Fazit: Deutschland wird in Bezug auf die räumliche Verteilung von Wirtschaftskraft, Beschäftigungsimpulsen und der sozialen Lage immer ungleicher. Das setzt sich fort.

Schere zwischen Arm und Reich immer größer

Hinzu kommt, dass sich auch die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. Experten der Deutschen Bundesbank stellten gestern eine Studie „Private Haushalte und ihre Finanzen“ vor, die für Deutschland zeigt: Vor allem wer Häuser, Wohnungen und Aktien besitzt, konnte sein Vermögen in den vergangenen Jahren mehren. Dass Durchschnitts-Deutsche um Aktien einen großen Bogen machen, lässt die richtig Wohlhabenden weiter davonziehen.

Rechnet man die Summe aller Vermögenswerte hoch und teilt sie durch 40 Millionen Haushalte, ergibt sich ein durchschnittliches Bruttovermögen der privaten Haushalte in Deutschland von 240 200 Euro.

Aber: Den reichsten zehn Prozent der Deutschen gehören 59,8 Prozent des Nettovermögens, während fast drei Viertel der privaten Haushalte 2014 nur über ein unterdurchschnittliches Nettovermögen verfügten. Die untere Hälfte der Haushalte muss sich mit mageren 2,5 Prozent des gesamten Nettovermögens begnügen. Die Nettovermögen in Deutschland sind deutlich ungleicher verteilt als in vielen anderen europäischen Ländern. Im innerdeutschen Vermögensvergleich hinkt der Osten noch immer hinter dem Westen her. Die Nettovermögen lagen in den fünf Ostländern plus Berlin 2014 bei 96 100 Euro, im Westen 246 000 Euro.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen