Wirtschaft in MV : Regionalware im Verkaufsregal

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Herkunft ist für 70 Prozent der Kunden ein wichtiges Kaufkriterium. Defizite in der Produktkennzeichnung

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09. April 2017, 09:00 Uhr

Das liegt im Trend: Regionalität im Supermarkt-Regal, Produkte vom Hersteller nebenan, typische Speisen mit Zutaten vom Bauern um die Ecke, Tourismusangebote aus der Region – keine Allerweltsprodukte mehr, die Verbraucher besinnen sich auf Waren aus der Nachbarschaft.

Für Marktforscher steht fest: Die Zukunft der Marken liegt in der Region, meint Sören Schiller vom Erfurter Institut für angewandte Marketings- und Kommunikationsforschung (IMK) vor Kurzem bei der Vorstellung einer Markenstudie. Für drei Viertel der Verbraucher ist die regionale Herkunft mittlerweile das wichtigste Kaufkriterium, ermittelte der gerade vorgestellte Ernährungsreport 2017. Inzwischen findet man in den Verkaufsregalen zahlreiche Marken und Produkte, die aus der Region sind oder dies zumindest suggieren wollen. Die Händler haben Regionalität als Profilierungsthema für sich entdeckt.

Das kommt an: Knapp 70 Prozent der Kunden achten stärker darauf, Produkte aus der Region zu kaufen, ergab ein Umfrage des Handelsinstituts EHI Retail in Köln. Offenbar aus Überzeugung: So meinen ebenfalls fast 70 Prozent, dass Handelsmarken aus der Region die Möglichkeit bieten, etwa für die lokale Wirtschaft zu tun.

Foto: dpa/svz/Hersteller/dens

Und doch nutzen Firmen in MV den Regionaltrend noch zu wenig. Beispiel: Lebensmittel. Die Branche macht es Kunden schwer, Regionalware zu kaufen. Egal ob im eigenen Land oder außerhalb der Landesgrenzen – ob Nahrungsmittel aus MV stammen, könnten Konsumenten kaum erkennen, hat eine Analyse des Markenberaters Brandmeyer aus Hamburg im Auftrag des Agrarmarketing-Vereins MV Defizite ausgemacht. Deutschlandweit erreichte der Befragungswert den niedrigsten Wert überhaupt, schreiben die Analysten. Als Lebensmittel aus MV nahmen Verbraucher bundesweit nur Fisch, landesweit Fisch, Bier und Sanddorn wahr. Als besonders gut nannten Konsumenten Fisch und Kartoffeln, als besonders gesund zusätzlich Obst und Gemüse sowie Milch und Milchprodukte, ergab die Online-Umfrage.

Dabei ist das Potenzial selbst im eigenen Land groß: Zwei von fünf Befragten gaben an, mit dem „Kauf von Lebensmitteln aus Mecklenburg-Vorpommern unterstützt man das eigene Bundesland, also Menschen, Betriebe und Arbeitsplätze in der Region“. Das Argument spiele für MV die „größte Rolle“, erklären die Studienautoren und empfehlen das Landessignet für die Herkunfts-Markierung zu nutzen. Davon wollen aber offenbar vor allem Gastronomen im Nordosten noch zu wenig wissen: Nicht Nullachtfünfzehn-Speisen oder kaum auszusprechende Gourmet-Kreationen – Mecklenburg-Vorpommerns Gäste wünschen sich vor allem mehr regionaltypische Küche. Da seien andere Gästeregionen weiter als das Urlaubsland MV, erklärte Sylvia Bretschneider, bis vor Kurzem Präsidentin des Landestourismusverbandes. Fisch aus der Ostsee, Steaks von Rindern auf grünen Weiden in Vorpommern, Gemüse aus dem größten Anbaugebiet in Westmecklenburg: Zutaten aus MV stehen bei Urlaubern hoch im Kurs, ergab eine Gästeumfrage.

Regionalware allein reicht den Unternehmen in MV aber nicht: Nur vom heimischen Markt können vor allem die Firmen der Ernährungswirtschaft nicht leben, meint Jarste Weuffen, Chefin des Agrarmarketingvereins MV. Die Branche produziere mehr als der Heimatmarkt abnehmen könne. Die Unternehmen müssten daher vor allem auch in Hamburg, Berlin oder Brandenburg nach Absatzmärkten suchen. Und auf dem Markt der Handelsmarken für die verschiedensten Anbieter, erklärt Weuffen. Von Billig-Produkten bis zur Permium-Ware: „Der Bereich hat einen großen Aufschwung genommen.“ Ob Regionalware mit Herkunftszeichen oder Handelsmarke: Am Ende entscheide der Kunde am Verkaufsregal, meint Weuffen: Dann zeige sich, ob Verbraucher auch tatsächlich dem von ihnen favorisierten Regionaltrend folgen und Heimatware in den Einkaufskorb legen. 

Der Wunsch-Schokoladen-Laden

Schokolade macht glücklich, heißt es. Also ist bei Anja und Stephan Hüppe jeder seines eigenen Glückes Schmied. Denn in ihrem Laden in Boltenhagen in Nordwestmecklenburg können sich die Besucher ihre Süßigkeiten aus zahlreichen Zutaten selbst kombinieren: Die beiden führen seit sechs Jahren den Wunsch-Schokoladen-Laden. Nirgendwo sonst in Europa können die Kunden selbst entscheiden, wonach ihre Tafeln schmecken sollen, und sie direkt aus dem Laden mitnehmen.

35 mögliche Zutaten stehen auf dem Tresen zur Auswahl. „Wir haben noch viel mehr, aber das würde die Leute überfordern“, hat Stephan Hüppe gemerkt. „Die anderen gibt es auf Nachfrage, wir haben alles hier.“ Denn es geht nicht nur darum, was außer der Schoko-Masse verarbeitet wird. Kaum hat sich der Kunde zwischen Espressobohnen, Gummibärchen und Chiliflocken entschieden, soll er Blüten, Marzipanherzen oder Zuckerperlen für die Deko aussuchen. Und dann noch eine hübsche Verpackung finden, vielleicht sogar mit Grußkarte. Ein persönlicheres Geschenk ist kaum möglich. Mit dem skurrilsten Wunsch kam jemand, der Speck in seiner Schokolade haben wollte. „Den haben wir in den Supermarkt geschickt, dann die Schinkenwürfel gebraten und in die Schokomasse gegeben“, erzählt Anja Hüppe. „Wir haben es probiert – es hat tatsächlich geschmeckt.“

Sie mischt die Leckereien vor den Augen der Kunden zusammen – und die müssen danach erst mal mindestens eine halbe Stunde warten, während die Schokolade aushärtet. „Zu uns müssen sie zweimal kommen. Aber das ist für die Urlauber kein Problem, die haben ja Zeit“, lacht Hüppe. Doch auch Kunden mit weniger Freizeit finden in dem Laden schräg hinter der Boltenhäger Kurverwaltung etwas: fertige Tafeln, Schoko-Chips und sogar das herbe Schoko-Bier, das extra in Bayern gebraut wird. In den Regalen stehen auch tütenweise Besonderheiten wie geröstete und gesalzene Sonnenblumenkerne, Crêpes-Stückchen und Marshmallows am Stiel – alles in Schoko-Hülle, oder „Schoko-Kleister mit Knallbrause“ als Brotaufstrich – „so was gibt es nur bei uns, weil wir es selbst entwickelt haben“, sagt der Chef. „Viele können sich bestimmte Kombinationen gar nicht vorstellen. Salzlakritzflocken in Schokolade zum Beispiel. Oder Zitronenpfeffer zu Cranberries. Aber die Leute werden bei uns experimentierfreudig.“ Manches darf auch probiert werden, ehe das Portmonnaie gezückt wird. Wer sich nicht auf den Weg an die Ostsee machen will, kann die Leckereien auch im Internet bestellen. Da steigen allerdings die Auswahl-Anforderungen: Etwa 120 Zutaten wollen begutachtet und kombiniert werden.

Das Ehepaar Hüppe kam aus Niedersachsen, hatte dort lange in der Gastronomie  gearbeitet. Das Schoko-Konzept von Boltenhagen ging sofort auf. „Viele Kunden werden innerhalb kürzester Zeit zu Wiederholungstätern“, stellt der Chef fröhlich fest. „Erwachsene genauso wie Kinder.“ Inzwischen ist das einmalige Konzept so erfolgreich geworden, dass die Hüppes expandieren. Seit April gibt es eine zweite Manufaktur für Wunsch-Schokolade in Kühlungsborn. Außerdem suchen Hüppes mutige Gründer, die als Franchise-Nehmer die Idee an anderen Orten mit Leben erfüllen wollen.

>>Den Laden finden Sie auch hier im Internet
 

Neue Serie: Lieblingsprodukte gesucht

Fisch von Rügen, Würstchen von „Die Rostocker“, Fischspezialitäten aus Schwaan, Gemüse aus der Wittenburger Region, Sanddorn-Produkte aus Ludwigslust, Pommernwurst aus Pasewalk, Käse aus Dargun, Milch aus Upahl, aber auch Strandkörbe von der Insel Usedom oder Büromöbel aus Schönberg: Unternehmen aus MV haben sich mit einer Reihe von Produkten einen Namen gemacht. Vor allem im eigenen Land werden Regionalprodukte, hergestellt in der Nachbarschaft, nachgefragt.

In einer Serie wollen wir in den kommenden Wochen die Hersteller und ihre  Regionalprodukte vorstellen – mit Ihrer Hilfe, liebe Leser. Wenn Sie schon immer einmal über Zutaten, Bestandteile und die Macher ihrer Lieblingsprodukte aus der Region etwas wissen und lesen wollten, dann schreiben Sie uns – wir recherchieren für Sie. Ihre Post geht bitte an  Redaktion@medienhausnord.de

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