Spezial-Op in Schwerin : Rayhanulla kann endlich lachen

Rayhanulla mit einer Friedensdorf-Betreuerin
1 von 3
Rayhanulla mit einer Friedensdorf-Betreuerin

Schweriner Spezialisten gelang es im OP, den Mund des kleinen Jungen aus Afghanistan wieder zu öffnen

von
11. Juni 2016, 07:30 Uhr

Für Rayhanulla ist im Moment fast alles fremd: die Gerüche, die Menschen um ihn herum und ihre Sprache, vor allem aber das Gefühl, seinen Mund öffnen und schließen zu können. Das tut zwar noch ein bisschen weh und sein „neues“ Kinn ist auch noch geschwollen. Doch schon bald wird der Anderthalbjährige zum ersten Mal feste Nahrung zu sich nehmen können – sie wird anders schmecken als in seiner Heimat Afghanistan. Aber das ist nebensächlich, denn Rayhanulla kann endlich lachen.

Zu verdanken hat er das Prof. Dr. Dr. Reinhard Bschorer, dem Chefarzt der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie an den Schweriner Helios Kliniken, und seinem Team. Schon zweimal hat Bschorer den kleinen Jungen mit dem von Narben entstellten Gesicht operiert. Ein dritter Eingriff steht noch an, dann wird endlich der Schlauch aus Rayhanullas Bauch entfernt werden können, über den er in den zurückliegenden Monaten hauptsächlich ernährt worden ist.

Niemand kann genau erklären, was dem Jungen zugestoßen ist, bevor die Hilfsorganisation Friedensdorf International ihn zur medizinischen Versorgung nach Deutschland geholt hat. Als er knapp zwei Monate alt war, ist er vermutlich mit einer ätzenden Flüssigkeit überschüttet worden, so Prof. Bschorer. Ob es ein schreckliches Unglück war oder mit Vorsatz geschah, wissen Rayhanullas deutsche Helfer nicht. So viel aber ist klar: Ein Teil der Lauge muss in den Mund des Babys gelaufen sein, Zunge und Kieferknochen waren seitdem miteinander verwachsen. Der Mund des Kindes war vernarbt und dauerhaft bis auf eine winzige Öffnung geschlossen.

Afghanische Ärzte hatten das Baby erstversorgt, eine Sonde für die Ernährung gelegt. Auch ein Luftröhrenschnitt und eine Hauttransplantation wurden bereits in Rayhanullas Heimat durchgeführt – doch sie linderten nur Symptome, tatsächlich helfen konnte ihm zu Hause niemand.

Dann nahm sich Friedensdorf International des Jungen an. In Nordrhein-Westfalen, wo die Organisation ihren Sitz hat, wurden zuerst Erkundigungen eingezogen, wo und wie dem Kind geholfen werden könnte. Der entscheidende Hinweis kam schließlich aus der Universitätsklinik in Düsseldorf. Dort erinnerte sich eine Ärztin an ihren früheren Chef in Schwerin, Prof. Bschorer. Der gilt als erfahren, hat auch ausgefallene Probleme schon gelöst. In Schwerin nähte er sogar schon einmal einem Patienten seine Nase wieder an, die der sich mit der Motorsäge abgetrennt hatte.

Er habe bei Rayhanulla aber nicht sofort zugesagt, erzählt der Schweriner Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg, sondern wollte sich erst selbst ein Bild von dem kleinen Patienten machen. „Als der Kleine dann vor mir saß, war das schon heftig. Es war nicht nur eine oberflächliche Narbe, sondern sie ging durch bis auf den Unterkieferknochen“, erinnert sich Bschorer. Immerhin hatte er Jahre zuvor schon einmal erfolgreich einen vergleichbaren Fall operiert, eine deutsche Krankenschwester, der bei einem Einsatz in Afrika bei einer Auseinandersetzung Säure ins Gesicht gegossen worden war. So entschloss sich der Chefarzt, auch Rayhanulla zu operieren. Die Helios Kliniken sagten die Kostenübernahme zu.

Sieben Stunden dauerte der erste und größte Eingriff am 31. Mai. Dabei wurde ein Transplantat aus dem Arm des Kindes auf seinem Kinn eingepflanzt. Aus dem Narbengewebe formte Prof. Bschorer eine neue Unterlippe für Rayhanulla. „Sie hat nicht nur ästhetischen Wert, sondern sie ist auch wichtig, damit er den Mund wieder schließen kann. Denn bei ständig offenstehendem Mund droht eine Lungenentzündung“ , erläutert der Mediziner. Auch um endlich sprechen zu lernen, braucht der kleine Junge die Lippen – ebenso wie seine Zunge. Letztere löste Bschorer während der ersten Operation bereits vom Kiefer. Damit sie nicht wieder festwächst, muss allerdings noch eine dünne Hautbarriere, die aus Rayhanullas Oberschenkel entnommen wird, in den Mund eingepflanzt werden. Das soll nun in der kommenden Woche passieren – nachdem ein ursprünglich schon Anfang dieser Woche geplanter OP-Termin verschoben werden musste, weil Rayhanulla am ganzen Körper Pusteln bekommen hatte.

Der kleine Junge mit den großen dunkeln Augen erträgt das alles unglaublich tapfer. Obwohl sein Luftröhrenschnitt wieder geöffnet werden musste, obwohl er noch immer an Sonden, Schläuchen und Elektroden hängt, freut er sich über jeden, der sein Krankenhauszimmer betritt – „so lange der nicht weiß gekleidet ist“, erzählt Bschorer augenzwinkernd.

Friedensdorf International hat organisiert, dass sich auch in Schwerin ehrenamtliche Helfer um den Jungen kümmern. Denn Rayhanullas Eltern mussten in Afghanistan bleiben. Wenn alles gut geht, sehen sie ihn in zehn bis zwölf Wochen wieder: „Nach der letzten Operation bleibt der Kleine noch zwei Wochen bei uns“, schätzt Prof. Bschorer ein. Schon hier wird eine Logopädin ein Schlucktraining mit ihm beginnen, bei der anschließenden Rehabilitation im Friedensdorf in Nordrhein-Westfalen wird sie fortgesetzt. „Und dann“, so Prof. Bschorer, „sieht unser kleiner Patient Mama und Papa endlich wieder.“ Und die werden nicht schlecht staunen…

Friedensdorf International

Friedensdorf International ist eine gemeinnützige Hilfsorganisation, die Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten zur medizinischen Versorgung nach Deutschland holt, in Kliniken in Europa behandeln lässt und nach ihrer Rehabilitation zu ihren Familien in die Heimat zurückbringt. In Sprechstunden in den jeweiligen Ländern werden die Kinder ausgewählt, die mitfliegen können. Leider stehen meist weniger Behandlungsplätze zur Verfügung als es Kinder gibt, die Hilfe brauchen. Dennoch können rund 1000 verletzte oder kranke Mädchen und Jungen Jahr für Jahr durch die Hilfe von Friedensdorf International und Kliniken, die dies kostenlos ermöglichen, medizinisch behandelt werden.

Darüber hinaus betreibt die Organisation Hilfsprojekte in Kriegs- und Krisengebieten, die die medizinische Versorgung vor Ort verbessern. Friedensdorf International finanziert seine Arbeit fast ausschließlich aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Die Organisation trägt das DZI-Spendensiegel.

Spendenkonten:
Stadtsparkasse Oberhausen
IBAN: DE59 3655 0000 0000 1024 00

Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe

IBAN: DE84 3525 1000 0000 1111 53
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen