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Marineangehöriger wegen Misshandlung angeklagt : Raue Sitten auf Marine-Schnellboot

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Das Verhältnis unter Soldaten ist oft extrem schwierig - gerade bei der Marine, wo die Menschen auf engstem Raum zusammenleben müssen. Übergriffe werden meist intern geklärt, doch nun kommt es gleich zu zwei Prozessen.

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erstellt am 15.Aug.2013 | 07:04 Uhr

Rostock | "Das Verhältnis an Bord, aufeinander angewiesen zu sein, ist eine wertvolle individuelle Erfahrung", heißt es auf einer Internetseite, mit der die Bundeswehr für die Marine wirbt. "Echte Kameradschaft auf See" verspricht sie. Das aber scheint Auslegungssache zu sein, wie die gestrige Verhandlung vor dem Rostocker Amtsgericht zeigte. K., 30-jähriger Obermaat am Marine-Standort Hohe Düne, jedenfalls scheint darunter etwas anderes zu verstehen als einige ehemalige Kameraden. Sie alle dienten 2011bis März 2012 auf dem Schnellboot "Zobel", das unter anderem im Auftrag der Vereinten Nationen vor der libanesischen Küste patrouillierte, um Waffenschmuggel zu unterbinden. Nun werden dem Obermaat "Misshandlung" und "Entwürdigende Behandlung" von Kameraden mit niedrigerem Dienstgrad vorgeworfen, insgesamt drei Fälle. Für die Verstöße gegen das Wehrstrafgesetz und das Strafgesetzbuch drohen bei Schuldspruch mehrjährige Freiheitsstrafen. Kopfstöße soll er verteilt, einen Obergefreiten gewürgt und mit einem Messer in der Hand gedroht haben, ihn abzustechen. Sagten offenbar mehrere Besatzungsmitglieder der Polizei, nachdem die Marine Anzeige erstattet hatte. "Ich kann mich so nicht erinnern", sagt der Angeklagte. "Aus Versehen" sei er vielleicht mal mit einem der Zeugen zusammengestoßen. Es sei halt eng an Bord.

Dreimal hintereinander habe er ihm den Kopf in die Seite gerammt, sagt dagegen der 22-jährige Zeuge. "Mit Absicht". Einmal habe der Obermaat ihn in den Schwitzkasten genommen und ihm eine Signalpistole an den Kopf gehalten. Aber dann doch von ihm abgelassen. Ja, Beleidigungen habe es auch gegeben, ergänzt er, als der Richter danach fragt. "Du hässlicher Dreckslappen" und "Dummkopf" fällt ihm noch ein. Aber er habe versucht, sich das nicht so zu Herzen zu nehmen. Der heutige Student war als Gefreiter an Bord gekommen. Und als Jüngster der Besatzung. Da habe er es eben nicht leicht gehabt. Der Ton auf so engem Raum sei nun mal rau. Dennoch dankte der Zeuge nach zwölf Monaten ab, obwohl er ursprünglich länger dienen wollte.

Die anderen beiden Fälle betreffen einen zweiten Obergefreiten, der aber gestern im Einsatz war und später gehört werden soll. Mit ihm habe er auch in der Freizeit was unternommen, sagt der Angeklagte. Die Vorwürfe könne er überhaupt nicht nachvollziehen. Mit einem Brotmesser bedroht? Er habe sich in der Kombüse lediglich Brötchen aufgeschnitten. "Abstechen?" Nein, "schlecht abschälen" habe er gesagt und das Ei gemeint, das nicht gut abgeschreckt war. Und würgen, bis der Kamerad keine Luft mehr bekam? Niemals. Er habe ihm zwar mal die Hände um den Hals gelegt. Aber nur aus Spaß. Gerangel und Gerempel sei nun mal gang und gäbe an Bord. Jeder schubst jeden. "Das kam täglich vor", sagt er. Klar, denken unbedarfte Zuhörer, das Leben auf einem Schnellboot ist nun mal kein Ponyhof. Doch die Staatsanwältin, die das anscheinend nicht so normal findet, hakt nach: "Dann lügen alle Zeugen?", fragt sie mit Verweis auf die Polizeiprotokolle. "Eine Verschwörung?" "Die machen aus einer Mücke einen Elefanten", antwortet der Obermaat, der mit dem Prozess um seine Zukunft bei der Marine fürchten muss. Die wiederum ist kein rechtsfreier Raum. Ende September wird am Rostocker Amtsgericht ein weiterer Fall von Gewalt in der Marine verhandelt. Dann müssen sich sechs Soldaten wegen Meuterei auf dem Schnellboot "Hermelin" verantworten. Im Fall "Zobel" wird das Urteil voraussichtlich Mitte Oktober gesprochen.

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