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Weiße Weihnacht? : Rasenmähen am Heiligen Abend

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Traum von der zauberhaften weißen Winterlandschaft hält sich hartnäckig – Meteorologen sehen allerdings Weihnachten eher grün

svz.de von
erstellt am 17.Dez.2015 | 12:00 Uhr

Zwölf Grad Außentemperatur, Vöglein zwitschern, die Sonne wärmt angenehm auf der Haut – kurzum: perfektes Frühlingswetter. Da möchte man doch fast ein Eis essen gehen. Nur dass wir Dezember haben. Kurz vor Weihnachten. Glühweinzeit. Eigentlich. Doch beim Blick aufs Thermometer vergeht einem die Lust auf das Heißgetränk. Es ist viel zu warm. Die nächsten Tage soll das Wetter so bleiben. Alle Jahre wieder stellt sich die Frage: Werden wir weiße Weihnachten haben?

Zumindest in den nächsten Tagen bleibt das Wetter weit vom Winter entfernt. Elf bis zwölf Grad haben wir dann im Land. „Das ist sehr mild“, meint Stefan Bach, Meteorologe vom Deutschen Wetterdienst. „Am vierten Adventswochenende können wir sogar 13 Grad haben, das wäre außergewöhnlich mild.“ Handschuhe braucht man bei diesem Wetter sicherlich nicht. Dafür aber einen Regenschirm. „In Mecklenburg wird es vermehrt Wolken geben. Es kann auch regnen. Aber viel kommt nicht herunter“, so Meteorologe Bach.

„Es ist viel zu warm für die Jahreszeit“, meint auch sein Rostocker Kollege Dr. Reiner Tiesel, der für unsere Zeitung regelmäßig das Wetter analysiert. Fünf Grad über dem monatlichen Mittelwert liegen die Temperaturen. „Nachts haben wir zurzeit zwischen drei und sieben Grad. Frost gibt es da kaum“, fasst Tiesel zusammen. Bis mindestens Ende der Woche soll das Wetter so bleiben. Dann könnte eine Kaltfront hereinbrechen. Also doch weiße Weihnachten?


Einiges spricht für weiße Weihnachten


Einiges spreche dafür, dass das Wetter winterliche Züge annehme, meint Tiesel. „Nach so einer langen Warmperiode muss es auch mal wieder abkühlen.“ Ob es dann jedoch schneit oder einfach nur bitterkalt wird, ließe sich noch nicht vorhersagen. Außerdem „Wenn doch Schnee kommen sollte, würde er sich nur sehr schwer auf dem Boden halten können.“ Der sei nämlich einfach noch zu warm. Genauso wie die Ostsee. Bei sieben bis acht Grad Wassertemperatur kommen Eisbader momentan nicht auf ihre Kosten.

Die Hoffnungen auf Schneeballschlachten und Flockengestöber schmelzen langsam dahin. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) warnt bereits Allergiker, dass durch die milden Temperaturen die Blüte und damit der Pollenflug frühzeitig, nämlich bereits Weihnachten, einsetzen könnte. Allerdings eher in Gebieten von Rhein und Mosel und nicht in MV. Im Internet flachsen schon die ersten: „Wie lange darf man Heiligabend eigentlich Rasen mähen?“ – „Lass wachsen“, sagt ein anderer. „Dann kannst du die Geschenke im Garten zwischen den Krokussen verstecken.“

Früher war das doch anders, oder? Jein. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Landschaft an allen drei Weihnachtstagen mit Schnee bedeckt ist, liegt in Mecklenburg-Vorpommern laut DWD generell nur bei 20 Prozent. Das letzte Mal hatten wir 2010 so ein Bilderbuchweih-nachten. 2011: Schneeregen, 2,8 Grad; 2012: Nebel und Regen, 10 Grad; 2013: sogar 13 Grad und 2014: Schneeregen bei 5,6 Grad, resümiert der Meteorologe Stefan Bach vom DWD. Rein rechnerisch müssten wir jedoch bald mal wieder dran sein. Übrigens noch mehr gebeutelt sind die Schneefans von Helgoland. Sie können sich nur alle 50 Jahre über drei weiße Weihnachtstage freuen.

„Typisch für den Nordosten wäre ein Weihnachtstauwetter“, sagt Bach. Dabei handelt es sich um eine Singularität – also ein Wetterphänomen, das eigentlich jedes Jahr zur gleichen Zeit wieder auftritt. In diesem Fall eben vor Weihnachten. Dann wäre es normal, dass kuschelige zehn bis 15 Grad auch den letzten Fitzel Schnee wegschmelzen lassen. Resultat: Gummistiefel statt Rodelwetter am Weihnachtswochenende. Das bedeutet aber auch, dass es vorher erst einmal geschneit haben muss.


Das Wetter spielt verrückt


„Das Wetter ist nicht normal. Die Singularitäten sind durcheinander“, meint Tiesel. Seit 40 Jahren beobachtet er den Himmel über MV. Er ist sicher: „Wir werden den Klimawandel in jeder Form zu spüren bekommen“. Seit 1988 hätte sich der Jahresmittelwert in MV um rund 0,5 Grad erhöht. Der Winter wird wärmer. „Früher hatten wir die Sorge, dass die Ostsee zufriert. Diese Vereisungsgefahr sehe ich nicht mehr“, meint Tiesel. Im Sommer müssten wir uns auf längere und trockenere Hitzeperioden einstellen.

Einen Vorgeschmack darauf gab es Anfang Juni dieses Jahres. Im bayerischen Kitzingen wurden laut DWD damals 40,3 Grad gemessen. Das ist die höchste jemals gemessene Temperatur in Deutschland seit Beginn der flächendeckenden Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881. Auf den Feldern kollabierten Erntehelfer, Waldgebiete und Wiesen brannten. Was direkt nach dem eitel Sonnenschein „Annelie“ folgte, war nicht besser: Starke Unwetter störten teilweise den Bahnverkehr im Norden, Bäume stürzten auf Autos, Starkregen fluteten Keller und Straßen.

„Wenn es so heiß wird, folgen subtropische Gewitter“, erklärt Tiesel. Auch Tornados blieben dann nicht aus, wie Anfang Mai in Bützow. Kleine Tornados hätte es zwar schon immer gegeben – auch in MV – doch die Häufigkeit und Intensität könnte zunehmen, befürchtet Tiesel. Der Meteorologe warnt ebenfalls vor Dürren oder Überschwemmungen wie im Jahr 2013.

Doch zurück in die Gegenwart: Die Chancen auf weiße Weihnachten – da sind sich die Experten einig – tendieren gegen Null. Doch festlegen möchte sich trotzdem niemand. Dafür sei es noch zu früh. Denn ganz auszuschließen sei ein Wintereinbruch noch nicht, sagt Tobias Reinartz vom DWD. „Es gibt beim Wetter immer wieder Überraschungen.“ Wer weiß – vielleicht geschieht ja doch noch ein kleines Weihnachtswunder.

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