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Prozess in Schwerin : Rätselhafter Fingernagel

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Im Prozess um einen getöteten Algerier spielt ein kleines Fundstück eine große Rolle

svz.de von
erstellt am 14.Okt.2014 | 07:44 Uhr

Ein Todesopfer aus Algerien, ein Angeklagter aus Aserbaidschan, Zeugen aus aller Herren Länder, Dolmetscher für vier Sprachen – in diesem Totschlagprozess am Schweriner Landgericht gehts wahrhaft international zu. Vor sieben Jahren verblutete der algerische Asylbewerber Ahmed B., gerade 32 Jahre alt, vor dem Hauseingang eines Plattenbaus im Schweriner Stadtteil Mueßer Holz. 25 Stichverletzungen stellten Gerichtsmediziner fest. Für die Tat gibt es keine Zeugen. Doch irgendwann flüstert ein Mann aus einer der ehemaligen Sowjetrepubliken einem Kumpel etwas Ungeheuerliches zu: Ein Mann aus Aserbaidschan habe Ahmed B. getötet. Das jedenfalls habe ihm der Aserbaidschaner höchst selbst anvertraut.

Was der „Flüsterer“ wohl nicht wusste – der vermeintliche Kumpel war V-Mann in der Drogenszene. So erfuhr bald die Polizei von der belastenden Aussage. Doch der nun stark verdächtige Aserbaidschaner hatte flugs das Weite gesucht – und auch gefunden, wie es schien. Trotz internationaler Fahndung. Bis ihn die russische Polizei 2013 im Ostteil des Riesenreiches entdeckte, in der Nähe des Baikalsees.

Im vorigen Herbst lieferte ihn Russland aus und seit März steht er in Schwerin vor Gericht. „Totschlag“ wirft ihm die Anklage vor. Er soll den Algerier in dessen Wohnung aufgesucht haben, um illegale Drogen zu kaufen, und dabei in Streit mit dem Mann geraten sein. Der 37-jährige Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen.

Bei aller Globalität – im Moment dreht sich in diesem verzwickten Verfahren alles um ein eher winziges Detail: um ein Stück von einem Fingernagel. Das habe die Spurensicherung auf einem Treppengeländer sichergestellt, bestätigte gestern ein Kripobeamter vor Gericht.

Der Zeuge war die ganze Nacht an jenem 9. April 2007 mit seinen Kollegen im und vor dem Wohnhaus im Einsatz. In der Wohnung des Opfers, im Treppenhaus, im Hauseingangsbereich – Blutspuren in allen Facetten. „So als habe sich jemand stark blutend durch das Haus bewegt“, sagt der Zeuge. Auf dem Handlauf zur Kellertreppe schließlich klebt auf blutig-zäher Masse jener abgerissene Fingernagel, zu dem es inzwischen drei Gutachten gibt. „Eine sehr wichtige Spur“, sagen unisono Staatsanwalt Andreas Förster und Verteidiger Matthias Macht.

Doch noch scheint die Spur mehr Geheim- als Erkenntnisse zu bergen. Die Spezialisten fanden reichlich DNA. Aber nicht die des Angeklagten. Wenige Haut-Anhaftungen könnten vielleicht dem Opfer zugeordnet werden, aber das ist bislang nicht sicher. Fest steht: Der größte Teil des Genmaterials am winzigen Fundstück stammt von Mister Unbekannt.

Das Gericht will demnächst erneut eine Gutachterin befragen. Aufschluss könnte vielleicht auch der ominöse Zeuge vom Hörensagen geben. Der ist 2012 ausgereist – um seiner Abschiebung zuvorzukommen, wie es heißt. Offensichtlich lebte er unter falschem Namen in Schwerin, als er vom „Geständnis“ des heutigen Angeklagten berichtete. Trotzdem gelang es Interpol, ihn nun in Moskau aufzuspüren. Das Schweriner Gericht hat ihn auf die Zeugenliste gesetzt. Ob er kommt, steht in den Sternen.

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