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Schlager-Streit : Radio dudelt an Schlagerfans vorbei

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zu viel englisch, zu wenig Schlager, kritisieren viele Hörer in MV – durch die Vergabe neuer Frequenzen könnte sich das nun ändern.

svz.de von
erstellt am 05.Feb.2016 | 12:00 Uhr

Helene Fischer, Andrea Berg, die Amigos – sie füllen riesige Konzerthallen, bringen das Publikum zum Kochen. Jeder kann ihre Texte lauthals mitsingen. Und dennoch: Der öffentlich-rechtliche Radiosender NDR1 Radio MV hat den deutschen Schlager weitestgehend aus seinem Hörfunk-Programm gestrichen. Sehr zum Ärger vieler Hörer. Denn richtigen Ersatz gibt es im Land nicht. Noch nicht. Das könnte sich nun mit der neuen Frequenzvergabe ändern.

Zu einseitig, zu englisch, zu weit weg findet Karl Bachmann aus Schwerin die Musik vom NDR 1. „Die Landesbürger brauchen einen identitätsstiftenden regionalen Landessender mit dem Schwerpunkt deutsches Musikprogramm“, schreibt er uns in einem Leserbrief. Die Bürgerinitiative „Für mehr deutsche Musik im Radio und für die Bewahrung der Muttersprache“, teilt seine Ansicht und kämpft seit Jahren für eine Paradigmenwechsel in der Radio-Branche.

Elke Haferburg, Direktorin des Landesfunkhauses MV, bleibt jedoch dabei: „NDR 1 Radio MV wird sein Musikangebot nicht neu ausrichten.“ Nur das jetzige Angebot stelle sicher, dass möglichst viele Menschen in MV angesprochen werden, teilte sie auf Nachfrage unserer Zeitung mit. „Das Interesse am deutschen Schlager ist eindeutig rückläufig.“

Für die Schlagerfans hat der Sender ein Trostpflaster. Der NDR plant derzeit ein Programm, in dem nur deutsche Musik gespielt werden soll. Jedoch wird es dieses nur im Digital- und Internetbereich geben. Es sei nur ein scheinbares Zugehen auf den Hörer findet Willi Behnick, Vorsitzender des Sprecherrates der Bürgerinitiative: „Die Umsetzung zeigt nicht, dass der NDR ernsthaft mit der nötigen Konsequenz unserem Wunsch nachkommen will.“ Als Beweis führt Behnick an, dass im Entwurf des NDR-Digitalradio-Änderungsvertrags ein Passus aufgenommen werden solle, der dem NDR ermöglicht, das Programm mit dem Schwerpunkt Schlager jederzeit gegen ein anderes Programm auszutauschen. Die Bürgerinitiative fordert daher Ministerpräsidenten Erwin Sellering (SPD) auf, den Änderungsvertrag zu stoppen. Ihrer Meinung nach gehört es zu den Aufgaben eines Landesprogramms, auch ein allseitiges Musikangebot über UKW zu leisten.

Die neue Frequenzvergabe lässt die Schlagerliebhaber nun aufhorchen. Insgesamt haben sich acht Sender um einen oder mehrere von insgesamt sechs freien UKW-Kanälen in MV beworben, teilt die hiesige Landes-Medienanstalt mit. Zur Wahl stellen durften sich nur private Anbieter. Drei der Kandidaten wollen mit einem reinen Schlager-Programm ins Radio.

Neben Antenne MV und der Ostseewelle hat sich auch eine Berliner Rundfunkstation beworben. „Radio B2“ heißt sie und ist seit 2011 auf Sendung. „Wir sind ein Schlagerradio. Wir spielen ausschließlich deutschsprachige Musik“, sagt Heiner Harke, Sprecher des Senders. Das Interesse am deutschen Schlager werde immer größer, sagt er. „Schlager ist seit Jahren im Kommen. Laut einer Marktstudie stößt das Schlagerformat in MV in eine große Marktlücke“, so Harke.

Bisher kann man Radio B2 bereits über Satellit, Kabelnetz und über das Internet hören. Nun wolle der Sender sein Verbreitungsangebot durch die UKW-Welle für MV ergänzen, meint Harke. „Seit der NDR den Schlager verbannt hat, ist in MV eine Lücke entstanden, die wir gerne schließen würden.“

Die Entscheidung, welcher der Bewerber welche Frequenz zugeteilt bekommt, entscheide sich frühstens Ende März, meint Uwe Hornauer, Direktor der Landes-Medienanstalt. Am 24. Februar müssten sich die Sender noch einmal dem Medienausschuss MV vorstellen. Das Laien-Gremium, das aus elf ehrenamtlichen Mitgliedern besteht, wird vom Landtag eingesetzt. „Entscheidend ist dann nicht nur die Musikvielfalt, sondern auch das Wortangebot, wie viel Werbung gespielt wird, wie häufig Jingles eingespielt werden usw. Das ist äußerst differenziert“, erklärt Hornauer.

Er selbst hofft, dass durch die Frequenzvergabe die Radiolandschaft in MV bunter wird. Das Angebot sei derzeit sehr dünn. „Ich bin enttäuscht, was die Sender anbieten“, sagt er. Während es in den Nachbarländern bis zu 20 Sender gebe, würde hier im Radio „oft nur dasselbe gespielt.“ Er empfiehlt den Sendern etwas anzubieten, was sich von der Masse abhebt. „Den Mehrheitsgeschmack wird man eh nie treffen“. So stellten beispielsweise auch reine Klassik-, Schlager- oder Elektroniksender einen Vielfaltsbeitrag dar, den das Land dringend bräuchte.

Dass Frequenzen neu vergeben werden, kommt relativ selten vor. Das ist nun der Fall, da Klassik-Radio seine Lizenz im November vergangenen Jahres abgab und zusätzlich 2014 im Rostocker Bereich ein neuer Sendemast aufgestellt wurde, so Hornauer. „Diese Frequenzen müssen nun gut genutzt werden.“

Auch unsere Leser haben eine eindeutige Meinung zur Programmgestaltung im Radio

„Harmonischer Lokalsender" von Heiner Andresen, Boizenburg

Die Kritik von Karl Bachmann  kann ich im Wesentlichen teilen. Ergänzend möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass das „Gejabble“ von Radio MV nicht zu ertragen ist. Ich wünschte mir einen gemütlichen und harmonischen Lokalsender mit etwas mehr Tiefgang und Gelassenheit in den Wortbeiträgen.

Obwohl dieser Sender keine gewerbliche Reklame machen muss, erscheint die Eigenwerbung, welche in ständigem Mantra wiederholt wird, wie eine Gehirnwäsche. Die Meldung von Blitzern wirkt geradezu anbiedernd gegenüber  Gesetzes- und Regelverstoßern und sollte grundsätzlich aus allen Radiosendern verbannt werden. Zum einen werden die Autorität und die Bemühungen der Verkehrsbehörde unterlaufen und zum anderen zeigt sich dadurch keine signifikante Senkung der Unfallzahlen. Für den nichtfahrenden Radiohörer sind solche Meldungen einfach nur lästig.

„Bei der Musik schalten wir ab" von Dr. Heinz Möbins, Brüel

Dieser Leserbrief ist mir aus der Seele geschrieben. Alle meine Bekannten sind der gleichen Meinung. Früher hatten wir nur „unseren Sender“ Radio MV an. Jetzt hören wir die Nachrichten und stellen das Radio ab. Das, was da als Musik bezeichnet wird, geht uns auf die Nerven.

„Das ist nicht unsere Musik" von Klaus und Karin Willnow, Schwerin

Wer  von den Jugendlichen hört oder kann überhaupt tagsüber Radio hören – und wenn, dann hören sie nicht NDR1MV. Am Adventssonntag und auch sonst jeden Tag früh zum Frühstück Hottentottenmusik, wie unsere Eltern früher sagten.

Wenn unser Informationsbedürfnis nicht wäre, würden wir sicher andere NDR-Sender hören. Unsere Musikjahrgänge waren die vierziger bis siebziger Jahre – aus diesem Repertoire könnte man wenigstens am Tag zwei bis drei Schlager spielen, auch wären ein, zwei leichte Klassikstücke nicht verwerflich, wenn man etwas für die Jugend machen wollte. Ein Mix ist etwas anderes.

„Programm über die Hörer hinweg" von Sigrid Sonnemann, Grabow

Das Musikprogramm  des ehemaligen Heimatsenders NDR1-Radio MV ist katastrophal. Gut, dass das Radio einen Knopf zum Abstellen hat. ...

Was maßt Frau Haferburg sich an, wenn sie über die Köpfe der Landesbürger hinweg bestimmt, dass vorwiegend englischsprachige Titel gespielt werden? Auch ich nehme ihr nicht ab, dass einer Medienanalyse zufolge dieses Musikangebot mehrheitlich gewünscht wird. Was spricht denn dagegen, wenn täglich oder wöchentlich auch Titel für die ältere Generation, zu der ich auch gehöre, gespielt werden? Wir leisten doch ebenfalls unsere „Zwangsabgabe“ an Rundfunk- und Fernsehgebühren. Außerdem können die Musikbeiträge doch zeitlich so angeordnet werden, dass Jüngere und Ältere davon profitieren. Senioren z. B.  sind überwiegend in den Vormittagsstunden Radiohörer, Junioren dagegen mehrheitlich nach Feierabend.

... Ich  will  darauf aufmerksam machen, dass auch in Grabow, der „bunten Stadt an der Elde“,  und amtsangehörigen Gemeinden das Musikangebot der älteren Bevölkerungsgruppe ganz und gar nicht dem Bedarf entspricht. Sigrid Sonnemann,Grabow

„Ein permanenter Grusel-Mix" von Karin Missal, Schwerin

Theoretisch ist in jedem Radiosender klar, dass ohne echte Interaktion die Hörerbindung irgendwann verspielt ist und unser NDR-Verbund bietet für viele Hörer etwas – bis hin zu N-Joy ist der Norden gut auf Sendung.

Praktisch aber bekommen treue Stammhörer von ihrem regionalen Heimatsender NDR1 – Radio MV seit Jahren Antworten für den Papierkorb – auf die Ohren gibt es weiterhin das englische Gedudel und deutschen Möchtegerngesang oder „Humor“ zum Wochenende von Herrn Angerstein, der auch sein Bundesland verfehlt. Die guten Moderatoren im Sender können einem ja leid tun, uns die bisherige Billigkonserve in Endlosschleife als unseren „Lieblings-Mix!“ verkaufen zu müssen – so veräppelt man uns in MV bitte nicht!

Vielleicht rafft sich ja mal jemand auf und lässt die englischen Songs wenigstens aus den beliebten plattdeutschen Sendungen raus – wie es sich für diesen Sendeplatz gehört. Es nützt wenig, die beiden Herren vom Wetter und Hausmeister Erwin zu mögen oder Sportsendungen und das Kulturjournal toll zu finden, wenn interessierte Jahrgänge sich längst an ihre Tageszeitungen wenden oder sich in Englischkurse einschreiben lassen. Spätestens dann läuft bei unserem Regionalsender gehörig etwas schief, sich zu weigern, die Landesmentalität auf die Tagesordnung zu setzen.

Nur deutsch und englisch ist längst nicht weltoffen – eher ein permanenter „Grusel-Mix!“ – einseitig eben.

 
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