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WWF kritisiert Dorschfang trotz Schonzeit : Quotenkampf am Fischernetz

vom
Aus der Onlineredaktion

Strenge Fangquoten begrenzen das Geschäft und lassen die Ostseefischerei schrumpfen

svz.de von
erstellt am 21.Feb.2017 | 11:45 Uhr

Der Streit währt seit Jahren: Jedes Jahr im Herbst ist Brüsseler Bescherung, harren die Ostseefischer gebannt der Festlegung der EU-Fischfangquoten für das folgende Jahr. Seit die Europäische Union (EU) eine nachhaltige Fischerei auf die politische Agenda gehoben hat, um einer Überfischung von Fischarten vorzubeugen, werden jährlich die Fangmengen streng limitiert – auf Basis wissenschaftlicher Bestandserhebungen. Diese gaben den Ausschlag, dass für die westliche Ostsee, dem hauptsächlichen Revier der Kutter- und Küstenfischer in MV, die Dorschfangquote 2017 drastisch abgesenkt wurde – um 56 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nur noch 361 Tonnen Dorsch dürfen angelandet werden. Beim Hering hingegen, dem Brotfisch Nummer eins der hiesigen Fischer, bescherte der EU-Fischereiministerrat für 2017 eine um acht Prozent höhere Fangquote, so dass vor der Küste von MV 15 670 Tonnen Hering abgefischt werden können.

Die Fischer im Nordosten haben gelernt, mit den Fangquoten zu leben. Und so spricht der Vorsitzende des Landesverbandes der Kutter- und Küstenfischer, Günter Grothe, in Sassnitz auf der Insel Rügen auch „von keinem dramatischen Ergebnis“ aus Brüssel. „Die meisten unserer derzeit 236 hauptberuflichen Fischer sind auf den Hering fokussiert.“ Für die abgesenkte Dorschquote gebe es von der EU Ausgleichszahlungen.

Eingeschränkte Dorschfischerei, Naturschützer geraten trotzdem in Rage: So würde derzeit trotz geltender Laichschonfrist weiter Dorsch aus der Ostsee geholt, kritisiert die Natur- und Umweltschutzorganisationen WWF gestern. Möglich mache dies die genehmigte Fischerei auf Plattfische in den Tiefen, in denen sich derzeit der Dorsch zum Ablaichen sammle, sagte WWF-Fischereiexpertin Stella Nemecky. Eigentlich sollten die Dorsche, die sich zum Laichen in Tiefen unter 20 Meter zurückziehen, nicht gestört werden. „Doch unter der Tarnkappe Schollenfischerei enden die laichbereiten Dorsche nun als Beifang im Schollennetz“, kritisierte Nemecky. Dem Thünen-Institut für Ostseefischerei Rostock zufolge handelt es sich nur um wenige Fischer, die diese Fangform praktizierten.

Drastische Fangvorgaben, Preisdruck auf den Märkten, fehlender Berufsnachwuchs: Hunderte Fischer an der ostdeutschen Ostseeküste haben inzwischen für immer ihre Fangnetze an Land geholt. Allein 2016 verabschiedeten sich 19 „Fänger“ aus dem Geschäft. Zur Jahrtausendwende wurden in MV noch 600 Berufsfischer gezählt. „Die begrenzten Fangmengen sind sicherlich mit ein Grund für den rückläufigen Trend“, schätzt Grothe ein. Doch viele der Kollegen hätten sich auch altersbedingt zurückgezogen oder das Angebot einer Abwrackprämie für ihre Boote angenommen. Zudem plagen den Berufsstand enorme Nachwuchssorgen. „In Familienbetrieben entscheidet sich noch dieser und jener Sprössling, die Tradition fortzuführen.“ Für Neueinsteiger indes sei es ungleich schwieriger, so Grothe: „Keine Bank vergibt mehr Kredit für einen Bootsneubau, dieser wird auch nicht gefördert.“

Aus der Branche selbst ist trotzdem weniger Alarmgeläut zu vernehmen. Die stark auf den Ostsee-Hering orientierten Kutter- und Küstenfischer nutzen die vorgegebene Quote aus und können den Hering vor der eigenen Haustür vermarkten. Seit die Euro-Baltic Fischverarbeitungs GmbH, ein Tochterunternehmen des niederländischen Branchenriesen Parlevliet & van der Plas, 2003 in ihrem neuen Werk im Hafen von Sassnitz-Mukran die Produktion startete, müssen die Fischer den Großteil ihrer Rohware nicht mehr kostenintensiv nach Dänemark oder in die Niederlande bringen. Bei Euro-Baltic werden nach Aussage von Geschäftsführer Uwe Richter „gut drei Viertel der deutschen Heringsfänge aus der Ostsee zu Filets und Marinaden-Produkten“ verarbeitet. Euro-Baltic kann damit aber nur ein Drittel der eigenen jährlichen Verarbeitungskapazität von 50 000 Tonnen abdecken. „Wir beziehen den Hering vorwiegend aus der Nordsee“, so Richter.

Die Fischverarbeitung besitzt in der Ernährungswirtschaft von MV einen eher untergeordneten Rang. Von mehr als 14 000 Mitarbeitern in der Branche sind nur 950 mit der Verarbeitung von Fisch beschäftigt. Insgesamt 13 Betriebe erwirtschaften jährlich einen Umsatz von rund 300 Millionen Euro, was mehr als sieben Prozent des Gesamtumsatzes der Ernährungswirtschaft entspricht. Neben Euro-Baltic gehören die Rügen Fisch AG in Sassnitz, die Schwaaner Fischwaren GmbH und die Mecklenburger Fisch-Feinkost GmbH in Wittenburg zu den führenden Verarbeitern im Land.

Während landesweit in zahlreichen handwerklichen Betrieben mit zumeist zwei bis vier Mitarbeitern vorrangig einheimischer Fisch auch aus den Binnengewässern verarbeitet wird, geht in den größeren Betrieben vor allem importierte Rohware aus der Nordsee, dem Nordatlantik und anderen internationalen Fanggründen durch die Anlagen.

Die Kutter- und Küstenfischer im Nordosten sehen sich indes neuen Herausforderungen gegenüber. „Die Ostsee gehört den Fischern nicht mehr allein“, meint Verbandschef Grothe. Unweit von Rügen sind erste Offshore-Windparks errichtet worden, weitere sind geplant. Der Bau einer zweiten Erdgaspipeline von Russland quer durch die Ostsee bis an die vorpommersche Küste ist angelaufen. Das schränkt den Aktionsradius der Fischer ein. Doch Grothe erkennt darin auch Chancen. „Da die weitflächigen Offshore-Windparks für die Schifffahrt gesperrt sind, ziehen sich die Fischschwärme verstärkt in diese künstlich beruhigten Zonen zurück. Das hilft den Beständen, bietet aber auch die Möglichkeit, dort erfolgreich zu fischen“ – wenn denn die Windpark-Seegebiete für kleinere Fischereifahrzeuge geöffnet würden. Darüber sollte mit allen Beteiligten zu reden sein, hofft Grothe und verweist auf das benachbarte Dänemark, wo es bereits pragmatische Lösungen geben soll. 

 

Fischwirtschaft an der Ostseeküste
  Die Fischwirtschaft gehört zu den traditionellen Wirtschaftszweigen in Mecklenburg-Vorpommern. Beschaffung und Verarbeitung der Rohware aus dem Meer war im Nordosten nach 1945 von einer wechselvollen Geschichte geprägt. Zur Eigenversorgung der Bevölkerung baute die DDR zunächst eine schlagkräftige Hochseefischerei auf. In der Spitze arbeiteten mehr als 8000 Menschen im Land- und Seebereich, waren bis zu 100 Fang- und Verarbeitungsschiffe weltweit auf Fischzug. Zudem gab es etliche Fischerei-Produktionsgenossenschaften an Ostsee und Binnenseen. Die Struktur wandelte sich nach 1990 drastisch. Die deutsche Hochseefischerei zählt heutzutage lediglich acht Fischereitrawler. An der Küste von MV gingen 2016 hauptberuflich 236 Fischer ihrem Handwerk nach. Ihre Anzahl sinkt seit Jahren. 2011 waren es noch ca. 300 Fischer. In der heimischen Fischverarbeitung tragen 13 größere Betriebe mit insgesamt 950 Beschäftigten mehr als sieben Prozent zum Gesamtumsatz der Ernährungsbranche in MV bei, der sich auf rund vier Milliarden Euro beläuft.





 

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