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Staatsanwältin fordert hohe Haftstrafen : Qualvolle 27 Stunden geschlagen und erniedrigt

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27 Stunden war er in der Hand seiner Peiniger. Er wurde geschlagen, erniedrigt, beraubt und sexuell misshandelt. Acht Monate nach dem brutalen Geschehen in Wismar sitzt der 24-Jährige als Nebenkläger mit im Gericht.

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erstellt am 03.Apr.2012 | 08:10 Uhr

Schwerin | Qualvolle 27 Stunden war er in der Hand seiner Peiniger. Er wurde geschlagen, erniedrigt, beraubt und sexuell misshandelt. Jetzt - acht Monate nach dem brutalen Geschehen in Wismar - sitzt der 24-Jährige als Nebenkläger im Landgericht Schwerin.

Ihm gegenüber haben die drei Angeklagten Platz genommen. Noch heute leidet der junge Mann an den Folgen der Misshandlung, hat Schlafstörungen und wird psychologisch betreut. Die 20-jährige Angeklagte kannte er recht gut, den 17-jährigen Jungen auch. Beide schlagen die Augen zu Boden, als Staatsanwältin Birka Krüger gestern ihr Plädoyer hält. Der 22-jährige Steve H. hingegen schaut selbstsicher in die Runde. Er war - davon ist die Anklagevertreterin überzeugt - der Initiator des Martyriums.

"Warum?" Die rhetorische Frage stellt die Staatsanwältin gestern öfter, während sie den Ablauf des Geschehens aus ihrer Sicht zusammenfasst. Eine zufriedenstellende Antwort bekam sie nicht in dem Prozess, der seit Januar andauert.

"Warum?", fragt sie zum Beispiel Steve H. Der hatte eigenen Aussagen nach den 24-Jährigen kaum gekannt. Aber gehört, dass er schlecht über ihn geredet habe, weil er gerade erst aus dem Knast entlassen worden war. Diese vermeintliche "Kränkung" hat laut Staatsanwältin gereicht, um den 24-Jährigen an dem Juliabend in eine Falle zu locken und die Nacht und den darauffolgenden Tag nicht mehr freizulassen.

Das brutale Geschehen spielt sich zunächst in der Wohnung des Opfers ab, dann auch in der des Mädchens. Immer wieder wird der junge Mann getreten und geschlagen, mehrfach gezwungen, eine widerliche Mischung aus Weinbrand, Zigarettenasche und Urin zu trinken. Und schließlich auch sexuell genötigt. Eine Bekannte, die irgendwann mal zwischendurch in der Wohnung des Mädchens auftaucht und dann wieder verschwindet, wurde als Zeugin vor Gericht gehört.

Der 24-Jährige habe "gar kein Gesicht" mehr gehabt, hatte sie dessen Zustand geschildert. Blaue Flecken, Schwellungen und eine Brandwunde von einer Zigarette, die ihm auf dem Rücken ausgedrückt wurde - die Verletzungen sind aktenkundig. Der Mann hatte das Trio angezeigt, kurz nachdem er freigelassen worden war.

Eine Zeitlang war während der 27-stündigen Qual auch noch ein Altersgefährte des 24-Jährigen festgehalten und misshandelt worden. Auch dafür müssen sich die drei verantworten, die weitgehend die Taten eingestanden haben.

Die beiden jüngeren Angeklagten sagen, dass sie heute nicht mehr verstehen, was damals in ihnen vorging, dass sie sich schämen und Strafe verdient hätten. Entschuldigt hat sich auch Steve H. bei dem Gepeinigten. Alle drei Angeklagten sind vorbestraft, Steve H. allein neunmal. Alle drei sind unter widrigen Umständen aufgewachsen. Zum Teil in zerrütteten Familien, in denen Gewalt und Alkoholkonsum an der Tagesordnung waren.

Von "Gruppendynamik" spricht die Anklagevertreterin. Sie sieht eine Vielzahl von Straftaten verwirklicht: gefährliche Körperverletzung, Erpressung, schwerer Raub, Freiheitsberaubung, sexuelle Nötigung im besonders schweren Fall.

Das Mädchen sei Mitläuferin gewesen, die zwar nicht selbst schlug. Aber damals habe die junge Frau "es genossen, einmal im Leben Macht über Andere zu haben", so schätzte es die Staatsanwältin ein. Auch bei dem 17-Jährigen sei "Freude an der Erniedrigungs-Orgie" im Spiel gewesen. Alle drei hätten "empathieloses Machtgebaren" gezeigt. Sie fordert hohe Strafen: sieben Jahre für Steve H., vier Jahre für den 17-Jährigen, drei Jahre für das Mädchen. Alle drei sitzen seit Juli in Untersuchungshaft.

Die Verteidiger plädieren auf mildere Strafen. Steve H. soll demnach eine Strafe von dreieinhalb Jahren erhalten und wegen seines Alkohol- und Drogenkonsums in einer Entziehungsanstalt behandelt werden. Für die beiden Jüngeren sprachen sich die Verteidiger für Jugendstrafen auf Bewährung aus. Die Urteile sollen kommende Woche gesprochen werden.

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