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Behörden prüften 34 Betriebe im Nordosten : Puten mit Pillen vollgestopft

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Medikamentencocktail im Geflügelstall: Ob Ökohöfe oder konventionelle Betriebe - in nahezu allen Putenbeständen in Mecklenburg-Vorpommern wird Antibiotika eingesetzt, teilweise in hohen Dosen, ergab eine Untersuchung.

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erstellt am 17.Dez.2012 | 10:02 Uhr

Schwerin | Medikamentencocktail im Geflügelstall: Ob Ökohöfe oder konventionelle Betriebe - in nahezu alle Putenbeständen in Mecklenburg-Vorpommern wird Antibiotika eingesetzt, teilweise in hohen Dosen, ergab eine gestern vorgestellte Untersuchung. Nach den Medikamentenskandalen in der Geflügelhaltung im vergangenen Jahr hatte Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) die Studie in Auftrag gegeben. Von den untersuchten 34 Betrieben mit mehr als 300 Tieren - 26 konventionelle, acht ökologische - hatte lediglich ein Öko-Betrieb vollkommen auf Antibiotika verzichtet. In den anderen Ställen gab es teilweise Medikamente satt: In einem Fall wurden Tiere bis zu 14-mal in ihrem 21wöchigen Leben mit Arzneimitteln vollgestopft, im Durchschnitt der untersuchten Betriebe drei bis acht Behandlungen je Durchgang - unter anderem wegen Atemwegserkrankungen. Dabei kommen sowohl in kleinen als auch in großen Betrieben mit bis zu 40 000 Mastplätzen Medikamente zum Einsatz. Es gebe keinen direkten Zusammenhang zwischen Betriebsgröße und Behandlungshäufigkeit, erklärte der Tierarzneiexperte im Agrarministerium, Dirk Freitag. Der Umweltverband BUND sieht hingegen in den großen Ställen den Grund für die hohen Medikamentengaben. Während die Puten in kleineren Mastanlagen einzeln behandelt werden könnten, würden in großen Betrieben auch gesunden Tieren die Medikamente verabreicht, sagte BUND-Agrarexperte Burkhard Roloff.

Besonders anfällig sind die Tiere der Studie zufolge in den ersten Lebenstagen. So sind in den ersten drei Wochen und zwischen der siebten und neunten Lebenswoche am häufigsten Medikamente eingesetzt worden. "Wir haben ein Grundproblem in den ersten Tagen", sagte Backhaus. Auch bei der Futterumstellung würden immer wieder Krankheiten auftreten. Zwar müsse erkrankten Tieren geholfen werden. Es gebe eine Verpflichtung zu helfen, meinte Backhaus. Auch werde der Einsatz von Antibiotika nicht vollständig auszuschließen sein. Aber: Der Einsatz müsse weiter minimiert werden, forderte er. Nach der Antibiotika-Studie seien die Putenfarmen jetzt aufgefordert worden, Konzepte zur Minimierung des Medikamenteneinsatzes vorzulegen. So müsse vor allem die Stallhygiene verbessert werden. Auch Brütereien und Futtermittelhersteller seien gefordert. Backhaus: "Es ist technisch möglich, ohne Antibiotika auszukommen." Allerdings müssten Verbraucher auch bereit sein, für den höheren Aufwand im Stall "ein bisschen mehr zu bezahlen". Im kommenden Jahr solle die Untersuchung wiederholt werden.

Trotz der teilweise hohen Medikamentengaben müssen sich Verbraucher Backhaus zufolge aber nicht sorgen: Geflügel, das in MV aufgewachsen sei, könne "ohne Bedenken" gegessen werden, meinte er. Backhaus selbst werde zum Weihnachtsfest "demonstrativ eine Bio-Pute" servieren. Bei allen Kontrollen seien in MV seit Jahren schon keine Rückstände weder im Puten- noch im Hähnchenfleisch nachgewiesen worden.

Im Sommer war in einer Studie festgestellt worden, dass die Tiere in nahezu allen Hähnchenbetrieben in MV mit Antibiotika behandelt würden. Inzwischen scheint der Einsatz verringert worden zu sein. Die ersten Durchgänge seien ohne Antibiotika ausgekommen, erklärte Backhaus gestern. Zudem hätten Stichproben ergeben, dass die Zahl der Antibiotika-Behandlungen von durchschnittlich 3,6 im vergangenen Jahr auf 2,6 in diesem Jahr reduziert worden sei. "Wir kommen voran", sagte Backhaus. 2013 solle auch bei Schweinen und Rindern der Antibiotika-Einsatz untersucht werden.

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