DDR-Bodenreform : „Purer Wahnsinn“

Manfred Graf von Schwerin steht vor seinem Herrenhaus in Plänitz (Ostprignitz)
Manfred Graf von Schwerin steht vor seinem Herrenhaus in Plänitz (Ostprignitz)

Vor 70 Jahren wurde die Bodenreform proklamiert

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02. September 2015, 08:00 Uhr

Für Manfred Graf von Schwerin ist nach 70 Jahren das Thema nicht abgeschlossen. „Mit der Bodenreform geschehenes Unrecht darf nicht vergessen werden“, betont der 82-Jährige. Er ist Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Recht und Eigentum. Die Mitglieder kämpfen für die Aufarbeitung des damals Geschehenen – und für Wiedergutmachung im Interesse der Betroffenen und ihrer Erben. „Vertreibung und Enteignung waren Straftaten“, sagt von Schwerin anlässlich des Gedenkens an das Ereignis vor 70 Jahren.

Am 2. September 1945 wurde in der brandenburgischen Kleinstadt Kyritz nordwestlich von Berlin die Bodenreform proklamiert. Im Hotel „Schwarzer Adler“ verkündete der damalige Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands, Wilhelm Pieck, die Verordnung. Mit wenig zimperlichen Propagandaplakaten wurde die Zielrichtung vorgegeben: Ein hemdsärmliger Neubauer attackiert mit einem Spaten symbolisch Menschen, die als Junkerpack diffamiert werden. Auf einen Schlag verloren alle Großgrundbesitzer mit mehr als 100 Hektar ihren Landbesitz. Enteignet wurden auch Grund und Boden von Kriegsverbrechern und Nazi-Führern. Darunter waren auch vermeintliche Schlüsselfiguren des NS-Systems, wie SED-Geschichtsforscher Andreas Malycha sagte. Der Vater von Manfred Graf von Schwerin war ein überzeugter Nazi-Gegner und saß in Haft. Der Familie gehörten etwa 800 Hektar bei Anklam in Mecklenburg-Vorpommern.

Tausende wurden bei der Bodenreform von ihren Höfen vertrieben. „Niemand von uns konnte damals ahnen, welche Dimensionen des puren Wahnsinns das Schlagwort ,Reform‘ annehmen sollte“, schrieb 1947 Tilo Freiherr von Wilmowsky, ehemaliger Besitzer des Gutes Marienthal bei Naumburg im heutigen Sachsen-Anhalt. Mit der Familie musste er den Hof räumen und wurde verhaftet. Später gelang die Flucht in den Westen. Viele seiner Freunde verloren aber ihr Leben, wie er sagte.

Die Neubauern hatten wenig Glück mit ihrem gerade erst erworbenen Eigentum. Mitte der 1950er-Jahre begann die Zwangskollektivierung – und sie mussten ihr Land in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) einbringen.

„Nach der Wende wurden sie erneut Opfer“, sagt von Schwerin. Das Land Brandenburg hatte sich in Grundbücher für diese Grundstücke eintragen lassen, weil die Besitzer vermeintlich nicht auffindbar waren. Seit 2010 werden nach einem Gerichtsurteil die rechtmäßigen Erben gesucht. Das Finanzministerium stellte bereits 7500 Anträge auf Berichtigung der Grundbücher.

Die Bodenreform

Bei der Bodenreform vor 70 Jahren in der Sowjetischen Besatzungszone – der späteren DDR – sind rund 700 000 Großgrundbesitzer mit mehr als 100 Hektar Land sowie Kriegsverbrecher und Nazi-Führer enteignet worden. Etwa ein Drittel der Agrarfläche in den heutigen neuen Ländern war betroffen: insgesamt 2,5 Millionen Hektar und bereits von den Nationalsozialisten konfiszierte 600 000 Hektar. Das Land – jeweils etwa 20 Hektar – ging an etwa 500 000 Landarbeiter, landlose oder landarme Bauern.
 

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