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Mecklenburg-Vorpommern

20. Oktober 2017 | 07:21 Uhr

Pure Notwehr oder Kulturbarbarei?

vom

svz.de von
erstellt am 13.Dez.2012 | 08:23 Uhr

Stralsund | Der Sprecher der Stralsunder Staatsanwaltschaft Ralf Lechte bestätigt den Eingang gleich mehrerer Anzeigen in Sachen Stadtarchiv. Die wichtigste kommt von der Stadt und richtet sich gegen die entlassene Archiv-Direktorin Dr. Regina Nehmzow. Gegenstand seien sowohl der ungenehmigte Bücherverkauf zu Beginn des Jahres, als auch der vom Hauptausschuss am 5. Juni beschlossene "Verkauf Teilbestand Gymnasialbi bliothek". Durch diese Vorlage fühlten sich die Stadtvertreter im Hauptausschuss offenbar "nicht angemessen beraten", so Lechte.

Die eingeleiteten Ermittlungen dürften sich sehr komplex gestalten. Es sei zu recherchieren, welche Bücher, zu welchem Preis, wann und an wen veräußert wurden. "Die Bücher wurden ja zum Teil kistenweise verkauft", sagt Lechte. Offenbar fehlten die Nachweise in Katalogen und Bestandslisten des Stralsunder Stadtarchivs. Ziemlich sicher ist sich der Jurist, dass es sich um den Vorwurf von "Haushaltsuntreue" handelt, der juristisch verfolgt wird. Es gebe aber keine Hinweise, dass Geld in die private Kasse der Archivarin geflossen sei.

Dieser Tage hat Regina Nehmzow erstmals in der Öffentlichkeit ihre Sicht der Dinge dargelegt. Zum Teil wenigstens. Seit 1992 bereits habe sich die Archivsituation zugespitzt. Frost und Wasser hätten den Büchern zugesetzt. Sie spricht gegenüber den Medien von "Fehlsanierung" des Archivgebäudes. Ihre Ängste um die wertvollen und unwiederbringlichen Urkunden und Handschriften seien seitens der Verwaltung als "unbegründet" abgetan worden.

Hat sie darum in aller Not Bücher verkauft - einerseits, um sie vor Totalverlust zu retten, andererseits, um Geld für Notmaßnahmen im Archiv zu bekommen? Das wird die Staatsanwaltschaft jetzt zu klären haben. Auch, wieso der Hauptausschuss erst grünes Licht für einen Verkauf der wertvollen Bestände gibt, dann aber die Stadt Anzeige gegen ihre Bedienstete stellt.

Ist die Archivchefin das berühmte Bauernopfer? Im Januar 1987 trat die promovierte Historikerin ihre Arbeit im "Gedächtnis" der Hansestadt an. "Wenn man 23 Jahre dabei ist, kennt man zwar alle Prozesse und Abläufe. Aber es ist ein Unterschied, ob man die Chefrolle nur für drei bis vier Wochen oder vollständig jeden Tag ausfüllt und auch mal unpopuläre Entscheidungen treffen muss", sagte Dr. Nehmzow im Dezember 2009 der Ostseezeitung.

Damals freute sie sich über gerade begonnene Baumaßnahmen im Umfang von 1,2 Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket am historischen Gebäude des Archivs. Die Erneuerung von Dach, Dachstuhl, Fenster war mit diesen Fördermitteln für die Weltkulturerbe-Stadt Stralsund geplant. 2010 sollten die Arbeiten am Johanniskloster abgeschlossen sein. Heute findet sich auf der Webseite nur der lakonische Satz: "Das Stadtarchiv bleibt bis auf weiteres aus technischen Gründen geschlossen."

War der Verkauf der Bücher Kulturbarbarei?

3000 laufende Meter Akten zur Stadtgeschichte beherbergt das Stralsunder Archiv. Darunter auch 125 000 Bibliotheksbände. War es fachlich also mindestens fragwürdig, einzelne Dubletten, Bücher, die als "Zweitexemplar" auch noch in anderen Beständen des Archivs vorhanden waren, zu veräußern? So etwas sei übliche Praxis von Bibliotheken und Archiven in aller Welt, ist auf einschlägigen Internetforen von Archivaren zu lesen und von anderen Fachleuten zu erfahren.

War der Stralsunder Verkauf trotzdem "Kulturbarbarei"? Gutachter berufen sich in ihrer Wertabschätzung besonders auf einen Verkaufskatalog des Antiquars Peter Hassold aus dem schwäbischen Dinkelscherben. Der Buchhändler ist "es leid, mich mit diesem Thema immer wieder zu beschäftigen. In den letzten Wochen bin ich immer wieder beschimpft und beleidigt worden und das, obwohl ich der Stadt großzügig entgegengekommen bin", schreibt er in einer traurigen Mail. "Hätte ich nur geahnt, was da auf mich zukommt, hätte ich einen großen Bogen um Stralsund gemacht."

Gestern nun kommt an die Öffentlichkeit, dass er eine Honorarkraft im Archiv bezahlt haben soll. Vermutungen werden laut, die hätte ihm die besten Stücke zum Kauf herausgesucht. Auch das wird der Staatsanwalt zu klären haben. Es erscheint wenig wahrscheinlich, dass eine Archivleiterin ohne Wissen ihrer Vorgesetzten eine Stelle bezahlt und besetzt. Doch in diesem Fall gibt es so viele unwahrscheinliche Dinge.

20 000 Euro aus einem der Buchverkäufe aus Frühjahr und Sommer sind in der Stadtkasse bislang wieder aufgetaucht. Ein Indiz dafür, dass die Abwicklung buchhalterisch mit rechten Dingen zuging. Ein Indiz, dass Regina Nehmzow nicht aus eigenem Antrieb städtische Werte veruntreut hat? Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) lässt am 17. Oktober das Stadtarchiv für die öffentliche Nutzung sperren. Der Grund: Ein Gutachten des Leipziger Zentrums für Bucherhaltung.

Bereits am 11. Januar 2012 hatte die Stralsunder Stadt-

erneuerungsgesellschaft auf ihrer Internetseite unter der Überschrift "Klosteranlage St. Johannis - Dächer dicht!" beschrieben: "Die ehemaligen Klausurbereiche werden heute als Stadtarchiv genutzt, das zu den größten seiner Art in Deutschland zählt. Es wird ständig erweitert, weshalb der Ausbau der Magazinräume von großer Bedeutung ist. Aufgrund der eindringenden Feuchtigkeit durch undichte Dachdeckungen sind starke Schäden am Dach, Dachstuhl und den Fenstern in den Räumlichkeiten des Stadtarchivs ... der mittelalterlichen Handschriftensammlung zu verzeichnen. Die umfangreichen Sanierungsarbeiten begannen im September 2009 und werden im Rahmen des Investitionsprogramms nationale Unesco-Welterbestätten finanziert."

Die Linke fordert eine Untersuchung

Der Hauptausschuss der Hansestadt beschließt am 5. Dezember 2012, Regine Nehmzow fristlos zu entlassen. Am 12. Dezember wird dieser Beschluss nicht aufgehoben, obwohl es Stimmen in der Bürgerschaft gibt, die ihr nicht die Alleinschuld zuschieben. Das Schweriner Innenministerium hat inzwischen beide Buchverkäufe als rechtswidrig eingestuft. Ein Sprecher nennt den Vorgang gegenüber dieser Zeitung einen "klaren Satzungsverstoß". Die Bücher seien als Kulturgut klassifiziert und somit im Prinzip unverkäuflich. Dass Nehmzow selbst versucht hat, Teile der Archivalien als Kulturschätze deklarieren zu lassen, um besser an Fördermittel zu gelangen, erfährt man aus Schwerin leider nicht.

Die Fraktion "Die Linke" im Stralsunder Stadtparlament möchte nicht länger im Nebel stochern. Linkspolitiker Wolfgang Meyer äußerte die Vermutung, dass die Stadtspitze bereits seit längerem von dem Schimmelbefall im Archiv wusste. Und fordert einen Untersuchungsausschuss. Seine Fraktion legt noch nach: Archivbau geht vor Ozeaneums-Erweiterung!

Vor gut einer Woche meldet sich OB Badrow nochmals zu Wort: "In den letzten Tagen gab es zur Veräußerung eines Teils der ehemaligen Gymnasialbibliothek aus dem Stralsunder Stadtarchiv eine kontroverse öffentliche Diskussion. Die im Zusammenhang mit der Verkaufsentscheidung von den Fachleuten unserer Einrichtung vertretene Auffassung wurde dabei teilweise in Frage gestellt." Gemeint sind wohl die Erörterungen der Archivleiterin vor dem Hauptausschuss im Juni.

Warum hinkt der Verwaltungschef offensichtlichen Tatsachen hinterher? Es scheint hinlänglich bewiesen, dass es sich um wertvolles und eigentlich unveräußerliches Kulturgut handelte. Wenigstens gegen die eigene Archivsatzung wurde mit dem Verkauf verstoßen. Wieso hat der Hauptausschuss erst dem Buchverkauf zugestimmt? "Mit dem Ziel der Bereinigung der Bestände wurde vom Stadtarchiv Stralsund in der ersten Jahreshälfte 2012 eine Vorlage initiiert, erarbeitet und auf den Weg gebracht", heißt es in den Protokollen, die dereinst im Stadtarchiv landen werden. Jetzt beschweren sich Ratsherren und -damen dagegen, man sei nicht ausreichend über den Sachverhalt aufgeklärt worden.

Im Protokoll liest es sich so: "Die zum Verkauf vorgesehenen Bücher würden nicht mehr benötigt. Nachfragen der Hauptausschussmitglieder wurden durch die Leiterin des Stadtarchivs beantwortet. Im Ergebnis der Erörterung wurde der Verkaufsbeschluss einstimmig gefasst." Inzwischen hat in der Hansestadt so etwas wie Krisenmanagement eingesetzt. Der OB hat die unverzügliche Rückabwicklung des Verkaufes veranlasst. Von den Kosten im weiteren Umgang mit den Beständen des Stadtarchivs hat noch niemand eine Ahnung. Die gute Nachricht aus der Stadtverwaltung: Seit dem 3. Dezember 2012 befinden sich die 5278 Bücher der Gymnasialbibliothek wieder in Stralsund.

"Ich bin sehr froh, dass zumindest das funktioniert hat, dass 90 Prozent hier zurück sind. Das macht er (der Käufer d. A.) übrigens kostenlos", kann der OB dem Stadtrat melden.

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