80-jährige Schweriner Liedermacherin Burr produziert neue CD : Punk-Pop trifft auf Volksmusik

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Beherzt greift Christel Burr in die Saiten. Mit klarer Altstimme schmachtet sie einen ihrer Lieblingssongs ins Mikrofon. "Rote Rosen hat er mir geschenkt", singt die 80-jährige Schwerinerin inbrünstig mit rollendem R.

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25. März 2013, 06:54 Uhr

Schwerin | Beherzt greift Christel Burr in die Saiten der Gitarre. Mit klarer Altstimme schmachtet sie einen ihrer Lieblingssongs ins Mikrofon. "Rote Rosen hat er mir geschenkt", singt die 80-jährige Schwerinerin inbrünstig mit rollendem R. Die rüstige Rentnerin arbeitet an ihrem Debütalbum. Einige ihrer mehr als zweitausend selbst komponierten Volkslieder kämen auf die CD, sagt sie. Mitwirkende sind Kinder, eine Behinderten-Combo und die Punk-Rock-Band "Debil", die ganz eigene Versionen von Volksmusik darbieten. "Solche witzigen Interpretationen alter Lieder haben das Zeug zum Ohrwurm", meint "Debil"-Schlagzeuger Nico Nevermann.

Mit dem musikalischen Experiment geht für Christel Burr ein Lebenstraum in Erfüllung. "Ich lasse mich gern auf dieses Abenteuer ein", gesteht sie. Volksmusik müsse nicht nur klassisch zu Gehör gebracht werden, man dürfe sie durchaus interpretieren und verändern.

"Mich macht es glücklich, dass meine Lieder so durch die Generationen gehen und jüngere Leute an ihnen Freude haben."

Selbst habe sie nie Noten gelernt. "Doch schon als Kind fielen mir immer Melodien ein", erzählt die Autodidaktin. Sie seien ihr einfach in den Kopf gekommen, bei Regen oder Wind, beim Rascheln von Blättern, dem Knistern von Feuer oder Knacken von Ästen, erinnert sich die Hobby-Musikerin. "Die Melodien mussten dann gleich aufs Band, ohne Text, nur mit La-La, sonst wären sie ja wieder weg gewesen."

Über die Jahre habe sie mit einem Aufnahmegerät Dutzende Kassetten voll geträllert, erzählt die Sängerin. Später, als sie in einem Schweriner Altenheim arbeitete, dichtete die inzwischen gestorbene Kollegin Brigitte Alfini die Texte für Seemanns-, Liebes-, Wander-, Heimat- und Kinderlieder dazu. Genau 2476 Titel umfasst das aktuelle Repertoire der Christel Burr. Mit ihren Bühnenprogrammen erfreut die charmante Liedermacherin seit Jahrzehnten die Senioren der Stadt.

Ihr Lebenswerk, gebannt auf mehr als 70 Tonband-Kassetten und Ordner füllende Textblätter, vermacht Christel Burr der Nachwelt.

2010 schenkte sie die Sammlung dem Schweriner Nachbarschafts-Verein "Hand in Hand". "Meine Lieder sollen nicht im Schredder landen, wenn ich mal nicht mehr bin", wünscht sie sich.

Der Fundus ist inzwischen vollständig digitalisiert, sagt Jürgen Wörenkämper vom Vereinsvorstand. Auch die CD, die bis Juni mit einer Auflage von 500 Exemplaren produziert werde, soll zum Erhalt des Volksliedgutes der Mecklenburgerin beitragen. "Vielleicht erobert das Album ja sogar die Charts", meint Wörenkämper. Bis dahin aber stehen noch etliche Proben und viel Studioarbeit an, weiß auch Nico Nevermann von "Debil". Die 1996 in Grabow bei Ludwigslust gegründete Cover-Band der "Ärzte" und "Toten Hosen" verändere Rock, Pop und Schlager zu Partymusik, erklärt Nevermann.

Weniger rebellisch, mehr spaßig verfremde "Debil" nun einige melancholische Volkslieder der Burr zu einer Art Punk-Pop. Nicht für Geld, nur aus purer Freude an gutem Rock, betont der Drummer. "Wir können nicht anders als laute lustige Musik zu machen."

Zu den Interpreten des von Land und EU geförderten CD-Projekts mit dem Titel "Musik verbindet Generationen" gehören auch Kids eines Schweriner Kindergartens. Hinzu kommen außerdem eine Schülerband und eine Gruppe behinderter Musiker der Dreescher Werkstätten, die Band "Five Works", wie Projektkoordinator Sylvio Richter sagt. Für alle Beteiligten gebe es aus Kostengründen nur ein einziges gemeinsames Konzert Anfang Juni im historischen Schweriner E-Werk.

Christel Burr klimpert sanft auf ihrer umgebauten Gitarre, einer mit Saiten-Tasten bestückten Gitarola von 1959. "Viele wunderschöne Jahre" singt sie etwas wehmütig. In den letzten Monaten habe sie aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten müssen. Aber auf das Konzert und ihre erste CD, darauf freue sie sich wirklich, so Burr . "Ich bin doch so gespannt, was die Jüngeren aus meinen Liedern machen und wie das Publikum reagiert!"

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